Randnotiz


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Schwarze Engelslocken, windig verknotet. Egal wie oft ich dem Pfeil folge, der aus der Textstelle an den rechten Rand zeigt, schwarze Engelslocken, windig verknotet, können unmöglich in diesen Text, ja, nicht mal in den gesamten Textabschnitt eingefügt werden. Scheint möglicherweise eine Gedankenstütze zu sein, die er nur schnell notiert hat, um sie für einen folgenden Textabschnitt nicht zu vergessen.

„Du bist doch so fix an der Tastatur, ich kann es mir nicht leisten, abzulehnen. Und dieser Packen ist besonders wichtig. Ingmar hat mir das vermittelt, scheint ein neuer Stern am Autorenhimmel zu werden, laut ihm. Letzten Monat hatte ich quasi nix zu tun, und seit dieser Woche komme ich fast nicht mehr zum Schlafen. Warum plötzlich so viele Aufträge reinkommen, weiß der Teufel.“

Simone schreit fast am Telefon. Simone, die ansonsten so völlig die Relaxte ist, schlimmer als jeder Barkeeper, der die Ruhe weg hat, seine Getränke zu mixen, daß man schier in Trance verfällt und völlig den Wunsch nach einem Getränk vergißt, dies erst wieder wahrnimmt, wenn man angesprochen wird.

„Beruhig dich, trink erst mal einen Kaffee! Nein! Laß den Kaffee weg. Du bist schon nervös genug. David muß immer noch so viele Überstunden machen, das schon seit Wochen. Die Umstellung auf das andere Firmenprogramm ist aufwendiger, als er anfangs dachte. So what! Ich habe genügend Zeit, die Texte ins Reine zu bringen.“, antwortete ich mit einem gewißem Stolz in der Stimme, stolz war ich, weil ich mir so ungemein ruhig vorkam. Eine Ruhe, die ansonsten nur Simone verkörpern konnte.

Meersanfte Augen, korallenfarbige Lippen. Wieder mit Pfeil zu einer Textstelle. Das ergibt keinen Sinn.

„Hey, Simone, du, hier sind ständig Randnotizen mit Pfeil zu einer Textstelle, doch die können unmöglich mit dem Text in Zusammenhang stehen! Schwarze Engelslocken, windig verknotet. Steht bei einer Hochhausfassaden Beschreibung. Meersanfte Augen, korallenfarbige Lippen. Das ist vermerkt beim Leichenfund in der Garage. Puderzuckergleiche Bernsteinhaut. Göttin in Vollendung, himmelsglockenklare Stimme ist zu lesen, als der Hund der Ermordeten sich von der Leine losreißt und hinter einem Fahrradfahrer herrennt. Simone verstehst du das?“

„Nein, nicht wirklich. Ich werde Ingmar anrufen und ihn bitten, bei dem „neuen Stern“ nachzufragen. Ich kenne ihn nicht persönlich, nennt sich Rufus Aden, ist ein Pseudonym. Melde mich später, Liebes.“, schallte es an mein Ohr. Liebes! Simone, Simone, du bist ganz schön durch den Wind. Liebes. Sowas kommt sonst bei ihr nie über die Lippen.

R. Valentini 18, duftende Blume, k. Rose. Lilien, Schmuckstück, Augencharme wie Ebenholz. 01756294183??? Scheint eine Handynummer zu sein. Kimberley, aha. Da kann ich nicht widerstehen anzurufen. Mal sehen, ob ich die Nummer richtig entziffert habe, wird sich ja die himmelsglockenklare Stimme melden.

Eher schrill diese Stimme, nachdem ich sagte, ihr Auto sei abgeschleppt worden. Dieser Rufus Aden hat weder ein gutes Gehör noch ein lyrisches Feeling, und sein Krimi trieft nur so von Banalitäten, warum Ingmar den so hoch lobt, muß man nicht verstehen.

„Hallo Schatz! Du hör mal, heute wird es wieder spät. Du brauchst nicht wegen mir wach bleiben. Ja, diese Umstellung kostet Nerven. Am Wochenende müssen wir jetzt auch noch ein Einführungsseminar belegen. Gerade eben mitgeteilt bekommen. Nein, schon am Freitag fahren wir ins Hotel nach Frankfurt, samstags morgen um 9 Uhr fängt es an. Das schaff ich nicht, wenn ich nicht schon am Vorabend dort bin. Ja, Ja, alles schon gebucht, aber ich weiß noch nicht wo, wahrscheinlich im Hilton. Bis später, Schatz!“, Davids Stimme klang genervt. Er tut mir richtig leid. Die Angestellten müssen mal wieder den Mist, den die Chefs sich ausdenken, glattbügeln.

Du meine Mondscheinmelodie, dein Körper umhüllt mich mit Schmetterlingsflügeln, anbetungswürdige Muse des Schicksals. Das ist doch auch eine Handynummer. Mehrfach durchgestrichen, ich bin Meister im Entziffern, wäre doch gelacht, ich bin dir auf der Spur, du Dilettant!

„Hey, Simone!“, sie faselt, falsches Manuskript, Erstfassung. Morgen kann ich das richtige bei ihr abholen. Soll alles vergessen, was da als Randnotiz steht, ist für Geschichte irrelevant. „Sag Ingmar bitte nicht, daß ich dir das Manuskript gegeben habe. Der war eben am Telefon auf hundertachtzig“.

Und du, meine liebste Simone, wirst gleich zum ersten Mal die wahre Bedeutung von völlig aus der Ruhe kennenlernen.

„Ach, Simone, dafür ist es schon zu spät. Ich meine, zum Vergessen. Das Manuskript ist schon weg, ein Fahrradbote ist gerade auf dem Weg. Konnte mir allerdings eine Bemerkung, nur so am Rande, nicht verkneifen!“, sagte ich mit der Stille eines windfreien Tages in der Stimme.

David, deine Sachen liegen wasserdurchflutetet auf der Straße. Aus Mangel an Lilien habe ich rostbraune Ziegelsteine darüber gelegt, damit du nicht mit Schmetterlingsflügeln bekleidet vor der anbetungswürdigen Muse des Schicksals treten mußt. Schloß ist ausgewechselt, unser Anwalt informiert.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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