Gespaltener Schädel


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Nur sein eigenes Schnaufen und das Stapfen durch den Schnee zu hören, schien Bertram immer wieder ein Gefühl der tiefen Beruhigung zu vermitteln. Inzwischen, das wußte er, waren diese Tage eine Köstlichkeit, die es zu genießen gilt wie das Lutschen an einem Stück Schokolade, am liebsten die ganz dunkle, die harte, die er oft bei der Frau Liesl zugesteckt bekommen hatte, wenn er mit dem Einkaufskorb unterm Arm und einem krakeligen geschriebenen Zettel bei ihr im Laden stand und sie sich mühsam das Geschriebene entziffernd die Waren zurechtlegte, die er nach Hause bringen sollte.

Weder seine Mutter noch Frau Liesl waren im Lesen und Schreiben so gut wie er bereits nach der ersten Klasse. Es gab nicht viel Abwechslung der Dinge, die auf dem Zettel standen, meistens Mehl, Zucker, Seife, was stand da noch, ach ja, manchmal Wurst, eine ganz bestimmte, eine Salami, die kam aus Frankreich und war sehr teuer. Obwohl Frau Liesl wußte, was Mama einkaufen wollte, die Dinge sich nie änderten, waren beide darauf versessen, die eine den Zettel zu schreiben und die andere ihn zu lesen, und sie taten meistens so, als ob dies eine wichtige Mitteilung wäre, die fast schon so etwas wie geheimnisvoll anzusehen sei. Grüß mir die Kati, gab mir Frau Liesl auch immer mit, und Mama freute sich, daß Frau Liesl an sie gedacht hatte und alles, wie sie es aufgeschrieben hatte, im Korb lag. Einmal hat Mama auf den Zettel, einen gelben Lutscher, geschrieben, weil sie mich damit erfreuen wollte. Frau Liesl hatte keine gelben Lutscher mehr, da hat sie zwei rote Lutscher in Papier gewickelt. Als Mama mir den Lutscher geben wollte, jetzt halt den roten, hat sie aber zuerst das gelesen, was auf dem Einwickelpapier stand. Mama lachte und wir lutschten danach beide an den roten Lutschern.

Bertram fühlte trotz des Windes, der immer mehr Schnee verteilte, berauschende Wärme durch seinen Körper sprühen, und er bewegte sich kurz schneller, es kam ihm vor, wie wenn er bestrahlt durch Frühlingssonne unter blühenden Apfelbäumen den Wiesenhang herunterrollte. Auch so eine Köstlichkeit, die nur noch in der Erinnerung mitzuerleben, ihm vergönnt ist.

Lange hat er früher mit sich gehadert, ob die Entscheidungen seiner Eltern das Richtige für ihn waren. Sie drängten ihn, das Gymnasium zu besuchen, und nach dem Abitur waren sie diejenigen, die ihm alle Vorzüge aufzählten, fast gebetsmühlenartig, das Studium der Architektur in Berlin zu beginnen, obwohl sie wußten, Besuche und Wiedersehen sind höchstens einmal im Jahr möglich. Lieber wäre er hier geblieben, hätte den Hof übernommen, irgendein Handwerk gelernt, Schlosser oder Schmied. Ab und an schlich sich in dieser Zeit der Gedanke ein, sie wollten ihn loswerden. Er war doch ihr einziges Kind, und er liebte diesen Ort, das kleine Haus etwas abseits vom Dorf auf der Anhöhe, erreichbar über einen ausgetretenen Pfad, windgeschützt durch den Wald auf der einen Seite und auf der anderen mit Blick auf eine hügelige Wiesen- und Heckenlandschaft. Nach dem Tod der Eltern war er monatelang zwiespältig, ob er das Anwesen verkaufen sollte. Das Zuhause war ihm fremd geworden, eine Fremde, die es ihm unmöglich erscheinen ließ, dort je wieder wohnen zu können.

Dickschädel, sagte Mutter zu ihm, wenn er sich wegen etwas, was ihm nicht passte, querstellte. Sein Vater meinte, er hätte einen gespaltenen Schädel, deshalb würde er so lange über alles nachdenken und doch nicht zu einer Entscheidung kommen. Bertram zögerte den Verkauf von Jahr zu Jahr hinaus. Zwischendurch vermietete er das elterliche Haus, aber immer nur befristet. Selbst seine Frau und seine Kinder waren durch das ständige Für und Wider immer unschlüssiger geworden, was denn nun besser wäre, Verkauf oder Vermieten, oder selbst wieder das Anwesen zu bewohnen.

Bei einem Kurzbesuch, seine Kinder waren bis auf seine jüngste Tochter Amelie bereits ausgezogen, fand er im Schuppen, der in seiner Kindheit Holzlager für die Befeuerung des Hauses war, sämtliche Gerätschaften für den Hof beherbergte und als Werkstatt für seinen Vater diente, einen Holzschädel. Als solchen hatte er das etwas oval runde Holzstück nie gesehen, erst als er es in der Hand hin und her drehte, bemerkte er Einkerbungen. Bertrams Schädel, entzifferte er und ließ sich dies von seiner Frau, den Kindern bestätigen. Ein Jahr später sind sie in das Haus seiner Kindheit gezogen.

Von weitem sah er das Dorf, keine fünfhundert Meter sind es mehr, dann kann er sich im Café am Markt aufwärmen, bevor er die paar Kleinigkeiten besorgt, die ihm seine Frau aufgetragen hat, mitzubringen. Mit ihrer zierlichen Schrift auf einem Zettel notiert, damit er nichts vergißt. Er stapfte fester auf den frisch fallenden Schnee, in seinem Rucksack spürte er den gespaltenen Schädel, den er seither immer bei sich führte, er spürte die gerissene vertiefte Stelle, die sich längs des Holzstücks befand, in seinen Fingern. Eine Köstlichkeit, die, das wußte er, nicht zu oft ihn zurückführen sollte in eine Zeit, die längst vergangen war und dennoch, je älter er wurde, intensiver ihn zu sich selbst fesselte. Dahin, wo er sein innerstes Wesen erkannte, ohne Hadern, ohne Zweifel.

„Dafo krichst au rot Lippa, weis no, wie mer kriese gklaut händ“, stand auf dem Zettel, mit dem Frau Liesl die beiden roten Lutscher eingepackt hatte.

„Ich werde für Ella und mich Lutscher kaufen, rote Lutscher, eine Köstlichkeit von früher und für heute Nachmittag“, sprach er laut gegen den kälter werdenden Wind.

„Vergangenheit und Zukunft eine Köstlichkeit in der Gegenwart, du Dickschädel, du gespaltener.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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