Konstantin Westerhausen


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Konstantin Westerhausen schreckte aus dem Schlaf auf und wußte im selben Augenblick, er hatte den Wecker nicht gehört, obwohl er ihn seit Jahren, um eben dies zu vermeiden, möglichst nahe seines Kopfes auf den Nachttisch stellt. Die Zeitspannen zwischen dem Klingeln des Weckers und seines abrupten Aufwachens variierten, aber niemals kam es vor, daß er es nicht schaffte pünktlich aus dem Haus zu gehen und in die Bahn einzusteigen, die um 6 Uhr siebenunddreißig zum Hauptbahnhof fuhr.

Selbst heute mit seinen 87 Jahren war es für ihn ein leichtes Unterfangen, rechtzeitig am Bahnsteig zu stehen. Es war nicht nur seiner Übung zu verdanken, sondern auch dem Umstand, daß er trotz unrasiertem Gesicht und ungekämmten Haaren den Eindruck vermitteln konnte, vor ihnen steht ein Gentleman. Lange bevor es zur Mode wurde unter dem männlichen Geschlecht mit einem Drei-Tage-Bart einen seriösen, wenn auch verwegenen Charakter darzustellen, um der Damenwelt zu gefallen, hatte Konstantin Westerhausen, wenn auch anfangs aus der puren Not heraus, ansonsten seinen Zug zu verpassen, bemerkt, genau diese Art von Persönlichkeit gefiel den meisten Frauen.

Einem Friseur, der wohl nicht genau verstanden hatte, welche Frisur Konstantin Westerhausen ihm mit gestenreicher Mimik und mit Händen und Füßen beschrieben hatte, ihm einen Haarschnitt verpaßte, der so gar nicht dem Wunsch von Konstantin Westerhausen entsprach, bezahlte Konstantin Westermann diese absurde Herumschneiderei nicht, drohte sogar gerichtlich gegen diese Verunstaltung vorzugehen, bis er nach drei Tagen kleinlaut wiederkam, dem Friseur dankte, weil bereits am nächsten Tag auf dem Weg ins Büro auffallend viele Blicke der Damenwelt ihm Gelegenheit gab, ohne aufzufallen, sich intensiv diese Damen zu begutachten. Seither sind seine Haare alles andere als akurat geschnitten, ich würde sagen, er sieht ständig aus, als wäre er gerade eben aus einem Windkanal getreten. Heutzutage ist sein Look modern, jedenfalls was seinen Drei-Tage-Bart und seine Frisur betrifft. In punkto Kleidung ist er sich dem gut geschneiderten Anzug mit Krawatte, in kalten Tagen mit passender Weste treu geblieben. Auch würde er nie Look für sein Aussehen als Begriff verwenden, genauso wenig wie er es über sich bringen könnte, eine Jeans anzuziehen, selbst wenn diese maßgeschneidert wäre.

Das Begutachten der Damenwelt, wie ich es bereits erwähnt habe, beschränkte sich fast nur auf die Hände. Natürlich blieb ihm dennoch Zeit und Muße, sich Frauen auch unter anderen Gesichtspunkten anzusehen, aber wie gesagt, ihm ging es hauptsächlich darum, bei den Damen die Hände, die ihn seit seiner Jugend als Bildnis für eine mögliche Eheschließung oder doch zumindest einer freundschaftlichen Beziehung, zu finden. Während die Jungs aus seiner Klasse und seine Freunde begannen, in ihre ersten Liebestaumel zu verfallen, blieb Konstantin Westerhausen davon verschont, dank eines Traumes. So jedenfalls empfand er es Jahre später, es wäre reine Ablenkung von seiner wahren Liebe gewesen, beteuerte er. Denn davon war er überzeugt, sein Leben wäre eine Verschwendung gewesen, hätte er, nur um verheiratet zu sein, nur um eine Frau um sich zu haben, nur um nicht als schwul, verschrobener Einzelgänger zu gelten, eine Ehe geschlossen.

Da war nun einmal der Traum, dieser Traum, diese Hände, die ihm die Nägel geschnitten hatten. Seine Fußnägel. Ein immer wiederkehrender Traum, sicher ab und an ein wenig verändert, verzerrt, er konnte nur die Hände, Frauenhände, darüber braucht man nicht diskutieren, es waren keine Männerhände, so blöd bin ich nicht, um den Unterschied zu erkennen und vor allem zu fühlen, sehen. Auch schienen im Laufe der Jahre die Hände zu altern, wie seine Füße, denn dies waren seine Füße, die er sah, er spürte das Abschneiden der Nägel, wie er es empfand, wenn seine Mutter ihm als Kind die Nägel schnitt. Ob es rein faktisch sein könnte, daß womöglich doch andere Personen zu den Füßen und Händen gehörten, als er und eben die Frau, die er sehnlichst hoffte zu begegnen, um ihr seine Liebe zu gestehen oder einfach eine Gelegenheit finden, um in ihrer Nähe zu sein, sie bräuchte ihm die Fußnägel ja nicht zu schneiden, schied er, je älter er wurde, komplett aus.

Es gab Zeiten, da vermeinte er, der Traum würde nebliger werden, er erkannte im fahlen Lichtkegel, in dem seine Füße zu sehen waren, sie nicht mehr als die seinigen. Sie wirkten klobiger, fremd an seinem Körper. Natürlich war das enttäuschend, aber gleichzeitig war dies für ihn ein Indiz, daß er nicht so sehr seine Füße während des Traums sieht, sondern die Hände, diese Hände. Die Hände, die im hellen Licht jugendlich oder doch zumindest die Hände einer jungen Frau sind. Zarte Hände, gepflegte Hände, unlackierte Hände, durch das grelle Licht war die Hautfarbe nicht bestimmbar, vielleicht waren sie von Natur aus bleich oder dunkel, das konnte er nie herausfinden.

Fast hätte er vor langen Jahren Isolde geheiratet, fast, hätte er nicht in der Verlobungszeit geträumt, seinen wiederkehrenden Traum geträumt und gesehen, wie er mit den Füßen zurückzuckte, als die warmen Hände gerade mit dem Schneiden der Nägel beginnen wollten. Für ihn ein Zeichen seines Irrtums, in Bezug auf Isolde, nicht auf den Traum. Konstantin Westerhausen hat nicht völlig asketisch gelebt, es gab etliche Frauen in seinem Leben, Freundinnen, Bekannte und unter dem heutigen Ausdruck One-Night-Stands. Jetzt im Alter gab er sich gerne mal dem Gedanken hin, eventuell Vater geworden zu sein, ohne daß dies ihm mitgeteilt worden wäre. Dieser Tagtraum paßte irgendwie zu seinem Traum, dann vor allen Dingen, wenn er die Hände der Frau als zu jung im Traum erlebte und er indessen doch immer noch sicher war, diese Frau zu treffen.

Der Grund, warum er täglich, obwohl schon lange in Rente, in Pension, schließlich war er Beamter gewesen im Bauamt der Stadt, zum Hauptbahnhof fuhr, pünktlich um 6 Uhr siebenunddreißig, war einerseits die Gewohnheit, dies über Jahre getan zu haben, andererseits am Hauptbahnhof waren so früh morgens eine Menge Menschen auf den Beinen, denen er auf die Hände sehen konnte. Gewöhnlich aß er sein Frühstück im neuen Anbau, seit der Bahnhof umgebaut wurde, befanden sich dort Läden und Geschäfte, sowie Restaurants. Zur Fußgängerzone war es von hier nicht weit, genauso wie zum Stadtpark, Museen, Bibliotheken, er hatte ab dem Bahnhof sozusagen Anschluß an all erdenkliche Stationen, in denen Menschen, meist in Massen sich einfanden. Und dies liebte er, aus bekannten Gründen. Denn wo Menschen sind, sind auch Hände und irgendwo dort sind seine Traumhände.

Konstantin Westerhausen stand pünktlich am Bahnsteig, so wie immer, adrett seriös gekleidet, der Anzug wird jeden Abend über seinen stummen Diener gehängt, ein frisches Hemd liegt auf dem Schlafzimmerstuhl, Schuhe darunter, die morgendliche Toilette fiel etwas, etwas sehr kurz aus, aber er kann dem nichts Schlechtes abgewinnen, hat er ansonsten genügend Zeit, seinem körperlichen Drang nach Sauberkeit nachzukommen, was hat es da schon zu bedeuten, wenn er dies heute nicht so perfekt lief, schließlich überhört er nicht oft seinen Wecker. Der Traum war heute Nacht wieder da gewesen, nach langer Zeit, vielleicht war dies der Grund, warum er aufschreckte, lange nachdem er ihn geträumt hatte, der Schreck kam jedenfalls nicht von seinem Traum, warum sollte der ihn schrecken?

„Herr Waltersen, ich bin fertig. Die Nägel habe ich diesmal nicht vergessen, auch die Fußnägel nicht. Soll ich jetzt schon den Zettel an den Zeh hängen?“

Valeria stand mit einem kleinen Zettel und einem Fußzettel mitten im Raum der Pathologie, sie verglich noch einmal die Nummern, sie waren identisch, und sie war sicher, absolut sicher, daß dies die Nummern waren, die Herr Waltersen neben den Namen in das Buch auf dem Beistelltisch geschrieben hatte, in kleiner Schrift hatte sie gelesen, Konstantin Westerhausen, in der Spalte daneben stand, Herzinfarkt. Ihre Hände, ihre zarten Hände zitterten leicht, gepflegt sahen sie aus, auch unlackiert, sie hatte diesmal alles richtig gemacht, ganz cool, ganz souverän, so als ob sie schon ewig hier arbeiten würde, und dabei war sie gerade erst mal in der letzten Woche der Probezeit.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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