Entbehrungen bestimmen das Leben


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Verzicht ohne Leid

Ist es nicht erstaunlich, daß Entbehrungen in allen sozialen, kulturellen Gesell-schaftsschichten als körperliches und seelisches Leid empfunden werden? Wer bei diesem Satz nur an die materiellen Entbehrungen denkt, wird sich natürlich fragen, ob dies nicht etwas übertrieben ist. Denn kann man wirklich von seelischen und körperlichen Leid sprechen, wenn man über genügend finanzielle Mittel verfügt, um sich sozusagen jeden Wunsch zu erfüllen?

Vom Verständnis gegenüber anderen ausgehend, kann man dies nicht nur, sondern sollte diese Entbehrungsschmerzen genauso ernst nehmen, denn sie „befallen“ jeden unab-hängig seiner Herkunft, den einen mehr, den anderen weniger. Das Gefühl der Ent-behrung ist zudem eine zweischneidige Aussage. Einerseits bedeutet Entbehren, ver-missen, andererseits ist es die Fähigkeit, etwas herzugeben ohne Mangel an sich selbst zu leiden.

entbehren, mittelhochdeutsch enbern, althochdeutsch inberan, eigentlich, nicht (bei sich) tragen, zu mittelhochdeutsch bern, althochdeutsch beran, gebären (Duden)

Andere Synonyme sind, vermissen, verzichten, ermangeln, fehlen.

Wer nicht den Text über die Bedeutung überflogen hat, wird das Wort „gebären“ gelesen haben. Also die Wortverwandtschaft bereits erkannt haben.

gebären, mittelhochdeutsch gebern, althochdeutsch giberan, (hervor)bringen, erzeugen, gebären, zu mittelhochdeutsch bern, althochdeutsch beran, tragen; bringen; hervor-bringen; gebären. (Duden) Andere Begriffe sind, entbinden, niederkommen, ein Kind zur Welt bringen.

Wie eng die Wortverwandtschaft sich erklärt, kann man bei einem Rückblick in die frühesten Zeiten der Menschheit erkennen. Entbehrungen bestimmten vielerorts das Leben. Und vielerorts war die Geburt ein wichtiges Ereignis, auch im Sinne von Fort-bestand und zwar nicht nur innerhalb einer Familie, auch für ganze Gruppen. Übersieht man für einen kurzen Moment die Tatsache, daß die männlichen Nachkommen bevorzugt erwartet wurden, daß Frauen, die keine Söhne geboren haben, keinem Stammhalter das Leben schenkten, ohne weiteres ihrer „Stellung“ degradiert wurden, so sollte man allerdings nicht die Leidensgeschichten übersehen, die über diese Frauen zu erzählen wären.

Möglicherweise trug dieses Leid auch dazu bei, daß gebären, tragen, bringen, die kognitive Verbindung zu entbehren, nicht bei sich tragen, vermissen, verzichten, hergestellt hat. Entbehren, nicht bei sich tragen, ist dennoch nicht nur ein frauenspezifisches Gefühl oder Verlangen. Aber es verdeutlicht in seinem Wortsinn die Intensität des Vermissens, des Fehlens. Und wie könnte man diese Steigerung besser umschreiben als mit dem Vergleich des Nicht-Gebärens, des Nicht-Tragens?

Das Präfix „-ent“ entstanden über das Wort Antlitz, (Gesicht, das Entgegenblickende), drückt Gegensatz oder Trennung aus. Deshalb kann Entbehrung ebenso Verzicht ohne Leid bedeuten. Nicht nur Mütter, auch Väter verzichten auf ihre Zeit, auf ihre Vorlieben oder was auch immer, wenn es um ihre Kinder geht. Diese Entbehrungen geschehen oft, ohne sich darüber im Klaren zu sein, sie sind unabhängig von Erwartungen gegenüber anderen.

Ob Liebe allein dafür ausreicht, Entbehrungen auf sich zu nehmen, oder ein Indikator darstellt, kein Entbehren zu empfinden, sei dahingestellt, denn dies sind individuelle Komponenten, die, wie könnte es anders sein, nicht abhängig sind vom sozialen, kul-turellen Hintergrund.

Das Gefühl der Entbehrung, sollte man ernst nehmen, egal aus welchen Gründen jemand damit „schwanger“ geht. Es gibt viele Möglichkeiten, seinem Gegenüber, dem Antlitz des anderen wieder Glück in dessen Leben zu bringen. Denn das Vermissen oder das Verzichten kann zu mannigfachen „Störungen“ führen, die nicht nur im persön-lichen Bereich ihre Auswirkungen zeigen, sondern sich über ganze Menschengruppen verteilen, wenn Menschen an verantwortlichen Positionen daran leiden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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