Was war zuerst, die Sorge oder der Zorn?


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Zores auf der Straße ein Kalkül?

Grundbedürfnisse eines Babys sind grob umschrieben, Nahrung, Wasser, Wärme, Luft, Berührung, Licht, Schlaf, Pflege. Die Reihenfolge ist hier wahllos aufgeführt und hat nichts mit einem ablaufenden Schema gemein. Auch der Bedarf der einzelnen Zuwendungen der oben genannten Bedürfnisse ist unterschiedlich. Was aber immer gleich bleibt, ist das Bemerkbarmachen, wenn eines der Bedürfnisse nicht erfolgt. Das Baby weint, schreit.

Falls das Baby nicht durch einen Traum, Lärm aufgeschreckt wird, wird es anfangs leise weinen. Dieses Weinen kann sich in Schreien verwandeln, wenn ein individueller Zeitrahmen überschritten ist oder Schmerzen akut vorhanden sind. Schreit das Baby aus Zorn oder aus Sorge?

Es ist die Sorge, die das Baby veranlaßt, auf sich aufmerksam zu machen, die Sorge der Hilflosigkeit. Wäre das Weinen Zorn, so müßte man den Babys unterstellen, sie fühlten Zorn noch bevor das Gegenüber weiß, daß sie sich unwohl fühlen.

Die Sorge, mittelhochdeutsch sorge, althochdeutsch sorga, eigentlich Kummer, Gram. Andere Begriffe sind, Angstgefühl, Befürchtung, Beunruhigung, Furcht, Fürsorglichkeit, Schutz, Versorgung, Obhut. (Duden)

Der Zorn, mittelhochdeutsch, althochdeutsch zorn, Herkunft ungeklärt. Synonyme sind Ärger, Aufgebrachtheit, Groll, Hader, Erregung, Aggression, Tobsucht, Raserei, Wut, Jähzorn. (Duden)

Sprachwissenschaftlich findet sich laut Duden keine Wortverwandtschaft, die eventuell Hinweise geben könnte, ob sich Sorge zu Zorn oder Zorn zu Sorge verwandeln kann.

Kennen Sie das Wort Zores? Es ist nicht mehr sehr oft im Sprachgebrauch zu hören. Mit jemanden Zores haben bedeutet, mit jemanden Ärger haben. Mach doch nicht so einen Zores! Mach doch nicht so ein Gezänk!

Der Zores, jiddisch zores (Plural), Sorgen, zu hebräisch Zạrạ̈, Kummer. Andere Wörter sind, Ärger, Gezänk, Wirrwarr, Gesindel, Stunk, Unannehmlichkeit. (Duden)

Liegt hier für die obige Behauptung eine Bestätigung vor? Möglicherweise, denn es ist nicht ungewöhnlich, daß Wörter im Laufe von Jahrhunderten, manchmal nur in Jahrzehnten von der ursprünglichen Aussage und Bedeutung sich losgelöst, ja sogar ins Gegenteil verwandelt haben.

Der Zores, die Sorge, der Kummer verstehen wir heute als Ärger, Stunk, Gezänk, Gesindel. Nichts erinnert in der derzeitigen Bedeutung an Befürchtung, Angstgefühl, Fürsorglichkeit. Aus Sorge wurde Ärger, Zorn.

Nun stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt, wenn man den Zorn beobachtet, der in den Medien, auf der Straße graßiert und der obigen Aussage Babys würden Sorge empfinden und nicht Zorn, wenn sie weinen. Sind die wütenden Massen auf der Straße in Sorge aus Hilfslosigkeit oder sind sie zornig aus Hilfslosigkeit?

Bezieht man das Verhalten eines weinenden Babys, nachdem eines oder eventuell mehrere Bedürfnisse gestillt wurden, in die Frage mit ein, so kann man durchaus erkennen, daß der Sorgende sich beruhigt, der Zornige aber nicht oder nur bedingt. Wenn nämlich zur Sorge der Trotz hinzukommt, kann noch so viel geholfen und bemüht werden.

Trotzende Babys (etwa ab dem 10. Lebensmonat) kann man schnell ablenken. Etwa ab dem zweiten Lebensjahr beginnt das eigentliche Trotzalter (Lernphase, daß die eigenen Wünsche nicht die Wünsche der Eltern oder Bezugspersonen sein müssen und nicht immer erfüllt werden.). Setzen wir voraus, daß Erwachsene im Gegensatz zu Babys und Kindern sehr wohl unterscheiden können zwischen Sorge, Zorn und Trotz, dann bleiben einige Fragen offen in Bezug auf das eigene Einlenken zu ihren Beweggründen und das Vermeiden der Sorge, des Zorns durch Differenzierung, Aufklärung.

Warum schließen sich Menschen dem Zores auf der Straße, in den Medien an? Wirklich nur aus Sorge oder steckt hinter dem auf der Straße verbreiteten Zorn Kalkül? Das Kalkül des Trotzes? Der besorgte Bürger in Wahrheit der tobende Bürger, weil er sich überhaupt nicht beruhigen will.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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