Lindas Brosche


Falls mal wieder der Kopf voll ist mit unnötigen Gedanken, so in etwa, Mutter könnte ruhig mal wieder Erbsen anpflanzen, obwohl es dir eigentlich völlig egal ist, was in ihrem Garten angepflanzt wird, um in Wirklichkeit die unausgesprochenen Worte in eine andere Richtung zu lenken, weil vor dir jemand steht, der in einem himmelblauen Mantel von einem Fuß auf den anderen tänzelt und du am liebsten ständig wiederholen möchtest, wie kann man nur so herumlaufen, völlig unpassend angezogen, dazu die grünen Hosen und die weißen Lackschuhe, nein, es sind Stiefel, sicher sind es Stiefel, geschnürte Stiefel, vorne geschnürt, Nuttenstiefel, bis über die Knie, sehr wahrscheinlich, dann ist man für jede andere Ablenkung direkt erfreut, auch wenn sie Linda heißt.

Ich war so vertieft in meinen Vorstellungen über die Trägerin des himmelblauen Mantels, malte mir ihre Herkunft aus, mal aus einer Großfamilie vom Land, mal ein Einzelkind aus der Stadt, Schulschwänzerin, ich muß Mutter unbedingt mal wieder darauf hinweisen, wie sehr ich Erbsen liebe, Kohlrabi und ihren Lauchauflauf, die macht mich wahnsinnig, wenn der Bus noch länger Verspätung hat, das Blauchen muß wohl aufs Klo, bin auf ihr Gesicht gespannt, wenn ich sie im Bus sitzen sehe, wie kann man nur so schräg angezogen rumlaufen, die Haare sind eine Perücke, na klar, eine Perücke, so eine Haarfarbe hat doch kein Mensch, und die glänzen auch so auffällig. Schau woanders hin, schau woanders hin. Linda, die sieht aus wie Linda. Kein bißchen verändert, Linda mit dem Babygesicht, Wunschtraum aller Jungs, oh, bin ich heute lieb. Mama, bloß heute keine Zucchinis, auch nicht mit Käse überbacken, bin jetzt schon abgefüllt.

„Hey, wenn das nicht, sorry, aber du bist doch Veronika, Vreni, kennst du mich nicht mehr, Linda. Ich bin’s Linda. Na, das ist aber sowas von, sowas von Zufall. Bin gerade auf dem Weg zu meiner Schwester, die wohnt jetzt in Oberhausbach. Wie geht es dir?“, werde ich so laut angesprochen, daß sich sogar meine weiße Stiefelträgerin umdreht, nein, bloß nicht rot werden, das ist Fräulein Hauser, ist das Fräulein Hauser?

„Linda, ja, nun. Hallo Linda, ja, lange nicht gesehen.“, stammle ich ein wenig unbeholfen und schwanke zwischen, lieber meine ungeordneten Gedanken weiterführen zu wollen, danke zu sagen, toll, daß ich dich hier treffe und verdammt, warum mußte die Karre gerade diese Woche ihren Geist aufgeben, und es wäre besser gewesen, den Besuch bei Mutter abzusagen, anstatt sich die Fahrt zu ihr als romantische Erinnerung an die Jugendzeit hervorkramen zu wollen.

„Bist du auf dem Weg zu deiner Mutter? Wir haben uns sicher an die fünfzehn Jahre nicht gesehen. Hab gehört, du bist noch nicht verheiratet! Willst dir wohl Zeit lassen, Sven und ich haben dieses Jahr unseren siebten Hochzeitstag gefeiert. Irre nicht!“, fährt sie in unveränderter Lautstärke fort, die Blaumantelfrau mustert uns, sie tänzelt jetzt seitlich an der Straße stehend, ihr linkes Ohr uns zugewandt, scheint das Ohr mit dem besseren Gehör zu sein.

„Ja, klingt irre! Glückwunsch!“, antworte ich, denke aber, Sven? Sagte Mutter nicht, Linda hätte den Simon Hofstetter geheiratet?

„Ist meine zweite Ehe, stand sogar in der Zeitung!“, schrie sie mir zu, da in dem Moment ein schwerer Lastwagen vorbeifuhr, mag aber auch sein, sie hat hinter meine Stirn gesehen. Gut, daß der Bus gerade anhält, denn ich rechne soeben aus, wie lange die Fahrt mit ihr nach Oberhausbach dauert, schätze mal fünfzehn Minuten.

Das Hellblaumäntelchen tänzelt vor uns in den Bus. Wir setzen uns zwei Reihen hinter sie, da Linda sie nicht zu kennen scheint, ist meine Befürchtung, es könnte sich um Fräulein Hauser handeln, unbegründet, wäre auch zu abwegig, wenn die einstige Englischlehrerin mit weißen Lackstiefeln durch die Gegend tänzeln würde, obwohl irgendwie hatte dieser Gedanke seinen Reiz.

„Was ist besonderes daran, wenn eine Eheschließung in der Zeitung erwähnt wird, ich meine, solche Anzeigen gibt doch fast jeder auf.“, versuche ich das Gespräch mit Linda fortzusetzen, da sich meine Gedankenwelt wieder an das Leben der Frau im himmelblauen Mantel dranhängt und sich gerade wundert, warum das auffällig blasse Gesicht nicht völlig überschminkt ist, von Nahem sogar den Eindruck eines kindlich spitzbübischen Teenagergesichts gleicht, das sich im Wissen um die verlogenen Erwachsenenwelt einen abgrinst.

„So eine Anzeige haben wir natürlich auch aufgegeben, mußten dafür aber nichts bezahlen. Hast du nichts darüber gehört, ehrlich?“, sie schien regelrecht enttäuscht zu sein über mein Nichtwissen, als Zeichen dieser Ungläubigkeit stupste sie mich in die Seite.

„Du warst doch noch auf unserer Schule, ich meine, bevor du zu deinem Vater gezogen bist, nach der Scheidung deiner Eltern, als mir meine rote Brosche gestohlen wurde. Weißt du das nicht mehr?“, ihre Ungläubigkeit verlieh ihrer Stimme die Kraft, mindestens eine Oktave höher zu klingen.

„Ja, ja, da war was mit einer Brosche. War das nicht so, sie war ein Geschenk von deiner Tante zur Konfirmation, wertvoll, wolltest sie in der Klasse vorzeigen. In der großen Pause war sie dir aus der Schultasche geklaut worden.“, sprudelte es aus mir heraus, weil ich all die Aufregungen, die dieser Diebstahl an Verdächtigungen unter den Schülern, Strafandrohungen seitens des Direktors direkt vor meinen Augen, eher in meinem Gehirn vorbeirasen sah.

„Der Dieb war Sven!“, flötete sie, immer noch eine Oktave höher als ihr normaler Tonfall, sichtlich glücklich, fast war Stolz aus diesem Satz zu hören. Sven war der Dieb, ich habe den Dieb meiner Brosche geheiratet, ich bin mit einem Dieb verheiratet, für dessen Fehlverhalten wochenlang in der Schule eine scheiß Stimmung war, weil fast jeder jeden verdächtigte, sogar die Polizei in den Klassenzimmern Vorträge hielt, weil das Lehrpersonal überfordert schien, uns davon zu überzeugen, Stehlen sei kein Kavaliersdelikt, der Pfarrer keinen Erfolg hatte mit der Behauptung, dem Dieb würde seine Sünde vergeben, wenn er die Brosche zurückgäbe, die Brosche blieb verschwunden.

Linda holte anfangs in aller Ausführlichkeit das damalige Geschehen wieder zurück in meine Erinnerungswelt, da sie die Zeit der Fahrstrecke wohl auch kannte, wurde je näher wir Oberhausbach kamen, aus ihren Sätzen ein Wortdiktat. Sven habe aus Liebe Brosche an sich genommen, für ihn war sie die unerreichbare, anzubetende Vergötterung seiner Jugendträume. Mit der Brosche wollte er ihr auf ewig nahe sein. Hat die Brosche aber nach ein paar Tagen in den Bach geworfen, der an einigen Stellen durch die Stadt oberirdisch zu sehen war, um dann wieder in Rohren zu verschwinden. Die Gewissenspeinigungen in der Schule und mehr oder weniger in dem Städtchen und den umliegenden Dörfern haben ihn dazu veranlaßt.

Jahrelang hat er trotzdem von Linda geträumt, jetzt war sie noch weniger erreichbar für ihn geworden. Ich war verheiratet, er verlobt, Streit mit seiner Freundin, weiß du noch das Niedrigwasser im Winter vor neun Jahren, auch egal, er jedenfalls unten am Bachlauf, etwa da, wo früher das Möbelhaus Müller stand, einfach so runtergeklettert, wollte sich abreagieren, Steine geworfen, und du glaubst es nicht, die Brosche gefunden. Hat sie bei einem Juwelier reinigen lassen, mir anonym zugeschickt. Ich habe mich im Wochenblatt und mit einer Zeitungsanzeige bedankt. Daraufhin er mit Chiffre geantwortet, weißt du, was ich meine, ich geantwortet. Wußte da noch nicht, daß er der Sven ist. Jedenfalls, wir haben dann ein paar Mal chiffriert, wenn du so willst. Irgendwann uns getroffen, stell dir vor, mit einem Unbekannten. Mir schlotterten die Knie beim ersten Treff, hätte ja wer weiß wer sein können. Sven hat mich einfach in die Arme genommen, und „ich war blöd“ gesagt. Die Zeitung fand unsere Liebesgeschichte so toll, vielleicht auch wegen der vielen Chiffre-Anzeigen, deshalb haben die darüber berichtet, obwohl eigentlich alle hier in der Umgebung schon längst Bescheid wußten, das mit Sven und mir.

„Tolle Geschichte, hat mir nie einer erzählt. Dann seid ihr beide richtig zu beneiden, freut mich für euch, und das die Brosche wieder da ist.“, lächelte ich sie an.

„Ja, die Brosche hat mir Glück gebracht. Komm doch mal bei uns vorbei, wenn du wieder in der Gegend bist, wir wohnen im Haus von Svens Eltern, im neuen Anbau. War richtig schön, dich mal wieder zu sehen.“, säuselte sie, hörte ich eine leichte Traurigkeit in ihrer Stimme?

„Okay, ich nehme es mir vor. Grüße an Sven!“, rief ich ihr nach, als sie aus dem Bus stieg.

Jetzt habe ich noch fünf Minuten, dann noch etwa zehn bis ich Mutter fragen kann, warum sie mir darüber nie etwas erzählt hat. Es kann nicht sein, daß sie all die Zeit wußte, daß ich die Brosche geklaut hatte und sie auf dem Nachhauseweg in den Bach geworfen habe, weil Linda und ihre Anhängerschaft mir sowas von auf die Nerven gingen. Sonst erzählt sie mir doch allen Mist, der hier in der Gegend passiert. Oder sind das bloß nur wieder unnötige Gedanken, die ich verschwende, in meinem Kopf sind sehr viele davon.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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