Das Märchen vom Tarnkäppchen und dem scheinbar freien Wolf


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Einmal wieder Kind sein, ganz klein, gerade mal die Sprache verstehend, sich treiben lassend von der riesigen Gefühlswelt, die mit neugierigen Augen zu entdeckende Umwelt begreifen lernen, um des abends vorm Einschlafen Märchen vorgelesen zu bekommen von liebenden Eltern.

Wer kennt sie nicht, jene Erinnerungen aus längst vergangenen Kindertagen, die lebenslang begleitend ab und zu ins Bewußtsein rücken? Und so auch die Nummer 26 der „Kinder- und Hausmärchen“, welches die bekannten Gebrüder Grimm 1812 in dessen ersten Band veröffentlichten, namentlich unter „Rothkäppchen“ sowie später mit Erweiterung „Rotkäppchen und der böse Wolf“ bekannt.

Über zweihundert Jahre später herrschen gänzlich andere Verhältnisse auf Erden, sollte man dementsprechend den Versuch wagen, neuzeitliches einfließen zu lassen, so daß wir Ihnen, liebe Leser, „Das Märchen vom Tarnkäppchen und dem scheinbar freien Wolf“ nicht vorenthalten wollen.

Es war einmal ein kleines rothaariges Mädchen namens Pamira, welches seine beiden Eltern verloren hatte, da das Jugendamt noch in dessen Babyalter meinte, es müsse Pamira einfach entführen und in ein staatliches Heim stecken. Selbstverständlich besaß sie die lebensnotwendige Intuition, ein gewisses Unbehagen ob ihrer Herkunft aufzubauen, fragte sich bereits im Alter von drei Jahren, wer denn ihre leiblichen Eltern seien. Doch Pamira erhielt nur ausweichende, fadenscheinige Antworten und lag des nachts oft weinend in ihrem Bettchen.

In einer Vollmondnacht, Pamira hatte erneut den letzten noch vorhandenen Tränen freien Lauf gelassen, erschien am offenen Fenster die Silhouette eines wunderschönen Wolfes, der kurzerhand ihr Schlafgemach betrat, ans Bettchen sich begab, ihre roten Locken zur Seite schob, seine behaarte Pfote auf ihre Stirn legte und langsam mit tiefer Stimme beruhigend sich erklärte:

„Bitte, nicht erschrecken, mein Kind, vergiß den bösen Märchenwolf, den es ohnehin nicht gibt, aber das weißt du längst. Sie haben dir deine Eltern genommen, die du nicht kennst, aber dein Namen verbirgt einen gewissen Hinweis deiner Herkunft. Schau hinaus, siehst du den Vollmond?“ Und die Sechsjährige beugte sich vor, ein breites Grinsen bestätigte ihre Erleichterung, die anfängliche Angst überwunden zu haben.

„Oh, danke dir, lieber Wolf, für deine Worte. Doch warum suchst du mich auf, und wieso kannst du überhaupt sprechen, so etwas geschieht nur in Märchenbüchern!“, wunderte sie sich und richtete sich gänzlich auf im großen Bett.

„Meinen Namen will ich dir nicht verraten, falls du fragen solltest, denn meine Freiheit will ich mir im Eigeninteresse bewahren. Morgen wirst du wissen, warum ich sprechen konnte. Für jetzt nimm einfach hin, wie dir geschieht. Wisse, daß du eigentlich dem Rotkäppchen entsprichst, wie im Märchen selbst, aber in Wirklichkeit ein Tarnkäppchen bist!“, antwortete er, wurde aber jäh unterbrochen, weil Pamira in einem Satz aus dem Bett sprang, plötzlich ein Samuraischwert in rechter Hand schwang und um ein Haar sein linkes Ohr verfehlte. Im nächsten Moment stürzte der entsetzte Wolf aus dem Fenster und ward verschwunden.

Es dauerte eine geraume Weile, bis die Rothaarige sich gesammelt hatte, das Samuraischwert wieder an die Kopfseite des Bettes platzierte. Erst mal atmete sie ganz tief durch, überlegte intensiv, wie ihr geschah und sprach zu sich selbst.

„Nie wieder liest mir einer vom Heim ein Märchen vor. Diese Zeit möchte ich endgültig verbannen. Es geht jetzt darum, meine Wurzeln zu suchen und alles daran zu setzen, meine Eltern zu finden. Wenn schon der freie Wolf mich aufsucht, sollte ich dies als ein Zeichen sehen!“ Daraufhin legte Pamira sich ins Bett und schlief sehr schnell und tief ein.

Am nächsten Morgen war das Fenster verschlossen, über dem Bett hing das üblich bekannte Kreuz statt dem Samuraischwert, und Pamira wachte wie gewohnt sorgenvoll auf, wußte nicht das geringste, was da letzte Nacht geschehen war. Am Frühstückstisch klapperten die Löffel der Kinderschar beim Müsliessen, die Tür zum Eßraum der Belegschaft war heute ein wenig geöffnet, so daß alle Radio hören konnten. Die Musik endete ziemlich schnell und der Moderator verkündete:

„Wir unterbrechen die Sendung für eine wichtige Eilmeldung. Letzte Nacht wurde im Sendegebiet ein Wolf gesichtet, wir bitten alle Bewohner, aufmerksam zu sein, die Türen und Fenster zu schließen. Sobald die Bestie eingekreist, gefangen oder erschossen wurde, benachrichtigen wir Sie natürlich.“

Wortlos verließ Pamira das Frühstück, ging in ihr Schlafgemach, öffnete das Fenster, nahm das Kreuz von der Wand und schmiß es in hohem Bogen ins nahegelegene Gebüsch. Im nächsten Moment ward sie unsichtbar, schwebte fast schon aus dem kaltherzigen Heim und begab sich auf die Suche ihrer Eltern. Der Wolf ward nie wieder gesichtet.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben Tarnkäppchen und der Wolf keineswegs in einer scheinbaren Welt, sondern in wahrhaftiger Freiheit.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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