Opfer als fragwürdiges Gesellschaftsphänomen


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Zwischen Arbeit und Anerkennung, Leid und Schaden

Manchmal ist es definitiv schade, nicht gänzlich einen, nein, mehrere Blicke in die Vergangenheit werfen zu können. Sicherlich durch Ausgrabungen, schriftliche Mitteilungen, mündliche Überlieferungen ist uns einiges über das Leben, das Verhalten, die Gedanken unserer Ahnen bekannt.

Manches erscheint uns fremdartig, weil es nicht mehr mit unserem heutigen Wissenstand vereinbar ist, oder weil es eine abartige Handlung darstellt, die nicht explizit sich über alle Menschengeschlechter verbreitet hatte. Weder die Handlung noch die gedankliche Rechtfertigung ist bis heute zufriedenstellend geklärt, wenn Gruppierungen, Gesellschaften zu welchem Nutzen auch immer, Opfergaben dargebracht haben. Für wen oder was geopfert wurde, wird in diesem Text bewußt nicht näher eingegangen, denn dies ist irrelevant und austauschbar. Die Opfer hingegen nicht, sie sind weder irrelevant noch austauschbar.

Opfer, mittelhochdeutsch opfer, althochdeutsch opfar, rückgebildet aus opfern. (Duden) Synonyme sind Einsatz, Preisgabe, Verzicht, Geschädigter, Leidtragender, Kanonenfutter.

opfern, mittelhochdeutsch opfern, althochdeutsch opfarōn, ursprünglich etwas Gott als Opfergabe darbringen, (kirchen)lateinisch operari, einer Gottheit durch Opfer dienen; Almosen geben; vgl. operieren. (Duden) andere Begriffe sind hergeben, schenken, sich aufopfern, preisgeben, auf sich nehmen.

Interessant, operieren ist sprachverwandt mit opfern, wußten Sie das?

Operieren, lateinisch operari, arbeiten, sich abmühen, zu opus, Opus. (Duden) Andere Wörter sind, eine Operation durchführen, aufschneiden, handeln, verfahren, wirken, agieren.

Opus, lateinisch opus, Arbeit; erarbeitetes Werk. (Duden) Andere Begriffe sind, Arbeit, Erzeugnis, Kunstwerk, Produkt, Schöpfung, Kreation.

Nun kann man sich fragen, sahen unsere Vorfahren Arbeit, Schöpfung als Opfer an? Und wenn dem so war, war es ein selbstloses Opfer, ein Entbehren oder ein erzwungenes Opfer, weil es erforderlich war?

Im sprachlichen Gebrauch kann Opfer für eine kultische Handlung als Opfergabe, als ein Entbehren zugunsten anderer, als jemand, der zu Schaden gekommen ist, benannt werden. Kultische Handlungen, bei denen Opfergaben dargereicht, getötet wurden, sind bis in die tiefen Weiten der Vergangenheit bekannt. Diese Opfergaben stellten in vielen Fällen für andere Entbehrungen dar, und waren die Opfergaben Menschen, so sind diese zu Schaden gekommen. So lapidar kann man das beschreiben, aber wird man dadurch zu dem Wort Opfer näher hingeführt, kann man das Wort, den Begriff besser verstehen?

Steckt nicht mehr hinter diesem Begriff? Ist jede Arbeit ein Opfer? Ist das Opfer die Arbeit? Würden Tiere, könnten sie sich uns mitteilen, ihre tägliche „Arbeit“, nach Nahrung suchen, Nest oder Höhle bauen, oder was Tiere sonst noch so alles treiben, um sich naturgemäß wohlzufühlen, diese Tätigkeiten Opfer nennen? Opfern sie Gaben oder gar Artgenossen, um bestimmte Ziele zu erreichen?

Schätzungsweise würden sie dies verneinen, bis wir ihnen diese Frage gestellt hätten. Denn die Frage könnte das ein oder andere Tier dazu verleiten, lassen wir die Beweggründe offen, seine Arbeit, seine Schöpfung, seine Kreation als Opfer zu sehen, in dem Moment, wenn er sich selbst als Opfer versteht.

Wer Opus, Arbeit, Schöpfung als operieren, sich abmühen, bewertet und ansieht, der wird sämtliche Handlungen als Opfer, als Leidtragender, der sich opfert, der Schaden nimmt zugunsten anderer verstehen. Die Folge der Opferrolle wird oder kann dazu führen, andere zu Opfern zu machen, anderen Menschen Schaden zuzuführen.

Soll demnach die gesamte Schöpfung eine Aufopferung sein? Sind wir demnach alle Opfer? Welchen Sinn hätte das?

Sisyphos, der große Weisheit besessen haben soll, hat den Totengott Thanatos verärgert, sodaß dieser ihm als Strafe einen Felsblock auf einen Berg rollen läßt, der kurz vor dem Gipfel wieder herunterrollt. Hat Thanatos Sisyphos zur ständigen Opfergabe dadurch gezwungen, und warum hat Sisyphos, der Weise, sich aufopfernd diesem Schicksal ergeben?

„The Madman of Naranam“, die Legendenerzählung von Naranath Bhranthan, schildert die Freude, die man erleben kann, wenn man einen Felsblock vom Gipfel nach unten rollen läßt. Nicht als Opfer, sondern als schöpferischen Akt, dem man immer wieder gerne zusieht.

Selbsternannte Opfer, Menschen, die böswillig in Form von Sprache oder Handlungen sich wohl fühlen in ihrer Opferrolle, weil sie dadurch Beachtung, Anerkennung erlangen wollen, tragen dazu bei, Opfer zu verhöhnen. Die Opfer, die sie durch ihre Unfähigkeit, sich schöpferisch am Leben zu beteiligen, als Opfergabe entbehren, damit sie selbst das Gefühl haben, etwas zu erreichen, ohne Verzicht.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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