Gelbes Gewissen


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Ich sollte nicht so viel nachdenken oder zumindest weniger. Entschlußfreudiger sein. Den ganzen Mist habe ich mir selbst zuzuschreiben. Zuzuschreiben, zuzusagen wäre besser, schließlich habe ich mir nicht geschrieben, noch etwas darüber aufgeschrieben. Zuzusagen. Sage dir zu. Ja, was denn? Was sagt mir zu? Was soll ich mir sagen? Das ich jetzt bereits eine Stunde zwischen Umkleidekabine und Verkaufsraum pendle und noch keine Entscheidung getroffen habe, was ich kaufen soll, weil ich nicht einig mit mir werde, was mir gefällt? Oder soll ich etwas dazu sagen, daß ich mich irrigerweise für den English-Kurs angemeldet habe, vier Wochen lang, Sprache erlernen im Mutterland, Sprachreise für Anfänger und Fortgeschrittene?

Ich nehm das gelbe Kostüm, wenn ich den BH ein wenig ausstopfe, dann sitzt es perfekt. Ohne Brustvergrößerung. Mit Watte. Wattebällchenbrust. Quatsch. Rollwatte. Weich und zart. Und einen Push-up-BH. In Gelb. Das sage ich mir, jetzt. Nein danke, ich finde mich alleine zurecht. War ja klar, dieses Gelb gibt es als BH-Farbe nicht. Das hier ist möglich, ein bißchen heller ist sicher besser als dunkler im Farbton, allein schon wegen der weißen Watte. Gelbes Höschen gefällig?

Sag schon. Ich sage, nun, warum nicht. Ja, möchte ich hören. Ja, ein gelbes Höschen passend zum BH. Höschen auch ausstopfen? Als Gegengewicht, oben mehr und hinten mehr, Gleichgewichtverlagerung, Wattelager. Doppelte Packung Watte. Dummes Huhn, gelbes Huhn, gelbes Küken. Soll ich mir passende Schuhe besorgen? In Gelb? Gibt es gelbe Schuhe? Eine gelbe Tasche, eine Umhängetasche, die kann man auch ausstopfen. Mehr drin bedeutet mehr Fassungsvermögen. Capice, bella donna. Watteverstand.

„Hallo Simone! Lang nicht mehr gesehen! Du bist beim Shoppen? Ich brauch auch mal wieder neue Klamotten.“ Kaugummikauend und mit einer lauten Stimme, als müßte sie mehrere Viehherden über eine Prärie antreiben, gurgelte Melissa ihre schäumenden Sätze durch die Umkleidekabine, was zur Folge hatte, alle anwesenden Shopperinnen schienen, schlagartig keine Luft mehr zu bekommen, so leise war es plötzlich. Kein leichtes Stöhnen von gymnastischen Versuchen, eine Jeans über die Schenkel zu ziehen, kein Rascheln von Stoff, kein Scheppern von Kleiderbügeln.

„Oh, Melissa. Lange nicht gesehen, stimmt.“ Nicht, daß sie mich eingeschüchtert hätte, dennoch war meine Antwortstimme absichtlich auf zart und weich gestellt, wie gedämpft, durch Wattenebel. Das Beste, wenn man Melissa begegnet, ist, so flink wie möglich das Weite zu suchen, nicht weil sie nicht nett wäre, sondern weil sie zu nett ist, aufdringlich zu nett.

„Brauche neue Jeans, die beiden passen hervorragend. Du, ich muß weiter, muß noch zum Discounter. Wir sehen uns, tschau.“ Bevor Melissa zwischen ihren Kaubewegungen Luft schnappen konnte, um mich mit Fragen und Neuigkeiten zu umhüllen, habe ich mich schon umgedreht, nicht ohne ihr vorher ein Winke-winke, lässig, leise zu hinterlassen.

Das mit dem Hosenkauf wäre erledigt, die eine Jeans sagt mir wirklich zu, die andere, werde mich an sie gewöhnen. Zweimal die gleiche Jeans kaufen? Nein. Ausstopfen, ausstopfen. Manchmal ist es ziemlich stressig, mit mir einzukaufen. Obwohl, eigentlich habe ich es recht zügig geschafft, mich zu entscheiden. Dank der guten „Fasse alle negativen Dinge zusammen, dann bleiben zum Schluß die Dinge übrig, die du willst“- Methode. Oder war es eher heute die Melissa-Methode?

T-Shirts wollte ich auch besorgen. Vielleicht haben die im Discounter welche im Angebot. Das kann man so im Vorbeigehen mitnehmen, ohne nachzudenken. Einfach nehmen und in den Wagen legen. Ohne Methode. Warum habe ich eigentlich nicht einen Urlaub am Strand gebucht? Wegen dem Bikini. Wegen dem Bikini, welche Farbe, welcher Schnitt. Badeanzug, vergiß es.

Gelbe Strümpfe. Ich hatte alles beisammen, bis auf die gelben Strümpfe. Gelbe Strümpfe, könnten mir zusagen. Als Gewissensstrümpfe. Die nicht. Passen in jede Tasche. Und wenn doch Melissa die Entscheidung beschleunigt hat? Dann sollte ich vielleicht besser eine gelbe Kaugummipackung kaufen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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