Tach


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Wissen Sie was bei Erzählungen immer falsch ist? Ich meine jetzt nicht Erzählungen, die Phantasiegeschichten sind, erfundene Erzählungen. Romane. Irgendwie habe ich mich falsch ausgedrückt, das irgendwie ist auch falsch. Wenn Ihnen jemand etwas erzählt, vom Nachbar, von der Freundin, vom Arbeitskollegen, genau in diesem Moment verwandelt Ihr Gehirn das Erzählte in Ihr gewohntes Musterdenken.

Sagt der Jemand, der Nachbar mäht den Rasen immer zur Mittagszeit, schon springen bei Ihnen die geistigen Schubladen nach der Lade auf, in der Sie den Grund des Nachbarn vermuten, sein Aussehen, sein Alter, seinen Familienstand, seinen Charakter einsortieren können. Womöglich wissen Sie dann bereits, bevor Sie näheres über ihn erfahren, warum dieser Nachbar gar nicht anders kann, als immer mittags den Rasen zu mähen.

Zusätzlich werden Sie, mehr oder weniger zeitgleich, Unterscheidungen treffen, die Sie entweder veranlassen, dem Jemand beizupflichten, das dies Verhalten ungeheuerlich wäre oder Sie nehmen diesen Nachbar in Schutz, da er möglicherweise, da Schichtarbeiter, keine andere Zeit zur Verfügung hat, als eben mittags sich um den Rasen zu kümmern, oder Sie lachen sich ins Fäustchen, das der Jemand neben einem Nachbarn wohnt, der regelmäßig mittags seinem Rasen den richtigen Schnitt verpaßt. Sekundenschnell rattern die Drähte, öffnen sich Ihre Schubladen, hören Sie auf die Erzählung und schichten diese in Ihre eigenen Geschichten, die Sie dazu verleiten, die passenden Schubladen zu finden.

Natürlich berücksichtigen Sie bei der Erzählung, die jemand Ihnen mitteilt, daß dieser Jemand genau die gleichen, nicht dieselben Mechanismen gerade in Gang hält. Dieser Jemand wird anhand seines Wissens über Sie und Ihrer Gestik der Mimik, wenn er Sie nicht kennt, dann reicht ihm schon die Mimik, so ausgefeilt ist diese Mechanik der geistigen Schubladen, da hinkt die ganze Digitaltechnik noch Jahrtausende hinterher, das nur so nebenbei, was wollte ich nochmal erklären? Also bei dem Jemand läuft das gleiche Schubladenmuster ab, verfeinert durch die Einberechnung Ihrer Reaktionen. Diese Berechnungen verleiten ihn, entweder die Geschichte vom rasenmähenden Nachbar durch gewisse Worteinsätze zu dramatisieren, zu bagatellisieren, er ist ein armer Irrer, sich vorzunehmen, Ihnen niemals mehr etwas über den mähenden Nachbar zu erzählen, davon auszugehen, bei Ihnen den richtigen Ansprechpartner gefunden zu haben, der mit ihm, dem Jemand, auf einer Linie steht, auf der gleichen Welle reitet und überhaupt, einfach die Erzählung versteht.

Wird es Sie erstaunen zu erfahren, dieser Schubladenabgleich zwischen jemand und Ihnen funktioniert auch nur mit Ihnen? Nein. Wußte ich es doch! Meine Menschenkenntnis führt mich selten hinters Licht. Ich habe ein gewisses Feeling dafür, wem ich was sage und wem nicht. Schließlich will man ja verstanden werden.

Des Öfteren ist mir eine alte Dame, schätze mal, sie ist so an die Siebzig, aufgefallen, die, wenn ich abends noch schnell nach der Arbeit im Supermarkt einkaufe, kommt nicht so oft vor, meistens sind es Kleinigkeiten, denn ich kaufe ansonsten nur samstags ein, für die ganze Woche, schließlich, zu was hat man eine Kühlkombination, bin ich eine Person, die ihre Zeit nicht vertrödelt. Und nebenbei, in meinen freien Stunden möchte ich frei sein, ohne Verpflichtungen. Außerdem mag ich es, wenn die Schränke und die teure Kühlkombination voll sind, voll Essen. Ich kann nicht nur reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ich schnabuliere halt auch gerne.

Ach so, die alte Dame, also was mir aufgefallen ist, sie steht an der Kasse, völlig egal, ob sie hinten an der Schlange steht oder ihre Waren bereits gescannt werden, ob sie zahlt oder ihre Sachen einpackt, sie wirkt wie, ja, wie der Tau am Morgen. Frisch geduscht. Wach. Ich denke, so sehe ich aus, sonntags nach einem ausgiebigen Frühstück, keine Termine, kein ausgefeilter Plan, der mich terminlich festlegt, wie der Tag abzulaufen hat. Dieser Flair verleiht den anderen Kunden noch mehr den Anschein von Hektik und Streß.

Soll ich schon, okay, die alte Dame heißt Marga. Wir haben uns kennengelernt. Weil wir uns angelächelt haben, sie, weil sie um diese Uhrzeit gerne lächelt, ich, weil ich über ihre Art gelächelt habe. Sie so, Sie strahlen ja vor Glück, ich so, nein, nein, ja, also schon irgendwie. Sie, nein, Sie strahlen nicht irgendwie, Sie strahlen, weil Sie gerade glücklich sind, etwas macht sie fröhlich. Ich, oh, ja fröhlich stimmt. Ihr Lachen war gerade ansteckend. Sie, ach was, wenn dann haben sie mich angesteckt mit ihrem Lachen.

Dabei, das haben wir beide bemerkt, lief im Hintergrund die Maschinerie der Schubladen und die Drähte wurden aus- und eingesteckt, das Ergebnis war, es kam uns so vor, als ob wir uns bereits kannten, wir die gleichen Verbindungen anschlossen. Sie kam dann auf die Idee, mich zu einem Kaffee einzuladen, und ich fand die Idee toll, denn ich spürte neben ihr gerade die Morgensonne aufgehen.

Marga ist zweiundsiebzig, lebt ganz in meiner Nähe und seit sie aus dem Berufsleben ausgestiegen ist, sie nannte das so, ein Nachtmensch. Sie war bis dahin eher der Morgentyp, zeitig aufstehen, den Tag möglichst unbekümmert beginnen, war schon immer Frühaufsteher, später wegen der Kinder schon früh auf, bis sie feststellte, ihre Vorstellung von einem glücklichen Rentnerdasein, morgens früh aus den Federn, sich ins Getümmel stürzen, war eine völlig falsche Einschätzung darüber, was sie erwartet, wenn sie beruflich nicht mehr aktiv ist. Irgendwann war sie zum Essen eingeladen worden von ihrer Tochter, schickes Restaurant und empfand in dem hektisches Trubel von Gäste kommen, Gäste gehen, untermalt von Gesprächen, leise Musik aus dem Hintergrund, dies sei ihrer Morgenstimmung gleich.

Kurzerhand hat sie begonnen, ihren Tagesrhythmus zu ändern. Sie steht spätmittags auf, kleines Frühstück, Erledigungen und dann ab ins Nachtleben. Aber spätestens um zwölf ist sie zuhause, gönnt sich für ein, zwei Stunden Muse, bin noch nicht dahinter gekommen, was sie damit tatsächlich meint, werkelt ein bißchen im Haushalt, so daß sie gegen Morgen ausgepowert sich Schlafen legen kann.

Moment, das Telefon.

„Hallo Brigitte, du hör mal, ich bin hier gerade im „Plazzo“, am Nebentisch schwärmen ein paar Leute von dem neuen Film mit, ach wie heißt er nochmal, der Schauspieler, der immer so Heldenrollen spielt? Jedenfalls läuft der Film um 10 nochmal. Sag mal, hättest du nicht Lust, spontan mit mir da reinzugehen?“

„Okay, aber danach muß ich nachhause, morgen ist wieder Arbeit angesagt. Bin so in zehn Minuten vor dem „Plazzo“. Bis gleich, Marga.“

Was immer Sie denken, wenn in einer Wohnung die ganze Nacht Licht brennt, wenn der Rasenmäher mittags durchs Gras geschoben wird, wenn jemand Ihnen etwas erzählt, denken Sie, ich bin unterwegs, Marga; und Ihnen noch einen schönen Tach.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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