Vogelmusik


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Wieso dieser verdammte Bus nicht kommt, darüber grübelte sie nach, in dem sie ziemlich exakt die Strecke ablief, die in etwa die Länge des Busses darstellt, wenn denn er in der Bushaltestellenbucht parkt, um die Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Der letzte Bus, er fährt laut Fahrplan um zweiundzwanzig Uhr zwölf. Immer, außer dieser Tag wäre ein Feiertag, so jedenfalls ist es auf dem Plan zu lesen. Dann nämlich fahren die Nachtbusse, pah, Nachtbusse, Abendbusse wäre genauer, alle eine Stunde früher. Heute ist kein Feiertag, und der 3. Mai ist sowieso nie ein Feiertag. Diese Tatsache kann ich garantieren, erklärte sie sich und bestätigte sich dies im nächsten Moment selber, denn zwei Tage nach dem ersten Mai kann niemals ein Feiertag sein.

Also hat der Bus einen Unfall, ist kaputt, wird in die Werkstatt geschleppt, ist in der Werkstatt, der Busfahrer ist krank, und es gab keinen Ersatzfahrer oder ganz fies, der Bus ist heute früher gefahren, als im Fahrplan angegeben. Mist! Irmi paßte ihre Schritte ihren Gedankengängen an, bedächtig könnte man sagen setzte sie einen Fuß nach vorne und ließ den anderen Fuß erst folgen, wenn sie in ihren Überlegungen eine neue andere Möglichkeit formulierte, wie sie aus dieser Situation den Weg finden kann, der sie nachhause brachte. Je länger sie nachdachte, desto schneller wurde der Weg zwischen der Wegstrecke der Buslänge abgelaufen.

Möglicherweise könnte sie bei Marie übernachten, die Einzige, die mit ihr in der Klasse war und mit der sie auch ab und zu herumhing, nicht nur in den Pausen, hielt sie nur noch der Gedanke an Sammy davor zurück, den langen Marsch anzutreten. Marie wohnte in der Stadt, und sie wäre in zwanzig Minuten vor ihrer Haustüre, würde nur noch die Frage zu klären sein, erlaubten es ihre Eltern, eine Schulkameradin, die sie noch nie gesehen haben, bei ihrer Tochter übernachten zu lassen. Sammy wäre noch eine Option, er lebte in einem Dorf zwei Kilometer entfernt, hieße nach zirka drei Kilometern von ihrem Standort aus gerechnet, wäre sie bei ihm, aber das Dorf liegt in der entgegengesetzten Richtung.

Seine Mutter ist nicht gerade als die Freundlichkeit in Person bekannt, alle Freunde von Sammy sind für sie verwahrloste Halbstarke, wenn sie nicht eine Frisur trugen, die bei den Jungs höchstens die Länge bis zu den Ohren haben durfte, die Mädchen einen kurzen Haarschnitt trugen und wenn lang, dann bitte Pferdeschwanz, Zöpfe oder hochgesteckt. Sammy, seine Mutter haßte diesen Namen, mein Sohn heißt Samuel, bekam jeder zu hören, der in ihrer Anwesenheit Sammy mit Sammy ansprach. Obwohl sie wußte, Sammy selbst war es, der jedem mitteilte, hey, ich bin´s, Sammy, und der seine Haare inzwischen so lang trug, daß man ihn von hinten durchaus für ein Mädchen hätte halten können, waren alle Freunde in ihren Augen daran schuld, daß ihr Samuel nicht mehr in allen Dingen nach ihrem Willen handelte. Eine Übernachtung bei Sammy schied also auch aus.

Dann ab nachhause, sind ja nur schlappe zwölf Kilometer. Es war ziemlich genau Viertel vor elf, als Irmi wußte, der Bus kommt nicht mehr, keine Alternative ist wirklich vorhanden, um sie vor dem langen Marsch zu bewahren. Selbst wenn ihre Eltern ein Telefon besessen hätten, wäre ein Anruf bei ihren sinnlos, besaßen sie doch kein Auto. Die Strecke war ihr bekannt, kann ich im Schlaf langlaufen, ist ja nicht das erste Mal, du bist sonst nur tagsüber und nie alleine dabei gewesen, der Weg an der Straße lang wäre zwar länger, aber immerhin würde mal ein Auto vorbeifahren, vielleicht könnte ich mitfahren. Nein, ich geh querbeet. Das ist zwar unheimlicher, aber weitaus sicherer, man weiß ja nicht, wer da im Auto sitzt, murmelte sie vor sich hin und in einem Eiltempo, als hätte sie einen Termin, ging sie los.

Das Waldstück, das auch tagsüber fast dunkel war, weil hier nur Fichten standen, hatte sie hinter sich gebracht, ein bißchen schwer atmend, nicht weil sie gerannt wäre, sondern weil die Anstrengung auf jeden noch so kleinen Ton ihr einen neuen kalten Schweiß über den Rücken laufen ließ. Das Ärgste ist geschafft, und am Bockhang setze ich mich aufs Bänkchen, nahm sie sich vor. Der Bockhang war eine wuchtige Erhebung mit einer Steilwand, er war von weitem schon zu sehen und unterschied sich gänzlich von der ansonsten eher hügeligen Landschaft. Früher stand neben der Bank ein Holzkreuz, vor dem Blumen eingepflanzt waren, eine Vase stand da auch. Aus Erzählungen wußte Irmi, daß in der Nähe ein Brunnen war, der aber kurz nach dem Entfernen des Kreuzes abgebaut und zugeschüttet wurde. Auf dem Bänkchen konnte man bei gutem Wetter kilometerweit Felder, Wiesen und Wälder sehen, direkt hinter dem Bänkchen ragte der Felsen so an die vierzig Meter in die Höhe, nur teilweise bewachsen von Sträuchern.

Nicht ganz die Hälfte hatte sie geschafft, vor ihren Augen sah sie die restliche Strecke vor sich, es gab nur noch eine Stelle, die ihr als gefährlich vorkam, das war der langgezogene Weg zwischen zwei Feldern auf denen Mais stand. Mannshoch, die Strecke ist ansonsten von der Straße her gut zu sehen, aber wenn Weizen oder wie jetzt der Mais steht, ist das sicher ein eigenartiges Gefühl, zwischen den Maisstengeln zu gehen, gestand sie sich ein. Während sie mit einem Sicherheitsgefühl, den Rücken zur Felswand, die von einem Halbmond beschienene Landschaft sich als heimelig vorstellte, schließlich bin ich hier aufgewachsen, vernahm sie ein Motorengeräusch, und gleich darauf sah sie Scheinwerfer, die flackernd aus dem Fichtenwald in ihre Richtung strahlten.

Das fährt direkt auf mich zu, dachte sie und im selben Moment sprang sie über die Bank und kletterte die Steilwand hoch. Ihre Schultasche hatte sie unter den linken Arm geklemmt und mit der rechten Hand griff sie nach jedem erreichbaren Geäst eines Strauches, um sich weiter nach oben zu ziehen oder das Strauchwerk aus ihrem Gesicht zu streichen. Überlegungen, welcher Platz hinter welchem Busch ihr genügend Deckung bieten könnte, um nicht von unten gesehen zu werden, falls das Auto anhielt, wer kommt denn schon auf die Idee mitten in der Nacht ans Bockhangbänkchen zu fahren, das ist sicher ein Betrunkener, der den Schleichweg nach Hause nimmt, um nicht in eine Kontrolle zu kommen, stellte sie erst an, als das Auto bereits länger vor dem Bänkchen stand, aber niemand ausstieg. Vielleicht ein Liebespärchen, mein Gott, laß nicht zu, daß der Betrunkene im Auto einschläft und ich die ganze Nacht hier verbringen muß, flüsterte sie sich im Geiste zu und zog ihre Beine an, damit hatte sie das Gefühl, vom Gestrüpp völlig verdeckt zu sein.

Wie Minuten zu Stunden werden, weiß ich jetzt, Lehrstunde verstanden, monologisierte sie, als endlich jemand die Autotür öffnete, sich neben das Auto stellte und pinkelte. Einer, der pinkelt. Die sind doch nicht zum Pinkeln hierhergefahren?

„Max, Mensch, hier ist es ja richtig geil! Wäre doch ein Platz, um ´ne Fete zu feiern! Max!“, rief der Pinkler, drehte sich um und starrte auf den bewachsenen Felsen. Irmi duckte sich nieder auf eine Größe, mit der hätte sie in jeden handelsüblichen Koffer gepaßt.

„Max, bist du schon mal den Felsen hochgeklettert? Max, beweg deinen Arsch aus dem Auto, ich rede mit dir!“, brüllte der Pinkler, und Irmi empfand die Lautstärke nicht so unangenehm wie das eventuelle Vorhaben, sie hatte doch richtig gehört, der Pinkler will den Fels hinaufklettern.

Aus dem Auto stieg jemand aus und stellte ich neben den Pinkler, beide sahen sie jetzt die Felswand empor. Wäre eine tolle Sache, Wettbewerb, Gaudi, einfach, kein Problem, an die 50 Meter, eine Kiste Bier, meinte Irmi zu hören. Das Gespräch zwischen den beiden schien den Pinkler vom lauter Sprechen abzuhalten. Irmi fror oder schwitzte sie? Was machen die mit mir, wenn sie mich entdecken, einer scheint aus der Gegend zu sein, formulierte sie ihre Gedanken, als die Fahrertür aufging und ein Dritter sich zu den beiden Felsbeobachtern gesellte.

Das sind Kiffer, die sind nicht betrunken, sagte sie sich, als sie durch die Äste sah, wie die Drei unten reihum Rauch ausbliesen. Da hoch, warum nicht, nein, ich werde auf keinen Fall das Auto wenden, um mit den Scheinwerfern die Wand anzustrahlen. Graben gesehen, hier geht’s nur vorwärts oder rückwärts, Timo, wäre zu überlegen, machbar. Kein Problem. Laß gut sein. Einer der beiden zuletzt Ausgestiegenen hielt den Pinkler am Arm. Mit einem Ruck befreite er sich, kletterte ein Stück nach oben, rutschte immer wieder, obwohl er sich an dem Geäst von Büschen festhielt.

Mit Sandalen, versuch’s barfuß, Frank legt sich lang, mach’s doch besser, Max, komm doch. Irmi meinte, den Atem zu spüren, den der Pinkler ausstieß, wenn er auf die Kommentare der anderen antwortete. War er einen Meter von mir entfernt, zwei, fünf, Irmi rechnete, und die Gedanken schienen keinen andern Gedanken mehr zuzulassen. Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren, Ihr Abstandsgefühl, ihr Körpergefühl, Hör- und Sehvermögen schwankten zwischen gut erkennbar und gerade noch wahrnehmbar.

Der Knall einer zuschlagenden Autotür nahm ihr für einen kurzen Augenblick die Berechnung des Abstandes zum Pinkler ab. Noch eine Person war aus dem Auto gestiegen. Hey, Leute, was gibt’s, hörte Irmi ihn sagen.

Drei fixieren die Felswand, und einer ist gleich bei mir, durchfuhr es Irmi. Ist gleich bei mir, ist gleich bei mir, tönte es nur noch in ihrem Kopf, kein Wunder, denn sie saß wie zu Eis erstarrt, völlig verkrampft in Hockstellung. Wann genau sie bemerkte, daß der Pinkler nicht mehr in ihrer Nähe war, daran kann sie sich nicht erinnern. Irgendwann vernahm sie die Vier mal lauter, mal leiser sprechen. Musik war zu hören. Lachen. Stimmen. Rauch war zu sehen. Oder war es Nebel? Mal empfand sie den Halbmond als unglaublich hell leuchtend, dann sah sie ihn nicht mehr, alles war dunkel.

Vogelmusik. Das war das erste Wort, das sie dachte, noch bevor sie realisierte, sie sitzt mit steifen Gliedern hinter einem Busch auf dem Bockhang. Vogelmusik, denkt und hört sie immer noch. Alles Vogelmusik. Sie weiß nicht, ob Vogelstimmen sie durch die Träume dieser Nacht begleitet haben, ob die Musik aus dem Auto sie an Vogelgezwitscher erinnert hat, ob es die Laute der Vögel waren, die sie aufweckten, sie weiß nur, sie hat gut geschlafen, sie ist ausgeruht im Geiste, zufrieden, obwohl ihr sämtliche Glieder schmerzten und sie eine Weile brauchte, aufrecht zu stehen. Es war ihr nach dem Wachsein völlig egal, ob der Pinkler und seine Freunde unten sitzen würden, auf der Bank oder im Auto. Sie waren nicht real, die Vogelmusik, die war real. Irmi hat ihre Ängste, die sie als sechzehnjähriges Mädchen erlebt hat zwar nicht vergessen, aber sie sind schnell verblasst, hingegen sind die Töne der Vogelmusik ihr zur Begleitung geworden. Sie hört sie, wenn es Zeit wird aufzuwachen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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