Dem Geheimnis des Weihnachtsmannes auf der Spur


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Irgendwo, ganz weit entfernt, kaum hörbar, erst recht nicht mit dem bloßen Auge mehr zu sehen, befand sich die Wirkungsstätte des Mannes, den Kinder sich stets am gleichen Tag im Dezember herbeisehnen, er möge ihnen all die Wünsche erfüllen, die im Laufe des Jahres in deren Köpfen entstanden, dem Weihnachtsmann. Manche meinten, er käme im Rentierschlitten durch eisige Lüfte daher, andere hielten dies für Hirngespinste oder schlichtweg phantasievolle Märchen ohne Hand und Fuß.

Wieder andere waren der Überzeugung, man müsse nur fest an ihn glauben, schon würde dieser sich erkenntlich zeigen. In Wirklichkeit beschenkten aber Menschen sich gegenseitig zur Weihnachtszeit, welch merkwürdiger Brauch, an jenem Tag, wo Jesus Christus geboren ward. Oder etwa ein wenig mehr? Könnte vielleicht ein bestimmtes Geheimnis zur Gewißheit werden, wenn man nur mit wesentlich höherer Aufmerksamkeit genauestens beobachtete, jedes kleine Detail eben nicht außer acht ließ?

Auf alle Fälle. Julius ließ sich kaum beirren, wollte es einfach wissen, verschlang jedwede Literatur, der er habhaft werden vermochte, ging jeder Spur nach, selbst wenn sie noch so unbedeutend oder arglos schien, schließlich könnte sie ja sich als zielführend heraus-stellen. Erst letzte Woche bemerkte er beim Spazierengehen, daß ihn jemand verfolgte. Jedesmal, wenn der hochgewachsene Jugendliche, Julius war immerhin sechzehn Jahre jung, sich atemberaubend schnell umdrehte, verschwand genau in jenem Moment eine Ahnung von einem Schatten, deren Bewegung und Hauch er gerade noch registrieren konnte.

Allerdings sonst nichts, er nicht ahnte, wer oder was ihm da nachstellte. Lediglich eines wußte er gleich zu Beginn, es mußte mit seiner neuen Herausforderung zusammenhängen, den Weihnachtsmann aufzuspüren. Seinen besten Freund, den Bert, den weihte er ein, aber nur unter der Bedingung, dieser möge Stillschweigen üben, er dürfe keiner anderen Menschenseele darüber erzählen. Klar doch, willigte Bert freudestrahlend ein, schließlich war dies Ehrensache, dem Julius beizupflichten.

„Sag mal, weiter war nix, außer dieser undefinierbare Schatten, Julius?“, fragte Bert.

„Ja, sicher doch. Aber vorgestern war etwas anders. So eine Art Rauschen, wie wenn Stahlräder über einen Betonboden fahren“, erwiderte Julius, um im selben Moment aufzuspringen, „du, laß uns mal dorthin gehen, vielleicht finden wir was, vier Augen sehen mehr.“

Das ließ sich Bert nicht zweimal sagen, schon waren beide Freunde unterwegs. Als sie den Platz betraten, roch es ziemlich heftig nach Tannennadeln und Benzin.

„Komisch, als ich letztens hier war, roch es nicht derart streng, laß uns mal genauer suchen“, bemerkte Julius ganz aufgeregt, während Bert bereits gebückt und entsprechend langsam den Boden absuchte. Zunächst fanden die beiden nichts, wollten schon wieder los, als Bert im letzten Augenblick Julius an der rechten Schulter hielt.

„Schau mal, dort liegen ein paar Tannennadeln, zwischen ihnen ein kleiner goldener Stern“, rief Bert seinem Freund zu. Als Julius nach dem Stern greifen wollte, flog dieser plötzlich schnell nach oben, obwohl weder Flügel oder etwas anderes mechanisch auffälliges zu sehen waren. Die beiden Jugendlichen starrten völlig irritiert nach oben.

„Damit habt ihr nicht gerechnet“, vernahmen sie eine tiefe Stimme, die aus dem still in der Luft stehenden goldenen Stern drang, „ihr braucht gar nicht so verduzt dreinschauen, äußerst selten spreche ich zu euch Menschenwesen, in der Regel bemerkt mich sowieso niemand, und falls doch, dann fliege ich einfach auf und davon. Doch manchen verrate ich trotzdem unser Geheimnis. Ausnahmsweise.“

Julius und Bert schauten sich kurz an.

„Und hast du was mit dem Weihnachtsmann zu tun?“, fand Julius als erster wieder seine Sprache.

„Ihr seid ja drollig. Ich bin der Weihnachtsmann, nur eben nicht in der Gestalt wie ihr euch in Märchen oder anderen Geschichten ausgedacht habt. Es gibt halt keine Wirklichkeit im herkömmlichen Sinne, sondern eine sehr ausdehnbare, die wir selbst bestimmen“, begann der Stern zu erzählen, „unsere Aufgabe besteht darin, eure Wünsche nicht einfach zu erfüllen, euch viel eher zu beschützen, manchen von euch Wege aufzuzeigen, was sie in ihrem Leben ändern sollten, Tips geben mit unterschiedlichen Mitteln. Alles so, daß ihr eben nicht drauf kommt, wer dahintersteckt.“

Erstaunt starrten die beiden Freunde zum goldenen Stern, der daraufhin einfach mit rasender Geschwindigkeit senkrecht nach oben empor im Dunkel des Himmels verschwand. Schweigsam liefen sie noch kreisförmig nach oben blickend herum, ein wenig verunsichert und dennoch sich darüber im Klaren, was soeben geschehen war. Sie gehörten zu den ganz Wenigen, die das Geheimnis über den wahren Weihnachtsmann erfahren durften und schworen sich gegenseitig, es niemand zu erzählen. Seitdem ranken weiterhin alle möglichen Geschichten über den Weihnachtsmann im roten Gewand, im Schlitten, in Lüften unterwegs. Nur Julius und Bert sowie andere grinsten vor sich hin und betrachteten Weihnachten mit völlig anderen Augen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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2 Antworten zu Dem Geheimnis des Weihnachtsmannes auf der Spur

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Eine zauberhafte Geschichte und ich schweige natürlich ebenfalls 😉 Mir ist auch egal, wie der Weihnachtsmann aussieht, Hauptsache es gibt ihn 🙂 Euch wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest und ein gesundes und glückliches 2018!

    Gefällt 2 Personen

  2. hraban57 schreibt:

    Danke schön. 😉 Wir wünschen Dir ebenso ein frohes Weihnachtsfest und ein gesundes glückliches Neues Jahr 2018!

    Gefällt 3 Personen

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