Gefrorener Schatten


https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eisblumen_P1050269a.jpg

Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Es war Sommer. Kein Zweifel. Auch wenn man friert, muß dies nicht heißen, Kälte würde dafür verantwortlich sein. Jedenfalls nicht die Kälte, die allgemeinhin den Wintermonaten zugeschrieben wird. Vielleicht kann man es auch Erschauern nennen. Beides ist Kälte. Kälte, die durch den ganzen Körper zu spüren ist. Kälte, die jede Bewegung mühsam macht, weil man sich starr fühlt. Starr. Starr, zerbrechlich vor Kälte und Staunen.

„Mareike. Mareike! Mareike, stier nicht so!“

„Ich stiere nicht, Mama, ich friere!“, flüsterte Mareike, ließ aber den Mann, der ihr gegenüber auf der anderen Seite des Rasens auf einer Bank saß, nicht aus den Augen. Schief saß er da. Die Bänke waren alle gleich, darauf kann man nicht schief sitzen. Aber dieser Mann gegenüber saß schäb und schräg, so würde Opa das ausdrücken, so hat sie Opa verstanden, wenn er schäb und schräg sagt. Und das sagte er oft. Alles, was ihm nicht in den Kram paßt, das sagt Oma, ist schäb und schräg.

Mutter tastete und fühlte die Stirn von Mareike.

„Fieber hast du nicht. Komm, wir setzen uns auf die andere Seite, dort ist es sonnig, und Papa werden wir auch von da aus sehen können. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er uns abholt.“ Mit einem bestimmenden, dennoch liebevollen Klang in der Stimme fühlte die Mutter Mareikes Stirn und Nacken.

„Ich will lieber hierbleiben!“, fast war die Antwort nicht zu hören, denn Mareike hauchte mehr, als sie sprach. Es hätte sie nicht gewundert, wenn sie ihren Atem vor ihrem Mund aufsteigen sehen konnte, wie im Winter, wenn Eisblumen am Fenster in der Vorratskammer blühen. Sie wollte nicht näher zu dem Mann, der schäb und schräg auf der Bank saß.

„Das paßt mir nicht in den Kram“, flüsterte sie etwas lauter und wiederholte, nicht in den Kram passen, nochmal.

„Mareike! Wie redest du denn?“, mit Erstaunen beobachtete die Mutter ihre Tochter und fragte sich, ob neben ihr wirklich Mareike saß. Die Mareike, die die gesamte Familie mit ihrem herzhaften Lachen und ständigem lauten Gebabbel unterhielt und gerade eben noch hüpfend mit ihr zu der fünften Parkbank gegangen war, ständig Papas Worte wiederholend: „Die fünfte Parkbank neben dem Teich im Park, wenn ihr von der rechten Seite des Eingangs kommt, denn genau gegenüber ist in der Hecke ein kleiner, kaum sichtbarer Durchschlupf, durch den zwänge ich mich durch und Mareike, du darfst ausnahmsweise über den Rasen mir entgegenlaufen.“

Die Mutter befühlte noch einmal Mareikes Stirn, als Mareike laut schrie: „Nein, Papa! Nein!“

Der Vater war durch das Gebüsch hindurch getreten und ging zögerlich zwar, doch bestimmt auf den Mann zu, der schäb und schräg auf der Bank saß.

Mareike spürte wie das Eisblumenfenster zerbarst. Alle ihre Sinne schienen unfähig zu sein, zu einer weiteren Reaktion. Zu Eis erstarrt.

„Da, da ist Papa, siehst du ihn?“, ihre Mutter gab Mareike einen leichten Schubs, unterließ es aber, sie zum Aufstehen zu drängen, als sie diese Angst in den Augen ihrer Tochter sah.

„Schau Mareike, das ist Friedrich Mayr. Da war er jung und der beste Turner von allen Dörfern ringsherum. Am Reck und am Barren war er unschlagbar. Wir waren zusammen in einer Klasse. Ich sag dir, der war der beste Kamerad, den man sich vorstellen konnte. Er hat kein leichtes Leben seit dem Krieg, das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint“, mit dem Finger zeigte Opa auf einen fröhlich strahlenden Jungen. Mareike konnte keine Ähnlichkeit zu dem Mann auf der Parkbank entdecken.

„Opa, paßt Friedrich in deinen Kram? Ist er nicht schäb und schräg?“

„Nein, Mareike, Friedrich ist nicht schäb und schräg, vielleicht sollte ich… Er paßt in meinen Kram.“, antwortete Opa und war erleichtert, als seine Frau aus der Küche rief, kommt ihr beide zum Essen.

Mareike lag in ihrem Bett, die Eltern hatten ausnahmsweise erlaubt, daß das Licht noch nicht ausgeschaltet wurde. Opas Freund, Turner, Krieg, Rücken zerschossen, Granatensplitter im Gesicht, Bomben, mehrfach operiert, als Krüppel bekomme ich keine Arbeit, Marie letztes Jahr gestorben, wohnt jetzt bei seiner Tochter, Grüße soll ich dir ausrichten von ihm, Vater. Opa sagt, er ist nicht schäb und schräg, nur weil er nicht mehr aufrecht stehen und sitzen kann und sein Gesicht verzerrt und voll Narben ist. Friedrich paßt in Opas Kram.

Sie drehte sich zur Wandseite und sah die Blumen vom Fensterbrett als Schatten an der Wand. Eisblumen kann man nur zu Gesicht bekommen, wenn es gefroren hat. Mareike paßte es in den Kram, die Schattenblumen zu sehen, auch wenn sie ein wenig schäb und schräg aussahen, wie Friedrich. Gefrorene Schatten an der Wand.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Gefrorener Schatten

  1. Xenia D. Cosmann schreibt:

    Gefrorener Schatten – Diese Kurzgeschichte ist sehr dicht und fast poetisch erzählt!

    Gefällt 2 Personen

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