Das Wetter spielt nicht mit


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Die Hochzeit sollte stattfinden, wenn die Veilchen blühen im Frühjahr. Schließlich, da waren sie sich einig, gaben sie sich den ersten zärtlichen Kuß auf einer Wiese, die übersät war mit Veilchen. Die mit Veilchen versehenen Einladungskarten steckten in veilchen-blauen Umschlägen. Allein diese Tatsache reichte aus, um bei einigen Empfängern ihren Geruchssinn zu animieren, die Hochzeitskarten seien mit Veilchenparfüm besprüht worden. Aber nein, soweit hätten sie beide nicht gedacht, aber sie fühlten sich irgendwie geehrt, solche Gedanken bei ihnen zu vermuten. Irgendwie fanden sie es schade, daß ihnen dieses Detail bei der gesamten Vorbereitung nicht in den Sinn kam. Geruchskarten. Wie ausgefallen.

Es gab nicht die kleinsten Unstimmigkeiten über die Wahl des Ortes der kirchlichen Trauung, die kleine Kapelle auf dem Karststeig, zwischen Sedenbach und Jörgesdorf gelegen, auch wenn einige Geladene, außerhalb der Kapelle stehend, die Zeremonie nicht leibhaftig zu sehen bekämen. Sie waren sich ziemlich schnell einig, die Feierlichkeiten könnten nur im „Hotel zur Burg“ stattfinden, teuer zwar, aber exzellente Küche. Sämtliche Tischdekorationen wurden nach ihren Wünschen niedergeschrieben, weiße spitzen-umrandete Tischdecken, frische Veilchensträuße in lindvioletten Vasen, lila beschriftete Namensschildchen, damit jeder seinen Platz wisse, die Speisenabfolge der Menüs auf aufklappbaren mit Veilchen verzierte Karten.

Alles sei natürlich inklusive, man arbeite seit Jahren mit dem Gartenhandel Beisel und der Druckerei Vogler zusammen, freuen uns, Ihre Wünsche ausführen zu dürfen. Ein bißchen gezankt haben sie sich lediglich, als sie auf den Einfall verfiel, er solle ein lila-bläuliches Hemd unter dem Hochzeitsanzug tragen, der extra nach Maß angefertigt werden sollte. Schließlich wurde ihr Hochzeitskleid in der Schneiderei Hohenstein nach dem neuesten modernsten Schnitt geschneidert, deshalb konnte es nur recht und billig sein, daß sein Anzug beim Dorfschneider in Auftrag gegeben wurde. Aber hier war wohl seine Toleranz und sein Einsatz für eine gelungene Hochzeit stark lädiert worden, denn er forderte, ja bestand darauf, dies geschehe nur, wenn ihr Brautkleid denselben lila- bläulichen Ton aufweisen würde.

Kurz flackerte in ihren Augen eine kämpferische Trotzhaltung auf, dann ist mein Kleid halt veilchenblau. Besann sich jedoch im selben Augenblick, daß ihr Brautkleid, das durfte er natürlich nicht vorher wissen, mit kleinen Veilchenstickereien an dem lässig zu drapierenden Gürtel versehen werden sollte, leicht dezent, fast unauffällig, aber immerhin in Veilchenton. Gefärbt wären diese Stickereien nicht mehr zu sehen, ach, das war doch nur ein kleiner Scherz, der von ihm mit einem sanften Kuß auf ihre leicht geröteten Wangen weggelächelt wurde.

Jetzt galt es nur noch, dafür zu bitten, das Wetter möge für diesen als unvergesslichen Start in die Ehegeschichte ausgewählten Tag seinen wohlgesinntesten Beitrag leisten. Und tatsächlich, an diesem Samstag schickte die Sonne schon frühmorgens ihre lieblichsten Sonnenstrahlen über einen mit rosa Wölkchen angehauchten Himmel. Fast pünktlich zum Hochzeitsgeläute lösten sich die inzwischen weißen, leicht zerstoßen wirkenden Wolkenteile in nichts auf. Die Temperatur wurde als sinnlich fröstelnd empfunden, als das Brautpaar aus der Kapelle schritt.

Im Laufe des mit Essen, Trinken und Zuprosten zugebrachten Tages erhöhte sich die Temperatur, kein Lüftchen umwehte die Hochzeitsgäste, keine Wolken trübten das Fest, sodaß das Erhitzen der Gemüter einzig und allein auf die ständige Sonneneinwirkung geschoben werden konnte und nicht auf den Konsum der alkoholischen Getränke. Die Luft stand.

Dieser Umstand verhinderte das Aufsteigen der selbstgebastelten lilablauen Papier-drachen, die an ihren Enden, dem Drachenschwanz, versehen waren mit einem Kärtchen, auf dem die Daten des Hochzeitstages, des Brautpaares, es grüßt Sie als frischvermähltes Ehepaar Sonja und Andreas Buchwalder, Ahornstraße 5 in Sedenbach, geschrieben stand.

Beide Brautleute waren darüber so betrübt, ansonsten weht auf der kleinen Anhöhe, auf dem das „Hotel zur Burg“ steht, ständig ein kleines Lüftchen, daß ihr so perfekt organisiertes Hochzeitsfest durch diesen Umstand einen Makel erleidet, der nie mehr gut zu machen ist. Ob es die feuchten Augen seiner Tochter waren oder tatsächlich, so wurde später auch gemunkelt, der fleißige Genuß von Rotwein, jedenfalls der Brautvater kam auf die Idee, mitsamt den Papierdrachen auf den wenige Kilometer entfernten Gabelsberg zu fahren, um von dort, dort weht es immer, die Drachen aufsteigen zu lassen.

Trotz Protesten seiner Frau, seiner Tochter und seines Schwiegersohns war er von diesem Gedanken nicht mehr abzubringen, auch erhielt er unerwartete Unterstützung vom Vater des Bräutigams, mit dem er ansonsten nur des Friedens willen ein paar Worte spricht, um nicht gänzlich zu sagen, die beiden können sich nicht riechen. In einträchtiger Gelassenheit packten sie den Kofferraum des Mercedes voll und fuhren unter Gejohle, eine Heldentat zu verbringen, Richtung Gabelsberg.

Die Fahrt zum Gabelsberg dauert in etwa eine Stunde, vom Wanderparkplatz aus ist es bis zum Aussichtspunkt eine gute halbe Stunde Wegstrecke. Allmählich dunkelte der Himmel, und die Gäste des Hochzeitsfestes schauten gebannt gen Westen, in Aufregung, wer den ersten Drachen zu Gesicht bekäme. Derweil mühten sich die beiden Brautväter redlich damit ab, die für die Wetterverhältnisse schnell aufsteigenden Drachen unter Zuhilfenahme von Verwünschungen, in die östliche Richtung davon schweben zu lassen. Selbst als sie die übelsten Schimpfwörter ausstießen, sich dabei zuerst maßen, danach unterstützend die schlimmsten, fürchterlichsten Begriffe an Ausdruckformen von Wut, großer Wut, das ihnen jemals über die Lippen kam, flogen diese verdammten Dinger nicht gen Osten.

In großer Sorge, es war bereits zu dunkel, um etwas anderes am Himmel zu erkennen, außer die ersten flackernden Sterne, fuhren als Hilfsmannschaft benannte Hochzeitsgäste los, um die schrecklichen Befürchtungen von, die sind abgestürzt, haben Unfall verursacht, durch ihre zeitige Rettungsfahrt das Schlimmste zu verhindern. Keiner konnte zu den sich ausbreitenden Ängsten über eine katastrophale Schicksalsnacht mehr Widerspruch einlegen, was zur Folge hatte, bis auf die Kinder und Jugendlichen, auch wenn sie sich noch so sträubten, waren die verbliebenen Hochzeitsgäste eingezwängt in den Autos auf der Fahrt Richtung Gabelsberg. Jemand hatte sogar den Feueralarm ausgelöst, dies hatte zur Folge, aus den beiden umliegenden Dörfern mischten sich die Feuerwehrautos zwischen die überfüllten geschmückten Hochzeitswagen.

Sonja und Andreas Buchwalder haben nie eine Mitteilung erhalten, wohin ihre Drachen geflogen sind. Auch kann sich keiner so richtig erklären, warum der Wind um den Gabelsberg herum an diesem Tag nicht wie üblich Westwind war. Aber die Veilchenhochzeit ist in den umliegenden Dörfern immer noch ein Gesprächsthema, nicht der vielen Veilchen wegen, sondern der Tatsache geschuldet, an dem Aussichtspunkt zwei völlig außer Rand und Band grölende Brautväter vorgefunden zu haben, die sich im Überbieten von Schimpfwörtern heiser geschrien haben, sich ständig umarmten und auf die Schenkel klopften. Nur wer dies an seinem Hochzeitstag erlebt, die Brautväter so in Hochstimmung zu erleben, der hat eine Veilchenhochzeit gefeiert.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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