Sarah lehnt sich aus dem Fenster


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Sarah lehnt sich aus dem Fenster. Welch ein Unsinn! Sarah lehnt sich aus dem Fensterrahmen. Sarah beobachtet. Und sieht nichts. Sieht nicht die Autos, die unter ihr auf der Straße fahren. Hört nicht das Geräusch von quietschenden Bremsen, Hupen und lautem Geschrei. Sarah fühlt Ben. Ben wie er lacht. Ben wie er mit Schwung ins Wasser springt. Fontänen aus Tropfen schwirren durch die Luft. Sarah denkt, es wird wohl Regen geben oder ein Gewitter. Wasser riecht Sarah. Literweise Wasser.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängen bunte Transparente vor dem Buchladen. Schlußverkauf. Vor den beiden großen Fensterscheiben stehen Tische, Bücher sind darauf gestapelt. Man ahnt es, was gibt es sonst beim Buchhändler zu kaufen. Menschen drängen sich vor den Tischen. Gehen in den Laden, verlassen den Laden. Musik strömt durch die geöffnete Tür. Notentöne plätschern durch die Luft, bis der Motorenlärm sie überdeckt. Sarah hört Bens Stimme. Plusternd. Ben winkt ihr zu. Winkt, komm doch ins Wasser. Tauchend schwimmt er ein Stück weiter hinaus, weg von der Ufermauer. Sarah bewundert seine kräftigen Züge. Der See ist kristallklar.

Zwei Stockwerke tiefer öffnet Frau Müller erst das linke, dann das rechte Wohnzimmerfenster von der Straße aus gesehen. Bratenduft verbreitet sich oberhalb der Autoabgase. Wirbelt an der Hauswand entlang Richtung Dach und gegen den grauweißen Himmel. Frau Müller erwartet ihren Mann. Immer freitags. Freitags gibt es bei Familie Müller Braten. Rollbraten, Kalbsbraten, Schmorbraten. Frau Müller mag Braten, Herr Müller mag Braten. Freitagsbraten. Man kann den Bratenduft sehen. Jeder im Haus weiß, wenn es im Hausflur nach Braten riecht, ist Freitag. Sarah liebt Ben. Wenn die Sonne seine braune Haut trocknet, und er nach warmen Wasser riecht. Ben liebt Sarah. Er liebt ihren Blick, wenn er sich naß neben sie auf die Decke legt. Und ihren Aufschrei, wenn er seinen Kopf schüttelt, und ihr Körper von winzig kleinen Tropfen übersät wird.

Sarah meint, ein Grummeln zu hören. Weit weg. Die ersten Anzeichen, das Gewitter naht. Sie fürchtet sich vor Gewitter. Besonders am See. Das scheppernde Tönen, das klingt wie ein Schlag gegen eine große Metallscheibe, schüchtert sie ein. Sie kuschelt sich in Gedanken an Ben. Manchmal treffen sie sich mit Freunden, die im nahegelegenen Dorf ein Haus besitzen. Sophie und Marcel. Die Trommelgeräusche, die sie dort hört, lassen sie frei fühlen, enthemmter. So enthemmt, daß sie sogar selbst anfängt, mit den Händen auf alle möglichen Gegenstände zu trommeln. Keiner stört sich daran, wenn sie nicht im Takt bleiben kann. Bumm, bumm, bumm.

Mit den Händen schlägt Sarah gegen den äußeren Fenstersims. Erste Regentropfen zeigen ihre feuchten Spuren. Sarah versucht, sie mit ihren Fäusten zu treffen. Die Faustschläge auf dem metallenen Sims klingen wie eine Melodie. Sarah gefällt diese Musik. Die Tropfen halten sich nicht an einen Rhythmus. Sie fallen ohne Taktvorgabe. Sarah hört hämmernde Gewittergeräusche. Nah. Sehr nah. Ein aufkommender Wind treibt die größer werdenden Regentropfen in das Zimmer. Sarah schließt das Fenster. Der Teppichboden ist platschnaß, wie durchtränkt. Jemand schlägt mit Wucht gegen die Wohnungstür. Sarah meint, das Geräusch von splitterndem Holz zu hören. Das Geräusch von einem rauschenden Wasserfall. Das Geräusch von einem zerborstenen Wasserrohr, einem Brunnen, der überläuft.

Ein Schwall Wasser wirft sie fast um, als sie die Badezimmertür öffnet, oder war es das Donnergeräusch der Wohnungstüre, in der im selben Moment ein großes Loch klafft?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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