Das Märchen vom Gasbar ohne Furcht und Tadel – Teil 1


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Drei Wünsche und ihre Folgen

Es war einmal ein ausgewachsener, stattlicher Karthäuser namens Gasbar, der so gar nicht wußte, wohin des Weges, weil in einer stürmischen Novembernacht er seine Eltern und Geschwister verloren hatte, eine umfallende Rotbuche sie urplötzlich trennte. In Erinnerung ward ihm geblieben das laute Knacken der großen Äste, die beim Aufprall zerborsten, das dumpfe Dröhnen des mächtigen Stammes, der um ein Haar ihn selbst erschlagen hätte, er nur noch mit einem schnellen Sprung sich retten konnte, in einer tiefen Pfütze landete und mit Müh und Not mehr paddelnd als schwimmend dem Ertrinken entkam.

Danach trotz seines naßen Felles Gasbar in langen Sätzen das Weite suchte, schließlich Schutz in einem Holzlager fand. Dort kauerte der Entronnene, hörte das Brausen des Sturmes, auch wie andere Bäume entwurzelt herniederkrachten, den prasselnden Regen auf dem Wellblechdach des Lagers und leckte intensivst sein graues Fell. So richtig durchnäßt bis auf die Haut war er dennoch nicht, weil seine fettige Unterwolle ihn vortrefflich schützte.

Mit seinen großen bernsteinfarbenen Augen schaute Gasbar sich um, konnte aber niemand entdecken, außer ein Mäuschen, welches schnellstens laut piepsend im nächsten Loch verschwand. Aber der Kater hatte ohnehin keinerlei Appetit, verspürte nicht den Drang, ihm nach zustellen, zumal ihm bewußt wurde, daß er soeben seine komplette Familie verloren hatte, er mutterseelenallein hier saß.

Als er einsam vor sich hingrübelte, hörte er auf einmal ein merkwürdiges Geräusch, welches er so gar nicht einzuordnen vermochte. Menschenwesen hätten dies mit Sicherheit nicht bemerkt, aber Katzen empfangen selbst leiseste Geräusche, spüren sie und können auf diese Weise Gefahren bemerken oder Beute erkennen, um sie zu fangen. Es handelte sich dabei um ein schnelles Flügelschlagen ähnlich wie bei einem Schmetterling, nur begleitetet mit einem blechernen Klang. In der Welt der Katzen gab es keine Drohnen, in sofern schloß Gasbar solche Möglichkeiten aus, was sowieso im nächsten Moment sich offenbarte. Eine winzige goldenleuchtende Elfe landete in sicherer Entfernung auf einem dicken Spinnwebfaden, der sie dennoch trug, so federleicht war ihr Körpergewicht.

„Sei gegrüßt, Gasbar, aus dem Hause der Webers, die inzwischen wohlbehalten in einem Krankenhaus der nahegelegenen Stadt untergebracht. Der Sturm hat das Dach abgedeckt, den Hauseingang zerstört, weil ein dicker Eichenstamm hineingeschleudert wurde. Keine Sorge, mit nur leichten Blessuren kamen sie davon“, begann die Elfe mit zarter, sehr hoher Stimme zu berichten, woraufhin Gasbar sich erstaunt aber ehrfurchtsvoll verneigte, wußte er doch zu genau aus den Erzählungen seines Urgroßvaters, wie liebevoll und hilfreich Elfen waren.

Während die meisten Menschen jene als Hirngespinst oder Ammenmärchen abtaten, vereinzelte Kinder oder junggebliebene Menschen jedoch zumindest deren Existenz nicht ausschlossen, ganz wenige sie gar zu Gesicht bekamen, der ein oder andere Kontakt bestand, fristeten die Elfen ein stilles Dasein im hektischen Treiben dieser chaotisch gestreßten Welt, die vielfach von Menschenhand zerstört stets versuchte, sich zu regenerieren.

„Ich heiße Daringia“, fuhr die Elfe fort, „und möchte dir angesichts deiner Notlage drei Wünsche anbieten. Überlege bitte sorfältig, bevor du sie vorschnell äußerst, denn jeder formulierte Wunsch wird ausgeführt, egal wie unsinnig er auch sein mag. Einzige Bedingung: Rachegedanken, jedwede Gewalt oder Zerstörung werden nicht erfüllt!“

Gasbar war völlig perplex, allein schon was ihre wunderschöne Erscheining betraf, ihre liebliche Stimme und erst recht vom Angebot der drei Wünsche. Gerade noch rechtzeitig hielt er inne, denn er wollte schon leichtfertig einen allzu harmlosen, nicht vielversprechend hilfreichen Wunsch äußern, um ihn im selben Moment zu verwerfen. Nach einer Weile antwortete er ihr.

„Herzlichsten Dank, Daringia, ich bin hellauf begeistert, daß du mich aufgesucht. Mein erster Wunsch lautet, daß dieser harte Sturm augenblicklich endet.“ Kaum ausgesprochen waren die dunklen, tiefen Regenwolken verschwunden, ein sternenklarer Himmel ward zu sehen und ein freundlich blickender Halbmond erleuchtete das helle Holz im Lager, kein Lüftchen wehte mehr. Der Karthäuser staunte nicht schlecht und zögerte nicht lang.

„Mein zweiter Wunsch wäre, daß das Haus der Familie Weber wieder ganz ist.“ Zugleich bemerkten die Nachbarn, daß wie von Zauberhand das Dach der Webers wieder im tadellosen Zustand, der Hauseingang wie eh und je aussah. Gasbar selbst, einiges weiter entfernt, konnte dies nur erahnen, glaubte aber an die Fähigkeiten der Elfe.

„Und zum Schluß mein dritter Wunsch. Ich möchte jetzt bei meiner Familie sein.“ Im nächsten Moment befand sich Gasbar in einem stockdunklen Raum, die Luft war äußerst stickig, und doch roch er den typisch verwesenden Geruch von Tierleichen.

Gefährliche Gratwanderung erfordert Weitsicht

Gleichzeitig störte Gasbar diese unheimliche Stille, wurde ihm schnell klar, daß im engen Raum seine drei Geschwister und Eltern lagen, allesamt tot waren. Nach intensiver Prüfung bemerkte er, daß wohl heimtückische Leute sie umgebracht haben mußten, weil derartige Verletzungen nicht vom Sturm herrühren konnten. Zum ersten Mal in seinem Leben machte er die schreckliche Erfahrung, wie bösartig Menschen wohl doch sein konnten. Er erinnerte sich an Erzählungen seiner Großmama, die ihn oftmals gewarnt hatte, auf der Hut zu sein, jedwedes Vertrauen zu den Homo sapiens nicht ganz so vorschnell entstehen durfte.

In der gegenüberliegenden Ecke des Raumes, also fernab der Toten, entdeckte Kater Gasbar eine Öffnung in der Decke, wahrscheinlich groß genug, um dort durchzuschlüpfen, wie er vermutete. Kurzentschlossen schob er mit all seiner Kraft einen schweren Karton darunter, sprang auf diesen, hangelte sich hoch und ward bereits zur Hälfte im Loch, als eine Tür laut quitschend heftigst geöffnet wurde. Wer auch immer den kleinen Raum betreten hatte, zu spät, der Karthäuser befand sich längst in Sicherheit, robbte im Luftschacht bis an dessen Ende, stieß mit seinem Kopf das Lamellen-Gitter nach draußen, welches glücklicherweise nicht verschraubt, sondern lediglich gesteckt war und fiel wohl gut vier Meter nach unten, bis er mit allen vier Pfoten sicher auf feuchten Betonboden landete.

‚Entkommen aus dem Leichenraum‘, schoß es ihm durch den Kopf und er atmete erleichtert auf, um dennoch schnellstens die Lage zu inspizieren. Katzen haben stets alles gern im Blickfeld, suchen blitzartig nach Fluchtwegen, weil sie niemals unbekannten Feinden hilflos ausgeliefert sein möchten, ihr Freiheitsdrang genau dies verlangt.

Sofortigst wußte er, daß hier keinerlei Hindernisse ihn erwarteten, im Gegenteil, überall gab es Möglichkeiten, im Notfall zu entkommen. Somit trottete er ziemlich lässig trotz des kürzlichen Erlebnisses auf ein angenehm wirkendes Haus zu, erinnerte sich dabei an seine verstorbene Familie, ärgerte sich kurz gar über seinen zu schnell formulierten letzten Wunsch der Elfe Daringia gegenüber, um im nächsten Moment den Frust abzuschütteln. ‚Was soll’s, auf diese Weise weiß ich wengistens, was mit meiner Familie geschehen‘, dachte er noch, obwohl er trotzdem ziemlich wütend auf jene Menschen war, die solch ein Verbrechen begangen hatten. Aber Gasbar sann keinerlei Rache, weil er wußte, es würde sie nicht wieder lebendig machen. Jetzt galt es, nach vorne zu schauen.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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