Warum tragen wir Spendierhosen und nicht Jacken?


https://pixabay.com/de/das-letzte-hemd-weihnachten-1911043/

pixabay.com

Wenn die Persönlichkeit plötzlich nackt dasteht

Warum tragen wir Spendierhosen und nicht Jacken, Mäntel, Taschen? Damit wir nicht nackt dastehen, denn einem Nackten kann man nicht in die Taschen greifen, oder?

Die Redensart über die Spendierhosen ist bereits ab dem 17. Jahrhundert überliefert, damit soll ausgedrückt werden, der Charakter des Spenders ist bezogen auf die Beinkleider und spiegelt nicht seine Persönlichkeit. Daß man einem Nackten nichts mehr wegnehmen, beziehungsweise er nichts mehr geben kann, soll verdeutlichen, wo nichts ist, ist nichts zu holen, steht auch für etwas Unmögliches möglich machen.

Um das Sinnbild der Spendierhosen genauer zu verstehen, kann man sich selbst die Taschen der Hose vollstopfen, dabei wird man feststellen, selbst wenn die Hintertaschen einer Hose mitgezählt werden, ist in den zwei (vier) Taschen soviel Platz nicht vorhanden, und nicht nur dieser Umstand ist zu berücksichtigen, auch wird das Gewicht in den Taschen die Hose nach unten ziehen, selbst wenn sie mittels Gürtel oder Hosenträgern getragen wird. Sprich, die Spendierhosen erlauben nur eine begrenzte, kleine Menge an Spende. Bei Jacken und Mänteln, Taschen zieht zwar auch ein Gewicht nach unten, aber es wäre ohne weiteres möglich, wesentlich mehr in diese zu stopfen, ohne daß diese vom Körper rutschen können, ohne nackt dazustehen. Der Spendierhosentyp ist also berechnend, spendiert nur aus einer Laune heraus, die verschiedene Gründe haben kann.

In den Wochen vor Weihnachten oder nach Katastrophen (Erdbeben, Waldbränden, Überschwemmungen), bei voraussichtlichen Hungersnöten werden über Organisationen Spendenaufrufe getätigt. Dies ist in erster Linie sinnvoll, aber ist es auch die richtige Ausdrucksform, nach Hilfe zu bitten?

Spenden, althochdeutsch spendōn, spentōn, mittellateinisch spendere, ausgeben, aufwenden, zu lateinisch expendere, ausgeben, bezahlen. (Duden)

Es gibt sprachwissenschaftlich Vergleiche zum englischen Verb „to spend“, das mit folgenden Begriffen übersetzt werden kann: verbringen, ausgeben, verbrauchen, aufwenden, aufbrauchen, spendieren, verschwenden, vergeuden, verausgaben, aufzehren. Bis auf „verbringen“ sind in den Übersetzungsbegriffen die negativen Wortinhalte überwiegend. Auch im deutschen? Hier ist von „spenden“ die Rede, von geben ohne Erwartungshaltung, ohne Vorteile zu erwarten. Ist dies Geben Verschwendung, Vergeudung? Eine Bezahlung ohne Ware, Wert dafür zu erhalten, eine unnütze Ausgabe, ein Verlust? Spende als Seelenreiniger, vergleichbar, ich wasche meine Hände in Unschuld, im Gegensatz zu, ich beschenke, weil ich dich damit erfreue.

Unzweifelhaft bleibt bei der Wortherkunft die Tatsache, daß „spenden“ durch die „kirchliche Sprache“ in die allgemeine Sprachanwendung übernommen wurde. „im sinne kirchlicher anschauung heiszt es wol zunächst: an arme verschenken, (als) almosen geben, austheilen“ (DWB Gebrüder Grimm)

Almosen, mittelhochdeutsch almouse, althochdeutsch alamousa, kirchenlateinisch eleemosyna, griechisch eleēmosýnē, Mitleid, Erbarmen. (Duden)

Matthei am 6 spricht Christus, habt acht auf ewer wolthat, welches wir nach der alten gewohnheit allmosen nennen, aus dem griechischen eleemosyne. wiewol das wort allmosen auch mit der zeit in den misbrauch komen ist, das man allmosen nicht anders heiszet denn ein stück brots dem bettler für die thür gegeben, so es doch eigentlich hesed, wolthat oder gutthat“ DWB Gebrüder Grimm)

Denken Sie bei ihren Geschenkeinkäufen für Familienmitglieder, Freunde, Bekannte an eine Wohltat, ein Almosen aus Barmherzigkeit, Mitleid? Schätzungsweise nicht, oder? Sie schenken, weil Sie sie erfreuen wollen. Was denken Sie bei ihren Spenden? Ist ihre Aufwendung gleichwertig? Hält die eigene Freude jemanden mit einem Geschenk beglückt, seinen Wunsch erfüllt zu haben auch nachhaltig gleichlang an mit ihren als Spenden weitergereichten Gaben?

Möglicherweise sind wir in unserem sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten tiefer verwurzelt an übernommenen Vorstellungen, als uns bewußt ist, möglicherweise wäre es an der Zeit, „spenden“ in einem anderen Kontext zu sehen, zu empfinden als oben beschrieben, ein Kontext, der eher mit dem Begriff des Schenkens gleichgesetzt werden kann, vermutlich könnte dies das gesellschaftliche Zusammenleben mit mehr Freude bereichern.

Spendieren (verschwenden, vergeuden, verzehren) Sie keine Almosen (Mitleid, Erbarmen). Vielleicht benötigen Sie dann keine Spendierhosen mehr, bei denen die Gefahr besteht, daß ihre Persönlichkeit plötzlich nackt dasteht.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s