Behinderte werden weiterhin benachteiligt


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Typisches Zeichen einer ausgrenzenden Gesell-schaft

Statistische Werte können ziemlich schnell konkret werden, wenn man sich mal vergegenwärtigt, was sie real bedeuten. Und hierbei sind Zahlen eben doch nach-vollziehbar. In Deutschland ist fast jeder zehnte Einwohner behindert im Sinne einer anerkannten Behinderung, wobei 7,6 Millionen von ihnen als schwerbehindert gelten.

Im SGB IX, dem Sozialgesetzbuch Neun, steht folgende Regelung, wann Menschen als behindert gelten: Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Diese soziale Begriffsdefinition, die dafür geschaffen wurde, den sozialen Stand zu bemessen, ist schließlich nur ein Teilaspekt des betroffenen, behinderten Menschen, haben wir uns doch nicht ausschließlich über die Arbeit zu artikulieren, sondern ein ganz entscheidender Umstand schwingt dabei mit. So hat Alfred Sander folgenden, denkwürdigen Satz geprägt: Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch mit einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld-System integriert ist. (H. Eberwein, S. Knauer: Handbuch der Integrationspädagogik, Beltz 2002). Ganz klar bringt er somit zum Ausdruck, daß die Unfähigkeit des Umfeldes des betroffenen, behinderten Menschen, diesen im Leben einzubeziehen, zu integrieren, wohl viel eher vorliegt.

Menschenverachtende Broschüre setzte vieles in Gang

Die 1920 erschienene Broschüre, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, in dieser der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche forderten, daß die Gesellschaft von den „geistig Toten“ befreit werden müsse, war natürlich eine willkommene Gelegenheit für die Nationalsozialisten, nach deren Machtübernahme sie praktisch umzusetzen: Sie sterilisierten und töteten kurzerhand behinderte Menschen.

Wer jetzt meint, es hätte sich im Sprachgebrauch wesentliches geändert, täuscht sich, wurde doch noch 1958 seitens des Innenministeriums der Bundesrepublik Deutschland bemerkt, eine Behinderung sei eine persönliche Eigenschaft einzelner Menschen, sie seien mehr oder minder leistungsgestört (lebensuntüchtig). Somit fand nur eine Abmilderung zum nationalsozialistischen „lebensunwerten Leben“ statt. Letztlich war auch hierbei eine halbherzige Aufarbeitung des Nazistaates zu beobachten. 1980 entstand mit dem ICIDH („International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps“) ein Klassifikationsschema von Krankheiten und Behinderung der WHO. Ein Jahr später folgte sodann das „Internationale Jahr der Behinderung“, welches die UNO festlegte.

Weltweit über eine Milliarde Menschen behindert

Im März 2011 hatte die Kasseler Linke zurecht auf die erhebliche Verschlechterung im Rahmen der durchgeführten Hartz-IV-Gesetzesänderungen hingewiesen. Dem gegenüber sorgte schließlich der im Juni desselben Jahres veröffentlichte erste, weltumfassende Bericht zur Behinderung seitens der WHO für entsprechenden Wirbel, wenn denn die politisch Verantwortlichen dies nicht nur registrieren, sondern Taten folgen lassen.

Es gibt viele Behinderungen, seien es die geistigen oder die körperlichen, entstanden durch einen Unfall oder von Geburt an. Parallel sollten wir aber auch an jene Behinderungen denken, die noch weniger von der Gesellschaft wahrgenommen werden. Diese sind betroffen von CED oder aber haben ständige Blähungen aufgrund von Darmkrebsoperationen, wobei sie die Bauhin-Klappe verloren haben. Dies gilt auch für die Gruppe von Menschen, die unter der Krankheit Morbus Tourette leiden.

Unabhängig davon, daß gerade hierzulande unsere Behinderten immer noch meist nicht zu sehen sind im Alltag, oftmals „weggesperrt“ in Heimen leben, werden all die hier aufgezählten Behinderungen erst recht diskriminierenden Ausgrenzungen unterzogen. Lassen wir noch die zunehmende Gewalt mancher Jugendliche einfließen, wenn man z.B. an U-Bahn-Täter denkt, dann erkennt man sehr deutlich, was in unserer Gesellschaft sich noch ändern muß: eine Bereitschaft zu viel mehr Toleranz.

Leider ist beim Thema Behinderung auch festzustellen, daß in der Regel der vermeitlich „Schwächere“ ganz besonders zu leiden hat, was unmittelbar mit der politischen Stimmung im Lande, in Europa und weltweit zusammenhängt. Solange kein wirklich praktizierter Humanismus angewandt wird, sind solche Defizite vorhanden und somit unbedingt zu benennen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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