Stiften gehen – zwischen Streichen und Stiftungen


Nicht hinter jedem Stifter steckt ein Wohltäter

Hand aufs Herz, nein, das war nur Quatsch, schließlich wissen Sie selbst am besten, ob Sie sich belügen, beschwindeln, das brauchen Sie doch wirklich nicht beschwören. Denn selbst wenn Sie sich bei den nachfolgenden Sätzen nicht wiedererkennen, so werden Sie dennoch nicht behaupten können, nie stiften gegangen zu sein.

Sei es als Kind, beim Klingelstreich, oft in Gemeinschaft mit anderen an den Türen geklingelt, um danach mit den Beinen unterm Arm wegzurennen. Als wir das Weite gesucht haben, wenn der Bauer uns beim Kirschen-, Apfel-, Beerenklauen erwischt hat. Wenn wir die Tafel im Klassenzimmer mit sogenannten Schmierereien verschönt haben und nicht dafür eingestanden sind, die „Übeltäter“ gewesen zu sein. Das alles ist Stiften gehen, sich aus der Verantwortung ziehen, abhauen.

Aber auch jemanden etwas schenken, bedeutet stiften, den Kuchen für die Kindergarten- Schulfeste, das Stiften von Kleidung an karitative Organisationen. Stifteressen werden veranstaltet, um das gesammelte Geld an hilfebedürfte Menschen oder Tiere weiterzuleiten, um Kunst zu bewahren.

Bei einem »Stiftermahl« für eine gemeinnützige Einrichtung kam die Frage auf, wie die Wendung stiften gehen im Sinne von ›abhauen, sich verdrücken‹ entstanden sein mag. In den Lexika, die mir vorliegen, auch bei Lutz Röhrich, findet sich der Ausdruck wohl erwähnt, aber ohne Erklärung. Könnte nicht das Wort Stift in der Bedeutung ›etwas Geringes, Kleinigkeit‹ – man vergleiche Stift als ›Lehrling‹ – der Ausgangspunkt sein? Wer sich schnell aus dem Staub macht, »sich dünne macht«, wirkt nur noch wie ein Strich in der Landschaft? Auszug aus GfdS (Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.)

Irgendwie paßt das nicht zusammen, oder? Stiftengehen: weglaufen, stiften: schenken.

Angenommen wie im Text für Gesellschaft für deutsche Sprache zu lesen, der Stift, die Kleinigkeit, etwas weniges wird gestiftet, um sich dann schnellstmöglichst aus dem Staub zu machen, damit man nicht wirklich zur Tat der Veränderung schreiten muß. Ist das dann Stiften gehen? Man hat seine Pflicht und Schuldigkeit getan, sein Gewissen beruhigt, alles weitere wird sich schon geben. Samaritertum im Deckmantel des Desinteresses?

Der Brandstifter geht stiften, nachdem er Feuer gelegt hat. Da sitzen gut betuchte Damen und Herren, lassen sich beim Stiftermahl beköstigen mit Speis und Trank, hören über die Dringlichkeit der benötigten Spenden für ein Projekt, pflegen ihre persönlichen, wirtschaftlichen Kontakte, stiften eine Kleinigkeit, nicht zu viel, denn das Jahr ist noch lang, und ob alle Kontakte wirklich fruchten, ist ungewiß, sowieso muß man auch bei anderen Veranstaltungen präsent sein, und das Budget soll zehn Prozent des Jahresgewinns nicht überschreiten.

Sie befinden sich in einer äußerst schwierigen Lebenssituation, Krankheit, finanzielle Probleme, Trauer um einen geliebten Menschen, anfangs stehen Ihnen noch viele Freunde zur Seite, stiften Ihnen Trost, aber wenn die Heilung, Aufarbeitung über einen längeren Zeitraum dauert, gehen manche Freunde stiften.

Der Brandstifter muß nicht unbedingt Feuer mit echtem Brennmaterial legen, Brandstifter sind auch all jene, die mit Wörtern die Gemüter von Menschen aufheizen, sich aber aus der Verantwortung ziehen, wenn die Lunte anfängt zu brennen. Selbst wenn Sie unter Pseudonymen Standpunkte vertreten oder verlauten lassen, die nicht direkt nachvollziehbar sind, ist das Stiften gehen.

Informiert man sich über die Anzahl der Stiftungen in Deutschland, über ihr Kapitalvermögen und Gesamtausgaben, dann sei die Frage erlaubt: Stiften sie oder gehen sie stiften?

Nicht hinter jedem Stifter steckt ein Wohltäter, der sich nur profilieren will, viele sind überfordert von der Flut der zu erbringenden Hilfe, es liegt an uns, die ehrlichen und am Wohl der Mitmenschen Interessierten von denen zu unterscheiden, die nur im Licht der Aufmerksamkeit stehen wollen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Diese Kolumne erschien bereits am 03. Februar 2016 hier bei Querdenkende.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s