Das Märchen vom Gasbar ohne Furcht und Tadel – Teil 2


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Je näher der Kater dem Haus kam, desto vorsichtiger und auch daher langsamer, gezielter waren seine Schritte. In geduckter Haltung, jederzeit bereit zum Sprung, begab er sich zu einem hell erleuchteten Fenster ohne Vorhänge und Gardinen, sprang elegant auf den Fenstersims und spähte hinein. Im nächsten Augenblick meinte Gasbar, sein Blut würde in den Adern gefrieren, dermaßen schockierte ihn das Geschehen im Raum, der viel eher als ein großer Saal sich entpuppte. So viele Katzen in Käfigen hatte er sein Lebtag noch nie gesehen, geschweige denn gewußt, daß es Menschen gab, die skrupellos seine Artgenossen einsperrten.

Ein gefährlich scharfer Luftzug hinter seinem Nacken verriet ihm gerade noch rechtzeitig die aufkommende Gefahr, mit zielsicherem Satz sprang er einer Sprungfeder gleich nach oben, krallte sich sofort am oberen Blendrahmenholz fest, zog sich mit einem Ruck selbst in die Höhe, um gleichzeitig beim nächsten Sprung auf dem Fenstersims der ersten Etage zu landen. Der verblüffte ältere Herr weit unter ihm fiel der Länge nach hin, ein großes Fangnetz in der rechten Hand, welches er losließ, um sich aufzustützen. Gasbar lachte ihn zu Recht aus, rannte aber sicherheitshalber in Windeseile von Fenster zu Fenster, die ziemlich dicht beieinander lagen, erreichte einen Ahornbaum, dessen großen Äste ihm eine sichere Brücke boten und war bereits gut getarnt fast ganz oben in dessen Krone, bevor der Alte wieder aufgestanden. Fluchend schlurfte dieser zurück ins Haus.

Gasbar schnaufte tief durch vor Erleichertung, soeben diese Gefahr gemeistert zu haben. Dabei schärfte er an der glatten Rinde des Laubbaumes seine Krallen, weiterhin den Hauseingang im Visier. Doch der Greis tauchte nicht mehr auf, eine Taube flatterte laut gurrend von der Dachrinne in Richtung der nahe stehenden Kirche, um auf dem Wetterhahn sich zu platzieren. In weiterer Entfernung hörte der Kater ein Martinshorn und zwei hupende Autos.

Irgendwie war er heilfroh hier oben, mußte aber an das traurige Schicksal der Katzen in den Käfigen denken, sann nach, welche Möglichkeiten es vielleicht gab, ihnen zu helfen, sie gar zu befreien.

Eine beispielhafte Befreiungsaktion

Langsam begann es zu dämmern, Nebelschwaden stiegen auf, während der Glockenschlag der Kirchturmuhr zur vollen Stunde sieben Mal erklang, ein Rabenpärchen drüben im Park sich laut krächzend neckte. Gasbar krümmte und streckte sich ausgiebig, um im nächsten Moment routiniert rückwärts den Ahornstamm nach unten zu steigen. Gerade wollte er das letzte Stück mit einem Sprung abschließen, als er jäh innehielt, gerade noch rechtzeitig stoppte.

Unten saß recht aufmerksam ihm entgegenblickend eine rothaarige Katze mit wunderschönen blauen Augen. Da sie keine Anstalten machte, ihn anzulauern, stieß Gasbar nunmehr ab und vollendete elegant, landete einen knappen Meter neben ihr.

„Nanu, wen haben wir denn hier, du wunderschönes Tier?“, begann Gasbar voller Verwunderung sie zu bezirzen, „in etwa verlaufen? Oder wolltest du mir entgegenfiebern. Ich heiße übrigens Gasbar, konnte gerade so dem Sturm entkommen.“ Die Rothaarige schaute ihn ziemlich verwundert an, lief in einem großen Bogen um ihn.

„Hallo Gasbar, ich bin die Jolie und frage mich gerade, von welchem Sturm du sprichst. In den letzten Tagen hatten wir eher ruhiges Spätherbstwetter. Und wieso schläfst du des nachts auf einem Ahornbaum? Es gibt sicherlich bequemere und vor allem wärmere Plätze, oder?“, erwiderte Jolie und stand sehr nah vor ihm, schaute in dessen bernsteinfarbene Augen. Gasbar hingegen war sichtlich angetan von ihr, schmolz nahezu dahin über dieses rothaarig, rassige Wesen, hatte sich somit Hals über Kopf in sie verliebt. Natürlich bemerkte dies Jolie, genoß dieses Gefühl der Anhimmelung in vollen Zügen.

Jedoch wurden sie plötzlich unterbrochen, aus dem Haus mit den vielen Fenstern und dem Saal gefangener Katzen stürmte der alte Mann, der noch Gasbar fluchend fangen wollte, richtete ein Gewehr auf sie. Im allerletzten Moment hechtete das Traumpaar hinter eine nahestehende Mauer, rannte weiter über einen Hof und verschwand durch ein unscheinbares, offenes Kellerfenster. Sie befanden sich in einem ehemaligen Kohlenkeller, in dem allerlei Sperrmüll lag, hatten beide Glück gehabt, weil direkt unter dem Fenster ein großer Glasscherbenhaufen lag, sie aber knapp diesen beim Sprung verfehlten.

„Oh, Jolie, endlich komme ich dazu, mich zu erklären. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Hm. Heute Nacht stürmte es tatsächlich ganz heftigst, das Dach meiner Menschenfamilie, den Webers, wurde ein Stückweit abgedeckt, sie verletzten sich sogar teilweise, kamen ins Krankenhaus. Ich selbst konnte mich gerade noch retten, suchte das Weite, bis mir eine Elfe namens Daringia begegnete“, erzählte er Jolie aufgeregt, „diese bot mir Hilfe an, sie würde mir drei Wünsche erfüllen. Obwohl sie mich vorher belehrte, sprach ich ziemlich leichtsinnig und viel zu schnell sie aus.“ Gasbar zögerte extra, um ihre Neugier herauszufordern.

„Und was hast du dir gewünscht, mein Süßer?“, fragte sie, kam ihm sehr nah, umarmte ihn dabei liebevoll. Gasbar wollte schon sich gehen lassen, besann sich aber, um fortzufahren.

„Bei meinem ersten Wunsch sollte der Sturm sofort enden, beim zweiten das Haus der Webers so ganz sein wie vorher und als ich meinen dritten Wunsch aussprach, ich wolle bei meiner Familie, meinen Eltern und Geschwistern sein, befand ich mich im nächsten Moment in einem sehr kleinen Raum, wo sie alle tot dalagen, konnte mich gerade noch befreien, bevor ein Mann mich aufgriff.“ Jolie schaute ihn bestürzt an, tröstete ihn innigst.

„Das tut mir aber sehr Leid für dich. Dennoch, wieso hast du dann den Ahornbaum bestiegen?“, fragte sie. Er erzählte ihr von dem großen Saal und den vielen Käfigen, in denen Katzen gefangen sich befanden.

„Ah, jetzt verstehe ich“, sagte Jolie, „da kann ich dich beruhigen, nichts leichter als das. Wir werden sie allesamt befreien, laß mich mal machen.“ Dabei lächelte sie ihn an, forderte ihn auf, ihr zu folgen. Forschen Schrittes begaben sie sich zu einem großen Platz, wo die Kirche war. Ein herzzerreißender Schrei folgte aus ihrer Kehle. Kurz darauf erschienen jede Menge Katzen, Gasbar hörte nach fünfzig gezählten auf, wußte am Ende, daß es wohl weit über hundert sein mußten. Jolie berichtete von dem Haus mit den gefangenen Artgenossen und niemand zögerte auch nur eine Sekunde, nicht helfen zu wollen.

Als sie das Haus erreichten, ward der alte Mann nicht zu sehen. Sicherheitshalber teilte sich die Katzenschar auf. Einige schauten vom Fenster in den Saal, andere postierten sich rings ums Haus, um notfalls Alarm zu schlagen, der Großteil ging gezielt hinein, da die große Haustüre nicht abgeschlossen war. Selbst die Tür zum Saal war sperrangelweit geöffnet, die Häscher waren sich ihrer Sache allzu sicher, weil die Katzen in den Käfigen sich befanden, ohnehin nicht entkommen konnten.

Trotzdem blieben einige Katzen im Flur, um aufzupassen, während ihre Kollegen nach und nach die Käfigtüren öffneten und die Gefangenen freudig herauskamen. Ein heftiges Fluchen ließ sie allesamt ganz kurz erstarren, Gasbar und seine neuen Freunde stürzten sich voller Wut auf den alten Mann, der schon das Gewehr zum Schießen angehoben hatte. Im nächsten Moment entglitt ihm dieses, vier Katzen schleiften es weg, mehrere zerkratzten ihm Gesicht und Hände. Keine zwei Minuten dauerte die Befreiungsaktion, dann waren alle draußen unterwegs, begaben sich in den Kirchpark.

Große Freude herrschte untereinander, Jolie und Gasbar sahen sich liebevoll an, sprangen auf einen großen Stein und verkündeten ihren Freunden, daß sie schon sehr bald sich vermählen würden. Alle stimmten fröhlich zu und verabredeten sich, gern dann mitzufeiern. Ganz oben, in einer Kastanie hing ein altes, leeres Vogelhäuschen, dort saß die Elfe Daringia und schaute ihnen erstaunt zu. Und wenn Gasbar und seine Frau Jolie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Lotar Martin Kamm

Das Märchen vom Gasbar ohne Furcht und Tadel – Teil 1

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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