Leidenschaft des MyOm


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Henning Matzke liebt Spiele. Jegliche Art von Spielen. Brett-, Würfel-, Kartenspiele, selbst die einfachsten Varianten, Turnspiele, darunter zählen Hüpf- und Springspiele, Ballspiele, Wissensspiele, Versteck-, Fangenspiele, Täuschungsspiele, Feuerspiele, um ehrlich zu sein, alles ist für ihn Spiel. Ob Freude, Wut, Gefühle oder Gespräche, für ihn ist das Spiel. Nicht der Hintergedanke etwas zu gewinnen, eine Trophäe zu ergattern, der Beste zu sein, nein, sein einziger Antrieb ist spielen.

Wann genau er damit begann, ob bereits in Kindertagen oder in den Sturm- und Drangtagen der Pubertät, dies weiß ich nicht zu berichten, er selbst hält sich stets in persönlichen Dingen verschlossen, schließlich gehöre das zum Spielen, und wer bei Ratespielen sich mit ihm misst, kann mitunter das ein oder andere erfahren. Natürlich nie wissend, entspricht dies der Wahrheit oder nicht.

Wortspiele sind seine innigste Leidenschaft, den Hinweis dazu lieferte er selbst, so jedenfalls die allgemeine Ansicht, als er seinen Namen veränderte. Ein anonymes Pseudonym sei für ihn notwendig geworden, er nannte sich ab diesem Zeitpunkt MyOm. Ausgehend von seiner Äußerung, es handle sich hierbei um ein anonymes Pseudonym, ließ die Menschen zu dem Schluß kommen, dies wäre eine Ableitung von My und Phantom, weniger von My und Home, wobei nur das „h“ und „e“ ausgelassen wurden. Ich hingegen bin überzeugt, gerade im Offensichtlichen zeigt sich seine wahre Intension, deshalb vertrat ich die Meinung, My stehe für mich und Om für Urklang, damit könne er umso mehr verdeutlichen, er sei praktisch ein Werkzeug seines Handelns und Denkens.

Nun, da ich selbst auf seine Leidenschaft hereingefallen bin, ich war tatsächlich monatelang so verliebt in ihn, daß ich alles um mich herum ausschloß, selbst mich, bemerke ich, ein Stück seiner Leidenschaft zum Spielen habe ich übernommen, mit dem Unterschied, diese Leidenschaft nur gegen ihn zu verwenden, obwohl, das muß ich gestehen, ich immer noch eine gewisse Bewunderung für ihn hege. Es will mir einfach nicht gelingen, so gefühllos Gefühle zu empfinden, so gefühlskalt berauschende Gefühle zu vermitteln, sie auszuleben, als würden sie mit Feuer im Herzen gelebt, anstatt unter einer Eisfläche gekühlt. Er vermag ständig, wirklich ständig zwischen Feuer und Eis zu leben, sein Zustand ist der Moment, wenn erhitzte Körper nach dem Saunieren ins kühle Nass springen. Er ist halb heiß, halb kalt in einem Zustand.

Momentan lebt er noch hier in der Gegend, wird aber demnächst mal wieder umziehen, sein Job ist schon gekündigt, er hat sämtliche zu erreichende Personenkreise im Stadtgebiet inzwischen gegen sich eingenommen, kurzum, sein Ziel erreicht. Neue Herausforderungen warten auf ihn, er ist nicht das Opfer, noch der Gewinner, das überläßt er den enttäuschten Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen. Umzüge sind in seinem Leben so selbstverständlich wie das Tragen von Anzügen, sie sind für ihn nur ein Wechsel von Spielorten, Spielfiguren und Spielinhalten. Trotzig, aufopferungsvoll, erhaben hakt er diesen Lebensmittelpunkt, in dem er eine Weile seine Spiele zum Besten gab, ab.

Bei den schönsten Momenten, die wir hatten, brachte er es fertig, sie zu zerstören, mittels eines provozierten Streits, er wußte, womit er mich reizen konnte, als ich nicht mehr auf diese mal sarkastisch, mal böswillig inszenierten Zwistigkeiten einging, schaffte er es durch Nichtbeachtung, indem er einfach mich überging, mich aus der Reserve zu locken, selbst als mir klar war, er will nur Pro und Kontra Spielen, einfach aus Lust heraus verschiedene Positionen gegeneinander antreten zu lassen, war sein Spieltrieb erst dann erschöpft, wenn ich völlig aufgelöst war oder in einem Triumphgefühl mich als Sieger empfand, zu spät erkannte ich, daß er bei all diesen Situationen nicht nur der Spieler, sondern auch der Spielleiter war.

Wie kann man jemanden, der gleichzeitig im Feuer wie im Eis lebt, der mit Leidenschaft andere auf den Boden drückt, sie in die Höhe wirft, die Rolle des Opfers als persönlichen Spielerfolg feiert, genauso wie ein Gewinn bei irgendeinem x-beliebigen Spiel vor den Kopf stoßen? Es scheint, je mehr Freunde sich von ihm abwenden, je öfter er den Arbeitsplatz, den Wohnort wechselt, desto eifriger spielt er seine Spielchen. Desto mehr blüht seine Leidenschaft auf.

Habe verstanden, zwei Seelen sind ach, in meiner Brust, wenn ich an MyOm denke, einerseits ihn büßen zu lassen für seine Art des Umgang mit Menschen, die teils von Aufrichtigkeit und Übermaß an Lebensgier geprägt ist, andererseits seine Abgebrühtheit, Abgeklärtheit auf jede sich einstellende Situation, die Menschen als Spielfiguren zu deklarieren, all dies war es schließlich, was mich zu ihm hinzog. Diese Sucht der Leidenschaft.

Lieber MyOm, ich habe meine Leidenschaft entdeckt, die deinige Suche um einiges übertrifft, ich genieße nämlich jede nur erdenkliche Situation, so als ob sie mir völlig neu wäre. Dafür muß ich nicht Spielchen spielen, denn diese Bälle rollen allein auf mich zu, und noch einen Unterschied gibt es, bei allen traurigen oder fröhlichen Gefühlen, ich bin und bleibe der Spielmeister, ohne mich dafür positionieren zu müssen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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