Herkunft der Erinnerung


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Durch ihre mandelhonigfarbenen Augen träumte er, sich zu baden täglich, stündlich, er würde gar nicht mehr aufhören, sich zu schruppen, sogar den Hintern würde er mehrmals putzen. Sobald er sie sah, er ihren Geruch wahrnahm, nach Mandel, nach Honig, nach Farben, schwebte er im Riesenrad nach oben, seine Gefühle ein gigantisches Kettenkarussell mit Badezuber als Sitze, oben in den Lüften schwitzte er den Schweiß seiner Gedanken auf die sprachlose Zunge, unten trieb ihm die Saunaluft süßlich klebrigen Honig in die Ohren, der dafür sorgte, völlig die Orientierung zu verlieren. Er war verliebt und für immer verloren im Rad der unerwünschten Schwiegersöhne.

Der Schwindel verursachte Beschwerden, in denen er einen Wettstreit zwischen seinem Magen und seinem Verstand ausmachte, die sich nicht einigen konnten zwischen der Auswahl der flatternden Schmetterlinge im Bauch, mandelhonigfarben oder bunt und einer Fata Morgana, die ihn durch einen lichtdurchfluteten See fährt, gebunden an ein Wagenrad, das ständig Sandkörner in seine Augen streut.

Wund am ganzen Körper durch das viele Schrubben und den Sand, der sich in alle Poren seines jungen Körpers einfurchte, lag er hilflos in seinem Bett, bewacht von seine Mutter, die mit heilenden Ölen zumindest seine wässrigen, manchmal eitrigen Wunden versorgte, nicht wissend, daß die eigentliche Krankheitsursache ein innerlicher Disput zwischen Leidenschaft und unerreichbarer Liebe war.

Diese Symptome waren selbst für den zur Konsultation herbeigerufenen Arzt nicht zu erklären, zumal das Übel, das über die Familie zu schweben begann, zweimal jährlich sich mal in abgeschwächter Form, mal in dramatischer Weise abzeichnete und nunmehr sich im zehnten Jahr zu wiederholen begann. Der Pfarrer, der mehrmals die letzte Ölung am Krankenbett vornahm, war sich Zeit seines Lebens sicher, daß das von ihm zugefügte Elixier für das heil- und sündenvergebende Öl dafür gesorgt hatte, ihm für die nächste Jahreshälfte die Kraft gab, zu leben. Diese Zutat hütete er wie ein Geheimnis. Erst an seinem Totenbett flüsterte er seiner Haushälterin sein lebensstärkendes Mittel zu, die aber leider auf Grund ihrer Schwerhörigkeit, und weil sie ihm versprochen hatte, erst nach der Beerdigung ihr Schweigen zu brechen, mehrmals unterschiedliche Aussagen machte.

Dies führte dazu, daß in der Kirchengemeinde nicht nur über das Mysterium des wundgescheuerten jungen Mannes der Gesprächsstoff nicht enden wollte, sondern über die Zusammensetzung des sakramentsspendenden Öls geradezu ein alle Tod und Teufel heraufbeschworenes, teils auf sachlichen Disput, teils auf verschwörerischer Geheimniskrämerei, Gerede in dem Dorf zu hören war, das noch Kilometer entfernt als Surren von tausenden Fliegen wahrgenommen werden konnte, die sich auf faulendes Stück Erde stürzen.

Unbemerkt blieb es deshalb bei den Dorfbewohnern, daß der Jahrmarkt, der seit Menschengedenken Anfang Oktober neue Waren und Geschichten aus aller Welt brachte, nicht stattfand. Selbst als Anfang Mai immer noch keine Neuigkeiten und Produkte eintrafen, schien dies niemand zu interessieren, so sehr waren sie mit ihren Wortauseinandersetzungen beschäftigt. Erst als im August dieses Jahres eine unerträgliche Hitzewelle sich hartnäckig weigerte, die Regenwolken über das Gebirge zu schieben und sich die Bewohner im Spiegelbild des Niedrigwasser führenden Dorfteiches nicht mehr wiedererkannten, wo sie sich mit ihren ausgemergelten Körpern und in Fetzen gekleidet trafen, um vor der großen Dürre noch die letzten Tropfen Wasser untereinander aufzuteilen, fiel ihnen auf, daß früher einmal dieser Ort ein Ort des geschäftigen Handels war, wenn auch nur zweimal im Jahr.

Der Einzige, der an dieser Erkenntnis nichts Verwunderliches erkannte, war der junge Mann, der inzwischen in der Blüte seines Lebens stand und im Gegensatz zu den andern, da keine Gründe vorlagen mit abgeschabter Haut darniederzuliegen, seine Familie aus der wunderlichen Zeit über eine große Menge an Öl gehortet hatte, die sie während dieser Monate innerlich anwandten, sodaß sie die alleinigen waren, die vor Gesundheit strotzten. Diese Tatsache, und wir wollen keinerlei andere Hintergründe zulassen, die eventuell an Rache oder an Vorbestimmung tuschelnd die Runde machten, veranlaßten die Dorfbewohner, ihn als Bote auszurüsten, um den Umstand des leeren Marktplatzes zu erkunden. Wenn es in seiner Macht stünde, etwas zu erfahren, dann sei es nicht abzulehnen, warum die Wolken, die sichtbar über der Bergkuppe zu sehen waren, nicht die Traute hätten, über dem Dorf sich abzuregnen.

Seine Mutter gab ihm nicht nur einige Flaschen des Öls mit, das sie ihm auf seine Wunden gestrichen hatte, auch legte sie ihm in seinen Rucksack zwei Ölflaschen hinein, welche der Pfarrer in ihrer Obhut beließ, damit sie in seiner eventuellen Abwesenheit selbst die letzte Ölung hätte vornehmen können. Unter großen anschwellendem Getöse an Stimmen, Gejohle, Geheule schritt er auf dem einzigen Weg, der zum Dorf führte, hinaus in die gleißende Sonne, die ihn so schnell in ihrem Flimmern verschluckte, daß die Bewohner des Dorfes nur deshalb sicher waren, jemanden zur Hilfe fortgeschickt zu haben, weil die Mutter tagelang weinend das Surren der Dorfgespräche übertönte.

Konfrontiert nach einem Tagesmarsch mit einer ihm unbekannten Stille, die ihn umgab, war er, als die Müdigkeit ihn übermannte, weder des Wissens sicher, wer er war, noch warum er hier lag, wohin er wollte. Da er auch beim Aufwachen keine Antwort auf diese Fragen hatte, entschloß er sich, sozusagen intuitiv einem Surrgeräusch zu folgen, welches ihn an einem Tümpel führte. Die Mücken, die diesen Teich bevölkerten, waren so überrascht über seinen Besuch, mußten sie ansonsten lange Strecken in Kauf nehmen, um ein menschliches Wesen in Augenschein nehmen zu können, daß sie vor lauter Freude in kürzester Zeit seinen Körper bedeckten und ihre unerwartete Mahlzeit derart genossen und deshalb den herannahenden Wagenkonvoi komplett überhörten.

Welcher Mensch hat nicht erste Erinnerungen, die ihm seine Herkunft, sein Zuhause schildern? Er roch das Öl, das ihm über Jahre seine Haut heilen ließ, er träumte, sich zu baden in dem Geruch von mandelhonigfarbenen Augen, er schwebte auf dem Riesenrad mit der Geschwindigkeit eines Kettenkarussells und spürte die Nähe des Wesens, das von Anbeginn seines Seins zu ihm gehörte. Ob es daran lag, keine Fragen von dem fahrenden Leuten gestellt zu bekommen, noch Antworten von ihm erwartet wurden, wer weiß das schon im Nachhinein zu sagen. Eigenartig befremdlich wirkte er allerdings auf seine Anverwandschaft, wenn sirrende Geräusche in der Luft hingen und er nur mit vereinten Kräften daran gehindert werden konnte, die Familie zu verlassen. Sie vermuteten allerdings, dies sei ein Zeichen seiner Angst vor Mücken, Fliegen und sonstigem Getier, das sich surrend in dieser Welt bewegte und die ihn auf so schreckliche Weise am ganzen Körper gestochen hatten.

Schließlich konnten sie nicht ahnen, wenn er es schon nicht konnte, das Surren war die einzige Erinnerung, die ihm von seinem Dorf verblieb, ohne das Wissen allerdings, daß es dieses Dorf jemals gab, und ob er vielleicht ein oder anderes Mal ganz in seiner Nähe vorbeifuhr.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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