Der Bettenmacher


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Es war nicht die rettende Frage, die er erwartet hat, als sie ihm durch den Kopf schoß. Kann man besser lernen, wo der Schuh drückt, wenn man als Kind zum größten Teil mit zu kleinen Schuhen die Schritte ins Leben bewältigt hat? Ansichtssache. War seine Antwort. Randolf war sich sicher, solche Fragen geistern nur in seinem Kopf, damit er sich geistig beschäftigen soll. Sie waren reine Beschäftigungstherapie. Ablenkung. Eine bewußte Irreführung. Denn die eigentliche Frage hätte seiner Meinung nach etwa lauten müssen, warum kann ich nicht wie die anderen bei dieser Feier ausgelassen sein?

Und weil er weiß, daß ihn weder die Frage noch die Antwort interessiert, weil ihn nämlich aus lauter Frust gar nichts interessiert, phantasieren seine Gehirnzellen mittels Ablenkungstaktiken vom ursprünglichen Thema eigene selbstgefällige Fragen, natürlich unter Berücksichtigung seiner Interessengebiete. Auf die Idee eine Frage zu stellen, die es ihm leichter machen könnte, die Blonde, die sich lachend im Gewühl der anderen Partygäste von einem zum anderen hangelt, eine Frage zu formulieren, wie er sie ansprechen könnte, darauf, das weiß er, kann er lange warten, denn schließlich kennt er sich in seinem Kopf bestens aus, und er kann halt nun mal nur mit Anmachsprüchen aufwarten, die er im Fall der Blondine fehl am Platz hält.

Wer schon als Kind auf großem Fuß gelebt hat, hat als Erwachsener weniger Probleme, sich breit zu machen. War das jetzt eine Frage oder eine Antwort? Bei Oliver scheint dies zuzutreffen, er bewegt sich traumwandlerisch, ohne anzuecken, auf solchen Partys. Nicht nur die Mädels hängen an seinem Arm und Lippen, auch die männliche Ausgabe von „Was du nicht erzählst!“- Anhängern schnurren um ihn herum. Das ist mal wieder ein Sonnenbad für ihn.

Randolf trat im übertragenden Sinn von einem Bein auf das andere. Sein Getränk neigte sich dem Ende zu, genauso wie seine Stimmung, die ihm einflüsterte, soll ich jetzt gehen? Eine konkrete Frage verlangt eine konkrete Antwort. Doch die konnte er nicht denken, denn Oliver winkte ihn zu sich mit der Frage: „Randolf, hast du Bock mit schwimmen zu gehen?“

Ein langgezogenes Ja kam direkt als Antwort, das sollte ihm die Chance bieten, noch ein Weilchen Zeit zu überbrücken, ob er denn nicht hintenan ein „vielleicht“ oder ein, „wo wollt ihr denn schwimmen“, oder „aber ich…“, oder eine andere passende Ausredefrage, mit der man seine Unschlüssigkeit verstecken kann. Die Blonde, ich bin Janine, fiel ihm aber in das Ja hinein, sodaß er, ohne daß er das wirklich vorgehabt hätte, jetzt mit Oliver, Tim, Charlotte, Jan, Sebastian, Chiara und der blonden Janine am Weiher bei Dietershofen saß.

Wenn man mit beiden Beinen auf dem Boden steht, steht man dann auch auf eigenen Beinen? Randolf fand wider Erwarten in Janine einen Gesprächspartner, der ihm nicht auf die Füße trat. Sie sprach mit Händen und Füßen, egal ob über etwas gelacht oder ein ernstes Thema angeschnitten wurde. Sie vertrat vehement ihre Standpunkte, auch wenn sie auf einsamen Posten stand. Manchmal schien es, sie provoziere diese Außenseiterrolle, nur um kurz im Abseits zu stehen.

Das gefiel Randolf. Und ihm gefiel, daß sie öfters auf eine Frage mit einer Frage antwortete. Oder völlig andere Themen ansprach, die keinerlei Bezug zu dem gerade geführten Gespräch hatten.

Randolf mochte noch nie blonde Frauen, Frauen, die ständig mit den Armen fuchteln und so gut wie nie den Mund halten und zuhören.

„Du bist ein Bettenmacher, deshalb bin ich dein Widersacher.“, lachte sie ihn an. Und hörte weder mit dem Lachen noch mit, du bist ein Bettenmacher, deshalb bist du mein Widersacher, auf, bis er, weil er nicht verstand, angesteckt durch ihr Gelächter, zuerst einen Bauchkrampf und danach einen Hustenanfall bekam.

Randolf schmunzelte, lange schon hatte er nicht mehr, du bist ein Bettenmacher, deshalb bin ich dein Widersacher, gehört. Und bis heute ist ihm der Sinn nicht gänzlich verständlich. Klar, er bemüht sich um Ausgewogenheit und das nicht nur für sich selbst, auch unter Freunden, überhaupt zu allen Themen, das muß er zugeben und sie, sie ist meistens auf Krawall gebürstet. Wie jemand, der ständig mit dem falschen Fuß aufsteht, dies aber mit Leidenschaft, einfach nur um zu kontern. Er bietet ihr quasi ständig eine Vorlage, auf der sie dann herumtrampeln kann. Er macht das Bett, das sie mit Freude zerwühlt.

Hast du dich schon mal gefragt, ob man mit zwei linken Händen weiß, was die rechte und die linke Hand macht? Kippt man eher aus den Schuhen, wenn man kalte Füße bekommt? Reine Ablenkung. Eine bewußte Irreführung. Stolpernd betrat er das Juweliergeschäft, um einen Ring zu kaufen, denn am Wochenende will er um ihre Hand bitten.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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