Geniert sich Geist oder Gefühl vor Folter?


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Verharmlosen sich Qualen mittels Scham?

Geniert sich Geist oder Gefühl vor Folter? Ist es dem Geist oder dem Gefühl peinlich, wenn jemand der Folter unterzogen wird? Schämen sich Personen, die andere foltern? Ist der Auslöser des Genierens über diese Tat eine geistige Auseinandersetzung, oder sind es die Emotionen, die vor Scham in den Boden versinken?

Wer hat sich nicht schon einmal geniert in einer Situation, die für ihn peinlich war? Möglicherweise verbunden mit einem roten Kopf, mit stottern, auf den Boden sehen, zittern, Schweißausbruch oder ähnlichen Symptomen? Es gibt zu viele unterschiedliche Auslöser, warum jemand sich gehemmt fühlt, sie sind genauso mannigfaltig wie die Anzahl von Individuen. Peinlichkeit ist der Begriff für eine kleine Ungeschicklichkeit oder großen Fauxpas. Auch hier ist die Bandbreite der Fettnäpfchen großgefächert. Da es nicht klar umrissen werden kann, festgelegt auf ein paar bestimmte Situationen, in denen man sich geniert, kann das Wort genieren auch nicht auf einen oder artverwandte Benennungen zurückgeführt werden.

genieren, französisch (se) gêner, zu gêne, veraltet auch, Folter, altfranzösisch gehine, das durch Folter erpresste Geständnis (Duden). Synonyme sind, etwas peinlich empfinden, unangenehme Situation, schämen, verlegen sein. Veraltete Begriffe sind belästigen, stören, jemanden hinderlich sein.

(se) gêner, (französisch), peinlich sein.

gêne, (französisch), Beschwerde, Befangenheit, Verlegenheit.

Die Folter, um 1400 föltrit, foltren (Dativ), umgestaltet aus mittellateinisch poledrus, Fohlen, das dann ein der Form nach einem kleinen Pferd ähnelndes Foltergestell bezeichnete (Duden). Andere Wörter sind, Misshandlung, Marter, Peinigung, Qual.

Ob es erstaunlich zu nennen ist, daß das Wort Folter von einem Folterinstrument stammt, das in seiner Form einem Fohlen ähnelte, mag jeder für sich beantworten. Es hätte sicher noch eine ganze Reihe anderer Foltergerätschaften gegeben, die man für diesen Begriff übernehmen hätte können. Denn die Folter wurde sicherlich nicht von den Römern „erfunden“, und das „poledrus“ war auch nicht das einzige „Instrument“, um Menschen zum Reden zu bringen, Geständnisse zu erzwingen oder was immer man mit Folter erreichen wollte.

Vielleicht war das „poledrus“ am niedlichsten anzusehen, vielleicht wollte man damit eine gewiße Harmlosigkeit unterstreichen, oder es war ein Mittel, um sich angesichts einer ernstlichen Lage mit einem Witz, Gag den Schrecken zu nehmen.

Erstaunlicher ist vielmehr, warum das französische Wort für Folter „gehine“, (das durch Folter erpresste Geständnis), sich in genieren, peinlich sein, schämen, sich „verwandelte“.

Hier stellt sich die Frage, geschah dies durch geistige Auseinandersetzung mit Folter oder mit den hervorgerufenen Gefühlen, die Folter freisetzen kann. Und dies nicht nur beim Folternden, sondern auch beim Gefolterten. Für wen ist Folter peinlich? Wer schämt sich für das Foltern? Wen hemmt das Foltern, wen macht es verlegen?

Die oben erwähnten veralteten Begrifflichkeiten von „genieren“, nämlich belästigen, stören, jemanden hinderlich sein, können nicht wirklich eine definitive Erklärung liefern, aber sie verdeutlichen das Wort Folter besser, als die neuere Sprachanwendung. Denn jemanden stören, belästigen, jemanden hinderlich sein, hat mehr mit Qual und Marter zu tun als schämen, verlegen sein, oder?

Die anfangs gestellte Frage: „Geniert sich Geist oder Gefühl vor Folter?“, kann mit dem Wort „stören“ besetzt eine Person aus ihrem Gleichgewicht bringen. Wer absichtlich das Gleichgewicht stört, belästigt, schämt sich selten dafür, denn er hat diese Behinderung bewußt herbeigeführt und ist deshalb im Einklang mit seinem Geist und Gefühl.

Wenn sich Geist und Gefühl hingegen schämen, ist es fast auszuschließen, daß dennoch jemand aus dem Tritt, dem Gleichgewicht gebracht wird, denn damit würde man sich selbst aus dem eigenen Gleichgewicht bringen.

Das durch Folter erpresste Geständnis, „genieren“, ist ein Störfaktor für Geist und Gefühl und keine Peinlichkeit.

Schade, daß hier ein ähnlicher Umkehrschluß vonstatten ging wie mit Folter zu Fohlen (Verniedlichung eines Folterinstruments), nämlich von stören zu schämen, welches bedeutet, eine Störung wurde zu Verlegenheit.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Eine Antwort zu Geniert sich Geist oder Gefühl vor Folter?

  1. gkazakou schreibt:

    Der Folterer rechnet mit dem Schamgefühl seines Opfers, es ist ein erheblicher Teil der zugefügten Qualen. Folter ohne sexuelle Erniedrigung funktioniert nicht. Das wissen wir, wir bekommen es auch immer wieder vor Augen geführt, und wenn uns vor der Folter graust, dann vor allem deswegen. Es geht auch dem später Freigelassenen nie mehr aus dem Sinn, denn es zerstört seine Würde in seinen eigenen Augen und in denen der anderen…

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