Pappel oder das Pableo-Drehkreuz


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Vermutlich stand er bereits Stunden vor dem Drehkreuz, das den Weg über die Gleise versperrte, um zum Flußufer zu gelangen. Und deshalb stand er uns im Weg, weil er nämlich das Vorderrad seines Fahrrades gegen das Metallgestänge drückte, ziemlich genau mittig davon, sodaß es auf den ersten Blick aussah, als ob er mit dem Rad das Drehkreuz bewegen wollte.

Wir grinsten uns schon auf dem Weg dahin einen ab, denn das alte Ding war bereits leicht verrostet und nur mit einem größeren Kraftaufwand quietschte das Eisenstück nach vorne. Artig wie wir erzogen waren, stellten wir uns, ein wenig von ihm entfernt, hinten an. Nichts rührte sich. Er umklammerte den Lenker des Fahrrades fest mit beiden Händen, man konnte an den Knöcheln die gespannte weißlich wirkende Haut sehen, eigentlich müßte man bei diesem starken Druck ein Zittern erkennen, doch nichts. Nichts an ihm, an seiner Haltung schien lebendig. Wie eine Statue, die äußerlich einem menschlichen Wesen glich.

Wie lange unsere Artigkeit dauerte, kann ich nicht mehr sagen, aber sie dauerte so lange, bis Wulff mich anschubste mit den Worten: „Der ist tot.“

„Quatsch!“, schubste ich lauter zurück, „dann hätte er doch keine weiße Knöchel mehr, dann wär alles weiß.“

Ich war mir sicher, den Tod könnte man an der Hautfarbe erkennen, seit ich eine Wasserleiche gesehen hatte, weil ich es geschafft hatte, durch eine Menschenmenge mich zu zwängen, alles Erwachsene, versteht sich von selbst, um den Kerl zu sehen, den die Wasserschutzpolizei auf ihrem Schiff an Land brachte. Ich stromerte am Fluß entlang, als ich die vielen Leute auf einen Haufen sah. Und das Schiff der Wasserschutzpolizei wollte ich einmal von Nahem sehen, daß da eine Leiche darauf lag, woher sollte ich das vorher wissen. Ich hab nur ein klein wenig von der weißen Leiche gesehen, aber gesehen ist gesehen.

Wulff bekam seinen, ich zeig dir mal, was ich schon kann Blick, der nicht immer Gutes bedeutete, denn er überschätzte sich gern, nur um wieder mal zu beweisen, ich bin der ältere von uns beiden, du Hosenschiesser. Wegen zwei Minuten hat er sich Narben auf der Hand geholt, er wollte mir beweisen, eine nasse Hand kann einen brennenden Holzscheit aus dem Feuer holen, ohne sich zu verletzen. Mutter hat trotz seines Geschreis kein Mitleid für ihn gezeigt, als sie ihn verarztete. Sie und später als Vater nach Hause kam, meinten nur, wenn Narben bleiben, kann man euch zukünftig besser unterscheiden. Wulff tat alles, dies zu vermeiden, und man muß sehr genau seine rechte Hand ansehen, um die kleinen Brandspuren, die die Haut weißlich färbten, zu sehen.

„Hallo Sie, alles in Ordnung, ist Ihnen nicht gut?“, und wie es Wulffs Art war, berührte er den alten Mann vorsichtig an der Schulter.

Ohne seine Haltung zu verändern, schnaufte er: „Pableo. Pableo!“

„Möchten Sie auf die andere Seite? Wir könnten Ihnen das Fahrrad über das Kreuz hieven“, auf diese Frage erhielt Wulff ein breites Grinsen.

Also griff Wulff das Lenkrad, und mit einem Kopfnicken wies er mich an, hinten am Sattel das Rad hochzuheben. Eigentlich keine schwere Sache, aber der Alte wollte das Lenkrad nicht loslassen. Wir schafften es nach langem hin und her, das Rad, Pableo und uns durch das Drehkreuz zu bekommen. Auf der anderen Seite waren wir fast schon so eingespielt, daß wir dafür keine fünf Minuten brauchten. Ohne ein weiteres Wort an uns zu verschwenden, radelte Pableo Richtung Campingplatz davon.

Wir hatten an diesem Nachmittag unseren Hauptspaß darin, den alten Mann, den wir Pableo nannten, nachzuahmen. Ich glaube, wir hätten, wäre ein Talentsucher unterwegs gewesen, die erfolgreichsten Komödianten der Welt werden können. Aber damals gab es noch nicht diese Chancen, und so sind wir auch nicht berühmt geworden.

Pableo hieß richtig Pablo Leonardo. Den Nachnamen weiß ich nicht mehr genau, irgendwas mit Riva. Er war mit seiner Familie auf dem Campingplatz, eigentlich wollten sie dort nur übernachten, um am nächsten Tag nach Italien weiterzureisen. Aber Pablo Leonardo verschwand irgendwann in den Morgenstunden und radelte mit einem entwendeten Rad davon. Mutter hat uns abends über die Suchaktion berichtet, aber erst am nächsten Tag erfuhren wir, seine Familie konnte ihn glücklich in die Arme schließen, da er allein zurückgefunden hatte.

Fast ein Jahr später, wir beide waren unterwegs zum Fluß, verabredet mit ein paar Freunden, stand Pableo vor dem Drehkreuz. Wulff zwickte mich in den Arm, und ich hatte diesmal nichts dagegen, denn ich war mir sicher, sein Zwicken würde Pableo vor meinen Augen verschwinden lassen. Im Gegensatz zum Jahr davor, blickte Pableo in unsere Richtung, das Fahrrad war grün, und er winkte uns zu sich.

„Pableo“, wurden wir begrüßt, und mit einer Geste, indem er beide Hände fest ums Lenkrad schloß und hinüber zum anderen Drehkreuz schaute, fühlten wir uns aufgefordert, ihm behilflich zu sein, das Fahrrad über die Schienen zu bringen. Es war nicht besonders einfacher als das letzte Mal, denn er ließ seine Hände nicht vom Lenkrad. Er hatte aber im Gegensatz zu dem Jahr davor ein freundliches Grinsen im Gesicht, als er losfuhr, ohne noch etwas zu sagen.

Als wir ihn am nächsten Nachmittag wieder trafen, war es fast wie eine Wiederholung, der gleiche Ablauf, nur mit anderer Kleidung, und das Wetter war zum Vortag leicht regnerisch. Mutter hatte erfahren, Pablo Leonardo wird mit seiner Familie dieses Jahr für ein paar Tage auf dem Campingplatz bleiben, bevor sie weiterfahren würden. Einige im Dorf würden meinen, weil keiner etwas wirklich wußte, die Familie würde sich mit einem längeren Aufenthalt bedanken wollen für die Umstände, die Pableos Suche gemacht hätte.

Wieso denke ich an das Drehkreuz? Das Drehkreuz, das verdammte Drehkreuz.

„Papa, geht es dir gut?“, Nina streichelte etwas tapsig über mein Gesicht.

„Ihr hier?“, vor mir stand Marina mit Joel auf dem Arm, Nina lag fast auf meiner Brust und ich lag, wo eigentlich? Auf einer Trage. Neben mir zwei Sanitäter, etliche Erwachsene, die bemüht waren, Kinder von mir fernzuhalten.

„Du bist wohl zu eilig durch die Drehtür gerannt, hast dich gestoßen. Die vermuten, weil du solange bewußtlos warst, eine Gehirnerschütterung.“ Marinas Stimme klang weinerlich und voll Sorge.

„Habe ich, habe ich, das Drehkreuz ist mir wieder eingefallen. Habe ich nicht eben darüber erzählt?“, fragte ich.

Marina versuchte ein Lächeln. „Nein, aber jetzt verstehe ich dein ständiges Gemurmel über eine Pappel!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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