Neulich am Strand – irgendwo am Meer eines südeuropäischen Landes


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Herrlich dieser Blick bis zum Horizont, wenn dessen eigentlich scharfe Linie des Himmels und der Meereswogen sowie Schaumkronen im Graublau sich aufzulösen scheint. Eine unaufhörlich leise wehende Brise Salzluft umrahmte zusammen mit dem wohlbekannten, unverkennbaren Geschnatter der kreisenden Möwen die Szenerie der Meereslandschaft, wobei der helle Sandstrand im Vordergrund das Entree bot, egal wer da auch kommen mochte; irgendwo am Meer eines europäischen Landes spielte sich die folgende Begebenheit ab, mag es den einen befremden, während der andere mit schmunzelnder Mimik ein gewißes Verständnis erwidert.

Mittagszeit bedeutete hier im Süden Siesta, wobei auch darüber bestimmte Herrschaften längst entschieden haben, sie abschaffen zu wollen zugunsten einer gefälligst hocherfreuten Arbeitnehmerklientel, die jeden Job, unter welchen Auflagen auch immer, still erduldend annehmen sollte. Doch die traditionsverwurzelte Volksseele wollte da gar nicht so gerne folgen, wie viele Medien scheinheilig und indoktriniert tunlichst nicht zu berichten wußten, sondern eher über Umwege die Menschen abzulenken versuchten. Meistens glückte das auch, weil Mensch nun mal bequem sich fügte und seiner Rolle gerecht werdend funktionierte. Aber der Wirt hatte seine Rechnung ohne die Jugend gemacht, weil diese stets ihren eigenen, trotzigen Kopf durchsetzte.

Und nun schlenzten die Jugendlichen vorbei an den tapferen, unwissenden Badegästen, wobei man viel eher diese ewig Sonnenhungrigen genau deshalb nicht mehr bedauern sollte. Ein jeder halbwegs gebildete Sommerurlauber wußte auch, daß erst recht hier im Süden die hoch oben am Himmel stehende Sonne erbarmungslos jeden Hautfleck bestrahlt, einem bevorstehenden Hautkrebs stückweise näher rückt. Laufen Sie mal zügig über trockenen Sand, nach eine Weile wird ziemlich schnell klar, wie ermüdend sämtliche untrainierten Muskeln sich zurückmelden. Doch Jugend kennt keinen Schmerz, sie tobt sich aus im ewig gleichen Ritual der Selbstfindung auf dem Weg in die knallharte Erwachsenenwelt, die sie somit gar nicht wahrhaben will. Nein, die Rebellion verlangt nach leichten Opfern. Und da kommt der Reiz, die Neugier zum anderen Geschlecht gerade recht, spielen die Hormone gänzlich verrückt.

Edith und Horst liebten diesen Meeresstrand, den sie schon seit achtunddreißig Jahren alljährlich in den Sommerferien aufsuchten. Daher kannten sie nicht gerade jedes Sandkorn, das wäre nun wirklich zuviel verlangt, aber das Umfeld nur zu genau. Sämtliche Krisen durften sie hautnah miterleben, die Konjunkturflauten, das Auf und Ab der konkurrenzgebeutelten Tourismusbranche, die kaltschnäuzig, lieblos schnell hoch-gezogenen Hotelanlagen mit ihren langweiligen Betonbalkonen in den Siebziger Jahren, das Meer, Sonne und Strand für Momente weggedacht, und man würde sich wieder irgendwo in einer Plattenbausiedlung einer deutschen Großstadt befinden. Aber jetzt gestaltete es sich hier wesentlich besser. Man umgarnte seine Gäste, bot ihnen viel Abwechslung, Lichtdesign des nachts, schnellen Sex an jeder Ecke inbegriffen, und raffiniert durchstylte Gerichte lockten all jene an, die bei Meeresrauschen und südlicher Wärme den tristen Arbeitsalltag wenigstens in den paar Wochen des Urlaubs vergessen wollten.

Doch zurück zum biederen, deutschen Paar. Edith hatte sich längst aufgerappelt, endlich schwimmen zu gehen. Aber nur bei einsetzender Flut wagte sie sich ins Meer. Niemals wird sie die Schreckminuten vergessen, als bei Ebbe sie fast ganz rausgetrieben wurde in die offene, vor ihr liegende See. Horst konnte sie mit einem schnell herbeigeschafften Boot gerade noch befreien, bevor sie sämtliche Kräfte verließen beim ständigen Versuch, ans rettende Ufer zu gelangen. Nein, nein, nie wieder bei Ebbe! Gerade erreichte sie das milde Nass der auslaufenden Wellen, als zwei Jugendliche sie unbedacht anrempelten. Edith verlor dabei ihr Gleichgewicht und fiel ungeschickt hin, wobei sie kurz erschrocken aufschrie.

„Oh, sorry, Madame, may I help you?”, fragte der schlaksige Jugendliche ziemlich verlegen. Edith hielt ihre rechte Hand an die Stirn über die Augen, um das grelle Sonnenlicht abzuschirmen, nickte mit ein wenig schmerzverzerrter Mimik und reichte ihm ihre Linke, damit er ihr aufhelfen konnte.

„Thanks a lot. You better watch out, you are certainly not alone here on beach, aren’t you?!”, erwiderte sie dabei ermahnend. Soweit reichten ihre spärlichen Englisch-kenntnisse schon noch. Nach kurzem Nicken verschwand er schon wieder zusammen mit den anderen beiden. Kopfschüttelnd setzte sie ihren Gang fort und das südliche Meer empfing sie mit dem ihr wohlvertrauten Geruch. Endlich wieder sich treiben lassen, waren ihre Gedanken.

Und Horst, was tat der Finanzbeamte, der noch die kurze Szenerie des Sturzes seiner Frau aus der Ferne beobachtete? Er hatte längst Augen für viel interessanteres, so wie er das seit einigen Jahren sich nun mal wenigstens im Urlaub gönnte. Edith war viel zu blauäugig und treu, ahnte nicht, welch Abenteuerlust noch in ihm steckte. Er nahm sich einfach das Recht eines Seitensprunges heraus, ohne jedwede Gewissensbisse, Hauptsache, sie würde es nicht bemerken. Das glaubte er zumindest. Bisher war ihm auch noch nie anderweitiges bei Edith aufgefallen. Nein, das hätte er bestimmt bemerkt! Da lagen jetzt ganz in seiner Nähe zwei junge Frauen, um sich zu sonnen. Während die eine auf dem Bauch lag, drehte sich die andere just auf den Rücken und schaute dabei neugierig in seine Richtung, fuhr sich bewußt langsam mit der Zunge über ihre vollen Lippen und lächelte sehr einladend. Horst mußte ein Handtuch in seinen Schoß legen, weil da etwas mächtig anschwoll. Seine nächste Nacht sollte vielversprechend werden, belassen wir es dabei.

Langsam füllte sich der Strand, der Lärmpegel, den so viele Menschen verursachen, schwoll unüberhörbar an. Hektisches Treiben und viel Gelassenheit, jung und alt, dick und schlank trafen aufeinander, viele Nationen waren vertreten, allesamt sonnen- und meereshungrig nach Ferienstimmung und Urlaubsflirt, einmal jährlich dem Alltag ent-rinnen. Manche konnten des öfteren verreisen, ihnen war somit mehr Erholung vergönnt. Andere sparten das ganze Jahr für die wenigen Tage, die kurzen Wochen, wobei der einfache Massentourist hier nicht mehr zu sehen war, sondern angesichts der gestiegenen Preislage viel eher eine gehobenere Mittelschicht. Wirtschaftsinteressen steuern somit das Flair einer anderen Urlaubsklasse, wer zahlt, wird entsprechend freundlichst bedient, dem wird viel geboten in dem relativ begrenzten Zeitfenster, damit die Einheimischen hier vor Ort außerhalb der Saison auch noch existieren können. Denn mit dem Anstieg der Touristenpreise richtete sich die Immobilienbranche gezielt danach, alles wurde schnell teurer.

Edith spritzte plötzlich völlig unerwartet ihren Horst naß, der immer noch Augen für die schöne Schwedin hatte. Jetzt mußte er wieder seinen ehelichen Pflichten nachkommen und revanchierte sich prompt, in dem er Ediths noch feuchten Beine und Bauch sand-werfend bepuderte. Sie rauften sich wälzend im Sand und lachten dabei herzhaft anhaltend.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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