Keine Spinne im Netz


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Florian war seinem Glück dankbar, okay, es war Zufall, ein zufälliges Glück, ein Glück, das ihm in den Schoß gefallen ist, einfach so, zwar zum richtigen Zeitpunkt, das ist jetzt übertrieben, es war vor dem richtigen Zeitpunkt, es hatte bloß schon angefangen, sich vorzubereiten auf diesen Tag, die ersten Gedankenspiele schlichen sich in seinen täglichen Ablauf, wie dieser Schritt zu bewältigen wäre, ob sein Einkommen die Kosten tragen könnte, ob sein Abschied zu viel Schmerz hinterlassen würde.

Dabei merkte er, daß er ganz gut mit seinen Gefühlen kalkulieren konnte, ja, erstaunlicherweise fiel es ihm leicht, selbst die Gefühle der anderen in seinen Berechnungen einzubeziehen und, das empfand er als erwachsen, diese Gefühle, selbst die seiner Mutter, in eiskalter Manier, es war eher eine gekühlte Vorstellung seines Verhaltens, zu den erwartenden Abschiedsszenarien zu bewältigen.

„Ach Mist, der Pudding, ich habe den Pudding vergessen!“, fluchend stieg er an der nächsten U-Bahn-Station aus. Es war zwar kurz vor acht, aber der Discounter hatte erst kürzlich seine Öffnungszeiten geändert, jedenfalls war er überzeugt, dies gelesen zu haben in einem der vielen Reklamezetteln, die an manchen Wochentagen den Briefkasten vollstopften. Vanillepudding, wo steht nochmal der Vanillepudding? Sein Gedächtnis hatte ihn vor die lange Regalreihe geführt, jetzt galt es, nur noch den Vanillepudding zu finden, der bei seiner Mutter als der beste Vanillepudding galt. Den, den alle zuhause mögen.

Einen andern kenne ich überhaupt nicht, schoß es ihm durch den Kopf, und er war erleichtert, als er die Packung erkannte. An der Kasse scheinen sich nur die Gemüter getroffen zu haben, die schnell noch das Vergessene einkaufen wollten, bevor der Laden schließt. Wäre zu grauenvoll, den restlichen Tag ohne diese lebensnotwendigen Waren, bei manchen waren es mehrere, verbringen zu müssen, und diesen Umstand ließen sie in Übertragung von hektischer Unruhe alle spüren, die sich an den beiden offenen Kassen in der Schlange aufhielten.

Von einem Bein auf das andere sein Gleichgewicht simulierend, schweifte sein Blick an die große ehemals weiße Tafel, die rechts vor dem Ausgang aufgestellt war, damit die Nachbarschaft, man war schließlich nicht nur Treffpunkt für den Konsum, sondern auch Verbindungsglied für Tausch-, Kaufgeschäfte seiner Kunden, quasi eine Solidargemeinschaft vorgaukelnd zwischen Konsumenten und Geschäftsinhabern, dachte Florian, und belustigte sich an seinen Gedanken, genauso wie an dem alten Herrn, der Mühe zu haben schien, seinen Zettel anzukleben. Oder bemüht er sich, ihn zu entfernen?

Im Hinausgehen vermeinte Florian einen hilflosen Blick des Mannes aufzufangen, der ihn bewog, seinen Schritt zu verlangsamen und schließlich den älteren Mann zu fragen: „Kann ich Ihnen helfen?“

„Womit?“, kam die Gegenfrage. „Haben Sie einen besseren Klebestreifen dabei als ich?“

„Nein, aber!“, den Rest verschluckte Florian, oder er bekam nicht die Zeit, den angefangenen Satz zu Ende zu sprechen, wer kann im Nachhinein schon behaupten, den Verlauf des Gespräches richtig analytisch wiederzugeben.

„Diese Tafel ist so verdreckt, daß der Klebestreifen partout nicht haften will. Meinetwegen habe ich auch eine billige Variante ergattert, oder das Schicksal wehrt sich dagegen, daß ich diesen verdammten Zettel heute hier anbringe!“

Eigentlich hatte Florian nicht mehr vor, dem alten Herrn zu helfen, denn weder seine Stimme, noch sein Gesichtsausdruck ließen auf einen freundlichen Menschen schließen, aber er stand nun mal da, wie bestellt und nicht abgeholt, und wohl seine Erziehung zur Freundlichkeit, die seine Mutter immer wieder voll Stolz erwähnt, veranlaßten ihn, in salopper Form seine Hilfe anzubieten: „Lassen Sie mich mal versuchen!“

Und wie durch Zauberei hielt er den Zettel in der einen Hand, einen abgeschnittenen Klebefilm in der anderen und las anstatt zu kleben. Vermiete kleine Dreizimmerwohnung, Souterrain, Karl-Friedrichstraße 5, Telefon 285394.

„Wie hoch ist denn die Miete?“, fragend in einem etwas höheren Tonfall, ließ Florian von seinem Vorhaben ab, ob er in diesem Moment Freundlichkeit ausstrahlte oder Zudringlichkeit, möglicherweise gar fast abfällig klang, im Vornherein eine zu hohe Mietzahlung voraussetzte, er war nur noch fähig, mit zugekniffenen Augen auf eine Antwort des alten Mannes zu warten. Prompt wurde er mit einem Schwall von Sätzen wie aus einer sprudelnden Quelle, die gerade freigelegt wurde, abgefüllt mit Informationen.

Die Wohnung werde nur vermietet, wenn die Bereitschaft für kleinere Hausmeisteraufgaben übernommen würden, Rasen mähen, Schnee schippen, Treppenhaus reinigen, ein wenig Gartenpflege, nur ein wenig, da er dies selbst am liebsten machen würde, nur sein Rücken, ja und er bräuchte auch jemanden, der sich mit Computer auskennen würde, die Wohnung stände jetzt schon ein paar Jahre leer, er wohne alleine in dem Haus, Kinder ausgezogen. Am liebsten wäre ihm ein Mieter, der ihm bei den ständigen Schwierigkeiten mit dem Computer behilflich wäre. Über die Höhe der Miete könne er noch nichts sagen, vielleicht sei das alles auch nur so eine blöde Idee, wie seine Kinder meinten.

Florian fühlte, wie sich seine Hände mit Schweiß umhüllten, Hitze machte sich in seinem ganzen Körper breit, wie wenn er unter einer gleißenden Sonne einen Marsch durch unwegsames Gelände zu bewältigen hätte.

Mit heiser klingender Stimme, ich hab mir doch keine Erkältung zugezogen, nützte er eine Atempause des alten Herrn. „Na, wenn es weiter nichts ist, da kann ich Ihnen sicher helfen.“

Es schien, als ob dies der Satz wäre, der beiden zum ersten Mal bewußt machte, daß sie miteinander sprachen, denn sie standen sich gefühlte Minuten wie begossene Pudel gegenüber, beide nicht in der Lage, sich zu artikulieren, nur ihre Augen nahmen Kontakt zueinander auf.

Unbedeutende Sprachkommunikation betreibend folgte Florian dem alten Herrn zu dessen Wohnhaus, das etwa dreihundert Meter weiter in einer ruhigen Seitenstraße lag. Noch war es hell genug, um das Haus zwar nicht im Licht des Tages, aber immerhin deutlich seinen gepflegten Zustand zu erkennen. Die Souterrainwohnung befand sich nicht auf der Straßenseite, der Eingang war im hinteren Garten, und der alte Herr betonte, dies sei die Südseite. Sie war größer als in Florians Vorstellung von einer kleinen Dreizimmerwohnung, riesig kam sie ihm vor, er hatte zuhause zwar immer schon ein eigenes Zimmer, die Wohnung der Eltern war geräumig, aber dies hier, dies war eine Größenordnung, die ihn an Räumlichkeiten eines Schloßes erinnerten.

Das Zeitgefühl völlig verloren, genauso wie jegliches Bewußtsein über die realen Handlungen und Gespräche, sozusagen traumwandlerisch ließ sich Florian auch den Garten und die Wohnung des alten Mannes zeigen, um völlig erschöpft, gleichzeitig erfrischt wie nach einem Saunabesuch auf einem Küchenstuhl sitzend zu bemerken, hier sitzt Florian, das bin ich.

Die folgende Stunde im Detail ist für eine spätere Erinnerung völlig unerheblich. Sie sind sich einig geworden über die Modalitäten der Aufgaben, die zu einer geringen Miete ausreichen, damit Florian mehr oder weniger nur für die Kosten von Strom, Wasser, Versicherung aufzukommen habe.

Auf dem Weg zur Haustüre, belebt von seinem Glück, das ihm die Sicherheit vermittelte, es würde seiner Mutter nicht das Herz brechen, wenn er nächsten Monat ausziehen würde, rutschte ihm eine Frage über die Lippen, die seit Betreten des Hauses ständig in seinem Kopf umherflog: „Alles ist hier so ordentlich und sauber, als wenn ständig eine Putzfrau durch das Haus fegen würde, trotzdem sind überall Spinnweben zu sehen.“

Der alte Mann hob seine Schultern, senkte sie aber sofort wieder, ließ seine Arme baumeln und mit einer Unschuldsmiene wie ein ertapptes Kind, das gerade eine Fensterscheibe mit einem Ball zersplittern ließ, fragte er: „Ist es nicht verwerflich, jemandem, selbst einer Spinne ihr Zuhause wegzunehmen, wenn niemand daheim ist?“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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