Bumerangeffekt


Er trieb es mit ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit. Eigentlich ist das nicht richtig. Also nochmal. Sie trieb es mit ihm an jedem nur erdenklichen Ort und genoß seine leidenschaftlichen Ergüsse, wenn er versuchte zu kontern. Irgendwie müßte es lauten, sie trieben es beide zu jeder Tages- und Nachtzeit, an jedem nur erdenklichen Ort. Punkt. Sie liebten es, sich zu necken, zu foppen, sich zur Weißglut zu bringen. Ohne Pardon. Ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst ihre eigenen Verluste zählten nicht. Das gehörte nun mal dazu. Sich Wunden zu holen, Magenkrämpfe zu bekommen. Manchmal reichte schon der Anblick des anderen, um an Kopfschmerzen zu leiden.

Sie mochten sich. Sie mochten sich, weil sie sich an des anderen Reaktion erfreuten. Wenn der Bumerang zurückkam, umso besser. Nicht jeder Bumerang kommt zurück, sagte Ringelnatz, und Publikum noch stundenlang wartete auf Bumerang. Bei den beiden allerdings schon. Denn der Bumerang wurde mit dem Versuch geworfen, nicht einen Treffer zu landen. Klingt, klingt nach was? Genau. Es klingt nach Zermürbung. Haben Sie schon einmal einen Bumerang geworfen, wahrscheinlich schon, aber haben Sie ihn aufgefangen, wenn er die Kurve gekriegt hat und wieder zurückflog? Möglicherweise nur einmal. Denn die Wucht der Bumerangs kann ihre Handinnenfläche empfindlich verletzen. Regel Nummer Eins lautet daher, Wurftechnik erlernen schön und gut, Fangtechnik erlernen unbedingt erforderlich. Im Gegensatz zu anderen fliegenden Objekten ist das Fangen des Bumerangs mit beiden Handflächen zu bewerkstelligen. Ihre Hände ähneln zwei Fliegenklatschen, die aufeinander geschlagen werden.

Oder im Sinne von ihr und ihm, ein ständiges Beifallklatschen über den Wind, den man über des anderen Kopf hinweg gefegt hat. Dies Treiben blieb natürlich den gemeinsamen Freunden nicht verborgen, schließlich trieben sie bereits seit Kindergartentagen diese Spielchen. In der Schule hieß es später dann und wann, was sich liebt, das neckt sich. Weitgefehlt. Was sich nicht leiden kann, das zermürbt sich. Zu Feten wurden sie nicht mehr gemeinsam eingeladen. Trotzdem schafften sie es, so nebenbei in Gesprächen mindestens einen Bumerangwurf gezielt abzusetzen, der durch Freunde, Bekannte dem andern zugetragen wurde und auf diese Weise ihm um die Ohren flog.

Er zog irgendwann nach Berlin, um zu studieren, nicht wie von ihr behauptet, um dem Wehrdienst dadurch zu entgehen. Sie heiratete spontan Miguel de Castello, den sie beim Trampen durch Italien kennengelernt hatte und lebte seitdem in der Nähe von Madrid, und nein, sie tat es nicht, weil sie schwanger war. Selbst diese räumliche Trennung vermochte nicht, dem Hänseln Einhalt zu gebieten. Egal ob bei persönlichen Besuchen im Heimatort oder bei Telefonaten, beide schafften es irgendwie, immer Bezug zu nehmen auf den jeweils andern und einen neuen Wurf zu platzieren.

Inzwischen sind beide gealtert, haben ihre Leben gelebt in verschiedenen Welten. Einige ihrer beiden Freunde und Bekannten sind inzwischen gestorben. Die Kontaktmöglichkeiten sind dadurch verringert, dennoch nicht minder geworden. Es scheint, als ob für sie das anfängliche Foppen, Necken, das spätere Hänseln, Anschwärzen einer Sucht gleicht. Einer Spielsucht. Spielen des Spielens willen. Da geht es nicht um gewinnen oder verlieren. Da geht es nicht um eine bestimmte Taktiken, die wurden längst schon alle durchanalysiert. Da geht es nicht darum, Menschen an der Seite zu wissen, die zujubeln. Da geht es nicht darum, den andern und sich zu verletzen oder zu schonen. Es ist einzig und allein das Spiel, das einmal begonnene Spiel. Selbst der Kontrahent oder Mitspieler wäre austauschbar.

Er treibt es weiterhin mit ihr, so wie sie mit ihm. Ein eingespieltes Team von Werfern. Von Wortwerfern, die es meisterlich verstehen, die auf dem Wurfgeschoß entgegengeflogenen Sätze umzuformulieren. Sie spielen kein Ping-Pong. Sie werfen den Bumerang, weil dieser ihr Eigentum ist, stets zu ihnen zurückfliegt, weil sie gute Fänger sind und erst in zweiter Linie Werfer.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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