Abschied-Blues


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„Möchten Sie noch einen Kaffee?“ Der junge Mann lächelte sie fast hingebungsvoll an, quatsch, ich denke jetzt einfach, er lächelt hingebungsvoll, nicht fast hingebungsvoll. Mit einer leicht vorgebeugten Kopfbewegung, sodaß sie seine blauen Augen deutlicher wahrnahm als seine Frage, „möchten Sie noch einen Kaffee?“

„Einen Kaffee? Ja, und bringen Sie mir diesmal ein Stück Torte, etwas mit Sahne.“

Sie lächelte zurück, nicht gern, denn sie wußte, beim Lächeln hatte sie immer einen leicht schiefen Mund. Normalerweise hatte sie ihre Mimik unter Kontrolle, sie wußte, ab welchem Lächeln ihr Mund sich nach oben links verschob, schließlich hatte sie genügend Übungsstunden vor Spiegeln verbracht, um diese angeborene Ungleichheit in ihrem Gesicht zu vertuschen. Onkel Meinrads Mundwinkel reichte beim Lächeln fast bis zu den Ohrspitzen, Tante Elsie schaffte es, durch den Mundwinkelzug ihre Wangen unter die Augen zu drücken, Frank zeigte dadurch seine linke Zahnreihe, bei Sabines Lächeln zog sich zudem der rechte Mundwinkel nach unten, was soll’s, deshalb oder trotzdem versuchte sie, nachdem ihr der schiefe Mundwinkel wieder ins Bewußtsein kam, ein neues Lächeln aufzusetzen, das eher einem selbstgefälligen Grinsen gleichkam.

„Für die Tortenauswahl steht Ihnen unsere Kuchentheke zur Verfügung!“

„Vorhin haben Sie mir die Haselnuß-Krokant-Torte auch gebracht, dafür mußte ich nicht an die Theke kommen!“

„Haselnuß-Krokant-Torte haben wir im Angebot! Eine Torte, mit Sahne, das ist etwas anderes. Da ist die Auswahl zu groß, und deshalb wäre es sicher besser, von unserem Angebot an der Theke Ihre Sahnetorte auszusuchen.“

‚Er würde sogar einen ganzen Roman durchlächeln, einen reißerischen Thriller mit Mord und Totschlag würde er durchlächeln, ganze Geschichtsepochen mit einem Lächeln im Gesicht und in der Stimme könnte er vorlesen. Nicht einmal rutscht dieses Lächeln zu einem Grinsen, und nicht einmal verzieht er dabei die Mundwinkel. Streßiger Mensch‘, schoß es ihr durch den Kopf.

Sie versuchte ein entspanntes freundliches Smilen, ein Lächeln auf englische Art, ein königliches wohlwollendes Lächeln, so jedenfalls hatte sie ihr Gesichtsmuskulaturtraining genannt, die Übung, bei der ihre Mundwinkel einigermaßen gleichmäßig nur einen kleinen Zug nach oben bildeten.

„Ja, wenn es deshalb nötig ist, aufzustehen, so entscheide ich mich, sagen wir spontan für eine Schwarzwälder-Kirschtorte.“

Innerlich wollte sie schon frohlocken, ob dieses Coups, weil sie ihre Mundwinkel unter Kontrolle gehalten hatte, das spürte sie, aber dieser Erfolg war minisekundenlang, denn er, der Blauäugige, hielt sein Lächeln konstant weiterhin aufrecht, obwohl sie der Überzeugung war, diese ihre Antwort würde ihn sein Lächeln verlieren lassen.

„Schwarzwälder Kirschtorte und einen Kaffee! Bringe ich Ihnen sofort.“ Irgendwie schien eine gewisse Erleichterung durch sein Lächeln zu huschen, gleich hab ich dich an der Kandare, dachte sie.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die gar nicht mehr vorhanden war, allerdings war ihr diese Handbewegung immer erst wieder bewußt, wenn sie die Wegstreichbewegung beendet hatte. So ein Friseurbesuch brachte nicht nur eine äußerliche Veränderung mit sich, man war danach auch damit konfrontiert, sich seiner liebgewonnen Gesten zu entwöhnen. Da ihr im Gegensatz zu früheren Friseurterminen dieses Mal ihr neues Aussehen behagte, schmunzelte sie vor sich hin, selbstvergessen und sogar glücklich darüber, etwas von ihren früheren Gewohnheiten an sich zu erkennen.

Frisch fröhlich, wie gerade aus der Dusche entsprungen, stellte er ihre Schwarzwälder Kirschtorte und den Kaffee vor sie hin.

„Bitteschön!“, lächelte er und war auch schon wieder weg.

Dankeschön, gern geschehen, murmelte sie vor sich hin. Mir mundet auch dieses zweite Stück Torte. Und dann nix wie weg, Alex wartet sicher schon vor dem Kino. Obwohl sie ein wenig unter Zeitdruck stand, pünktlich vor Filmstart einzutreffen, genoß sie jedes Stückchen Torte, ließ die einzelnen Stückchen auf der Zunge zergehen. Vorfreude, lächelte sie, aber nur für sich allein, innerlich sozusagen, für Außenstehende nicht zu sehen.

Sie winkte ihn zu sich. „Ich möchte gerne bezahlen.“ Sein Lächeln ist einzigartig, aber meins noch mehr. Während er ihr das Wechselgeld überreichte, sie hatte natürlich den Betrag aufgerundet, er soll für sein Lächeln ja nicht darben müssen, fragte sie so beiläufig es ihr möglich war: „Haben Sie schon einmal einen Abschiedsbrief geschrieben?“

„Wie bitte?“, seine blauen Augen wurden blauer. Sagt man blauer, jedenfalls kamen sie ihr auf einmal nicht mehr hellblau vor, dunkler waren sie, blauer eben.

„Nicht was Sie jetzt vermutlich denken. Kein Abschiedsbrief in der Art, ich springe jetzt von der Brücke. Ich meine ein Schlußmachbrief, so Liebe aus und so.“

Seine Mundwinkel können doch rutschen, sie rutschen gerade nach unten, lächelnd, unsicher, aber sie rutschen. Sie fing an, sich über sich zu wundern, doch nur kurz, denn sie wollte schneller sein, als er denken kann. Ich bin Lucky Luke, ich rede jetzt schneller, als mein Geist denkt.

„Ich will es kurz machen, schließlich waren Sie höflich zu mir. Mein Job ist es, Abschiedsbriefe zu überbringen, mündliche Abschiedsbriefe. Von ihrer Freundin, in ihrem Auftrag, teile ich Ihnen mit, Ihre Beziehung ist in dieser Minute beendet. Sehen Sie von Nachfragen ab, keine Telefonate, keine SMS, keine Emails, keine Briefe, absolut null und nichts in dieser Hinsicht, denn sie sind unnötig, es ist schlicht gesagt zu Ende.“

Sie stand auf, nickte ihr einstudiertes Lächeln, es hat wieder geklappt, die Mundwinkel sind dort wo sie hingehören, juchhu, und verließ das Café, wissend, hinter ihr sind ein paar blaue, tiefblaue Augen auf sie gerichtet, in denen kein bißchen, absolut kein bißchen ein Lächeln zu erkennen ist.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Abschied-Blues

  1. Beat(e)s Welten schreibt:

    Das wär mal ein neuer Job für mich 😉

    Gefällt 1 Person

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