Büsinger oder nicht Büsinger


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Juri, Bano und Maria hockten auf den gestapelten Brettern, deren eigentlicher Gebrauchsnutzen sich ihnen nicht erschloß. Zum einen war der Schuppen, bis auf zwei bewegliche Bretter, Stoß auf Stoß verkleidet, diese Bretter aber waren unterschiedlich lang und breit, sodaß, für was auch immer, nie ausreichend davon hier wären. Kurzum, es waren Einzelteile, Überbleibsel von Bauvorhaben, vielleicht will er auf seine alten Tage Kunstwerke kreieren, sinnierte Bano eines Tages.

Der Schuppen gehört Emma und Frank Büsinger, die Dorfbewohner munkeln, er würde jetzt Bücher schreiben, obwohl der nur die Hauptschule geschafft hat, unter anderem Namen, stellt euch vor, wir sind im Schuppen eines Schriftstellers, Juri fand das total witzig. Als Juri, Bano und Maria kleiner waren, jetzt sind sie zwischen fünfzehn und sechzehn, wurde das Grundstück mit Akribie gepflegt, beackert, gesät, gepflanzt von Emma und Frank. Sie haben bei dem kleinen Häuschen, das sie bewohnen, nicht genügend Nutzfläche, deshalb pachteten sie dieses Grundstück.

Früher so erzählte Juri, haben hier viele im Dorf ihre Gärten außerhalb gehabt, von diesen Pachtgrundstücken konnte man heute nur noch erahnen, daß es sie mal gab, denn bis auf Büsingers wurden alle aufgelöst. Maria staunte immer wieder, was auf den ehemaligen Gärten noch so alles wuchs, Kohlrabi, Zitronenmelisse, sie fand auch Möhren, Johannisbeeren, Dill, Rosmarin, Petersilie. Juri bewunderte ihre Kenntnisse, sie war unschlagbar, wenn es um Pflanzen, Pilze und ihre Anwendung ging, ach überhaupt, sie schien jedes Gewächs zu kennen. Deshalb sah er sich manchmal veranlaßt, sein Wissen um die Begebenheiten des Dorfes zum Besten zu geben.

Maria war als Dreijährige mit ihren Eltern und ihren zwei älteren Brüdern hierhergezogen, Bano wuchs im Nachbarort auf, bis seine Mutter den Hans Krüger heiratete, der hier eine Gastwirtschaft führte, da war Bano gerade sechs geworden. Seit der Einschulung sind die Drei unzertrennlich. Selbst der Schulwechsel, Maria fuhr jeden Tag nach Markstadt, weil ihre Brüder dort aufs Gymnasium gingen, Juri und Bano besuchten die Realschule in Siggelsburg, hatte nur kurzzeitig einen dunklen Schatten über ihre Freundschaft gelegt, dies nur deshalb, weil die zur Verfügung stehende Zeit andere Abläufe in ihrer gewohnten Freizeitgestaltung erforderlich machte.

Der Schuppen von Büsingers war für sie so eine Art gemeinschaftlichem Zuhause. Sie achteten strikt darauf, im Schuppen nichts zu verändern, waren aber trotzdem der Meinung, Frank Büsinger und seine Frau wüßten von ihren Aufenthalten dort, würden dies stillschweigend dulden. Im hinteren Teil des Schuppens waren zwei Bretter lose, die sich fast wie Schiebetüren wegschieben lassen konnten, zwar stellten sie irgendwann fest, die Türe ist nicht mehr durch ein Vorhängeschloß gesichert, aber sie vermieden es dennoch, durch sie in den Schuppen zu kommen.

Letzte Woche gingen sie im Streit auseinander, Juri war der Meinung gewesen, die Armen seien selbst schuld an ihrem Schicksal, Bano gab zum Besten, wo ein Wille ist, ist ein Weg, und beide waren der Überzeugung, je mehr man helfen würde, desto weniger würden sich die Armen bemühen, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen.

Maria warf ihnen Ignoranz der Menschlichkeit vor, das sie zwar später bereute, aber ihr gingen die Argumente aus, und weil sie empfand, die beiden reden nur nach, was allgemein gesprochen wird, um sich hinter dem Schutz, wir tun das Bestmögliche, ohne daß sich etwas ändert, zu verbarrikadieren. Sie vermochte nicht so deutlich das Thema der Armut auszudrücken wie in der Textstelle des Buches, das sie erst neulich gelesen hatte. Mit dem Buch in der Tasche hoffte sie die beiden im Schuppen anzutreffen, nach einer Stunde ungeduldigen Wartens krochen sie durch die Bretter mit freudiger Miene, Maria hier zu sehen, hindurch.

Da hockten sie, wirkten etwas unbeholfen, schließlich war es das erste Mal gewesen ohne Kontakt über so einen langen Zeitraum, abgesehen von den verbrachten Ferien mit ihren Eltern, dem Krankenhausaufenthalt von Juri vor zwei Jahren, weil er mit seinem Mofa einen Unfall baute, unterwegs zu seiner ersten Liebe, nachts bei Regen eine Kurve nicht gekriegt hat, erst zwei Stunden später zufällig der Stöber Michael ihn entdeckte, der gerade wieder auf dem Heimweg war, weil das Krankenhaus ihn und seine hochschwangere Frau nachhause geschickt hatten, es sei noch lange nicht so weit, und als der Rettungswagen eintraf, die Sanitäter zuerst nicht wußten, wem zuerst zu helfen sei, dem Juri oder der Simone Stöber, die gerade ihr erstes Kind gebar.

„Hör mal, Maria!“, räusperte sich Juri.

„Schon okay, ich les euch mal was vor, damit ihr versteht, was ich meine.“, winkte Maria ab und in ihrem Gesicht war eine große Erleichterung zu sehen, da Juri und Bano sich zu ihr setzten, sie schützend in ihrer Mitte nahmen, jedenfalls kam ihr das so vor, und es fühlte sich gut an.

„Armut ist nichts anderes als ein Geruch, der über sie gestülpt wird, damit man sie vertreiben kann wie das Unkraut im Garten. Der Geruch ist umso intensiver, je größer die finanziellen Unterschiede sind. Es ist der Geruch von schämender Gier, verströmt durch materielle Überheblichkeit. Scheinbar durch Armut verströmt ist ihre Herkunft eine Ansammlung von Begierden, nicht die Begierden nach Schätzen und Besitz, welcher Art auch immer, es sind die Begierden des nicht besitzen Wollens, der Abwehr von Haben. Vergleichbar mit einem unter Druck gehaltenen Kessel, in dem die Gier nach Zufriedenheit vor sich hinköchelt und nie ihren Siedepunkt erreicht und deshalb irgendwann einen Mief verbreitet. Dieser Gestank läßt sich leicht über die Armut stülpen, indem man diese köchelnde Zufriedenheitssuppe den Armen vorsetzt. Warum funktioniert das? Weil Armut selbst keinen Geruch verströmt. Sie ist schlicht und einfach geruchlos.“

„Starker Tobak dieser Text! Steht da noch mehr?“, etwas heiser klingend und nach dem Buch greifend, richtete sich Bano auf.

„Ja, klar! Aber interessanter ist hier diese Stelle!“, reagierte Maria sofort und blätterte ein paar Seiten weiter.

„Ihr, ihr wollt etwas von Armut verstehen, ihr, die Ihr noch nie Armut gerochen haben könnt, sondern nur euren eigenen Nichtzufriedenheitsdruckkesselmief? Ihr könnt Armut nicht vertreiben, indem ihr sie besprüht, Armut hat die gleiche Berechtigung wie Reichtum. Wie süß und salzig, wie scharf und schal. Gegensätze sind dafür da, Unterschiede zu erkennen. Deshalb ist es die Einbeziehung, kein konkretes Bild ohne Licht und Schatten, eine gegenseitige Beziehung auf gleicher Ebene. Keine Hierarchie, von welcher Seite auch immer, denn die endet immer im Chaos oder einfach in einer Umverteilung. Integration, nicht Isolation führt zur harmonischen Gleichheit, ohne diese Erkenntnis würde…“

„Genauso ist es!“, bekräftigte Frank Büsinger, der ohne, daß sie dies bemerkt hätten, im Schuppen stand und den Text vervollständigte… „kein Wald, keine Wiese, die gesamte Natur existieren, hätten die Pflanzen nicht ein ausgeklügeltes System, sich gegenseitig zu ernähren.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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