Schundliteratur kontroverser Kritik ausgesetzt


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Eine Spaßgesellschaft setzt sich durch?

Den Begriff der Schundliteratur gibt es ganz besonders seit der Weimarer Zeit, als dort das Gesetz mit dem Titel „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutz-schriften“ im Dezember 1926 beschlossen wurde.

Damit dies auch in der Praxis Anwendung finden konnte, wurde extra zu diesem Zwecke die Leipziger Oberprüfstelle für Schund- und Schmutzschriften ins Leben gerufen, deren Aufgabe darin bestand, als Revisionsinstanz darüber zu entscheiden, welche Verfasser und Verleger einen Antrag auf Nicht-Aufnahme bzw. Streichung stellen konnten. Die National-sozialisten hoben es 1935 kurzerhand auf. Seit 1954 gibt es in der BRD die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften, die im Jahre 2003 mit anderen Gebieten anders geregelt wird im Rahmen des Jugendschutzes.

Wilhelm Hauff parodiert Heinrich Clauren

Die Frage, die sich dem aufmerksamen Leser stellt, ist doch, wer Schundliteratur beurteilt, also daher festlegt, welche Bücher, Hefte und somit Schriften in diese einzuordnen sind. Nun, es sei hier ein Vorfall angeführt, der damals unbedingt einen berechtigten Skandal hervorgerufen hatte. Sie alle werden mit Sicherheit schon mal von dem Schriftsteller Wilhelm Hauff das ein oder andere Märchen gelesen haben, wie z.B. Die Geschichte vom Kalif Storch. Im Jahre 1825/26 wagte der noch sehr junge Wilhelm Hauff den meist-gelesenen deutschen Romancier, Heinrich Clauren, äußerst wirkungsvoll zu parodieren.

Er veröffentlichte unter demselben Pseudonym, H. Clauren, einen Roman namens Der Mann im Mond oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme. Aber damit nicht genug. Er setzte noch eins drauf, in dem er 1827 die Kontroverspredigt über H. Clauren und den Mann im Monde veröffentlichte, um dort Clauren lächerlich zu machen, dessen Trivialität der Inhalte und Schreibstil er nicht nur offen legte, sondern explizit polemisch analysierte.

Ein Passus aus der Kontrovers-Predigt:

Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen, daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht?

Trivialliteraten bestätigen den Verfall der Gesellschaft

Nun mag man ja in Zeiten, wo gerade Toleranz und Menschlichkeit mehr eingefordert werden, sich schon wundern, warum Schundliteratur hier in den Fokus rückt. Betrachten Sie mal unsere Kulturlandschaft. Na, fällt Ihnen was auf? Nein?

Einerseits ist es schon erfreulich zu sehen, daß auch weiterhin ziemlich begabter Nach-wuchs sich auf der Bühne der Literatur eingefunden hat. Andererseits sind die nackten, unbestechlichen Verkaufszahlen ganz bestimmter Schriften eine schallende Ohrfeige an all jene, die sich redlich bemühen, stilvoll, mit Geist und Inhalten, beseelte Bücher zu schreiben. So kommt Daniel Brückner in seinem Artikel, Schund: Warum wir manchmal Mist kaufen, zu dem Ergebnis, daß der Erfolg von Schundliteratur ein Hinweis auf Werte ist, die in unserer Gesellschaft existrieren.

Wenn wir uns die gesamte Medienlandschaft vergegenwärtigen, in der ganz besonders im Privatfernsehen Dschungelcamp, Big Brother & Co. sich hoher Einschaltquoten erfreuen, da bleibt dann der fade Beigeschmack auf Sinnesgaumen, ob das Publikum bereits schon beeinflußt ist, sich solch „billigen Ergüssen“ hinzugeben, sich auszuliefern.

Autoren wie Charlotte Roche oder E. L. James (eigentlich Erika Leonard) verdrängen daher andere, ernsthafte Schriftsteller vom Markt? Es wird immer mehr das Einfache, das Triviale in den Fokus gerückt, und so schließt sich der Kreis einer Kritik, die nicht un-bedingt alles Ernsthafte hochhält, sich aber dennoch die berechtigte Frage stellt, ob weiterhin Schundliteratur einen hohen Stellenwert haben sollte, ja, sogar darf.

Es ist auch ein getrübtes Zeichen einer Gesellschaft, die sich lieber dem Trivialen hingibt, statt mal ernsthaft die unmittelbare Umwelt zu betrachten, zu hinterfragen. Eine Spaß-gesellschaft hat sich zu ungunsten seriös Kulturschaffender parallel entwickelt, die obendrein mithilfe einer gleichgültigen Finanzwelt auch noch gefördert wird.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kulturelles

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