Bedürftige Reiche


Wer bemitleidet hier eigentlich wen?

Wer sich täglich im Bereich der Medien bewegt, also Magazine, Zeitungen, Zeitschriften durchliest, dem werden die Begriffe Armut und Reichtum ständig präsent sein. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Artikel, der sich speziell über die beiden Themenbereiche befaßt, vielmehr stecken in selbst lapidaren Berichten über den oder jenen Prominenten schon genügend Potential, um sich den Begriffen arm und reich in stundenlangen Gesprächen zu nähern.

Durch Werbung, Filme, Bücher ist der Kontrast zwischen Reichtum und Armut in unser Unterbewußtsein gedrungen, daß wir es als selbstverständlich ansehen, es zwischen arm und reich einen Unterschied gibt so wie zwischen schwarz und weiß oder gut und böse. Aber gibt es diesen Unterschied wirklich?

Es ist davon auszugehen, Reichtum und Armut gab es schon immer, diese beiden Gegensätze sind keine neusprachliche Erfindung, noch eine neue gesellschaftliche Entwicklung. Und wenn dies seit alters her eine Diskrepanz innerhalb der Gesellschaften darstellt, die als „natürlich“ angesehen wird, so sollte die Frage berechtigt sein, warum zu einer als Brennpunkt geltenden Thematik im sozialen Bereich nicht schon längst Lösungen vorliegen.

Hier sollte nicht unerwähnt bleiben, in vielen Epochen gab es kirchliche, religiöse, karitative Hilfe, um den Armen, den Bedürftigen, den Gestrauchelten oder welche Gründe auch immer vorlagen, unter die Arme zu greifen. Löblich mag man denken. Und dennoch nicht ausreichend, sonst wäre die heutige Situation zwischen arm und reich eine andere.

arm, mittelhochdeutsch, althochdeutsch arm, wahrscheinlich ursprünglich, verwaist, wohl verwandt mit Erbe (Duden) andere Begriffe sind minderbemittelt, unvermögend, blank, anspruchslos, minderwertig, mickrig, bemitleidenswert.

reich, mittelhochdeutsch rīch(e), althochdeutsch rīhhi, eigentlich, von königlicher Abstammung, aus dem Keltischen, vgl. altirisch (Genitiv: rīg), König (Duden) Synonyme sind begütert, finanzkräftig, vermögend, situiert, betucht, einkommensstark.

Unter dem Begriff „arm“ findet sich folgender Textabschnitt bei DWB, Gebrüder Grimm:

„…die abweichung der finnischen bedeutung ist doch so zu fassen, dasz armas mitleidig, lappisches armes dagegen bemitleidet ausdrückt, jenes activen, dieses passiven sinn zeigt, ungefähr wie in unsrer volkssprache niederträchtig herablassend, gnädig, in der schriftsprache elend meint. das goth. arms, überhaupt das deutsche arm bezeichnen wie das lapp. armes und lat. miser den elenden, der unglück oder abscheu auf sich zieht. Lappen und Finnen vermögen aber die abstraction dieses worts in den sinnlichen begrif nicht aufzulösen, wie wenn unsre sprache es vermöchte? armen hiesz amplecti, in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt. arm miser stammte hiernach unmittelbar aus arm brachium, musz nur einen hernach schwindenden ableitungsvocal besessen haben und jenes lapp. armes, finn. armas könnten ein früheres goth. armus erraten lassen, das sich hernach in arms verdünnte. fast entscheidende bestätigung dieser subjectiven deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen.“

Diese Erklärung erscheint weitaus einleuchtender, als die vom Duden genannte. Ausgehend von den Unterschieden zwischen finnisch „arm“, mitleidig und dem lappischen „arm“ bemitleidet, das in unserem Sprachgebrauch eher unserem Verständnis von „arm“ entspricht und deshalb werden Arme mit Unglück, Elend und Abscheu in Verbindung gebracht. Ersichtlich aus dem o.g. Text sind auch die Vorstellungen „in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt“ und deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen, das sich aufgrund von nicht eindeutiger Herkunfsableitung als Wunschdenken darstellt.

Das Wort „reich“ wird bei DWB Gebrüder Grimm folgendermaßen erklärt, „reich bezeichnet allgemein das mit einem herscher in zusammenhang stehende, von ihm abhängige, und damit herschaft, gewalt, regierung:“

Denken Sie immer noch an einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen arm und reich?

In vielen sozialen Netzwerken sind immer mal wieder Videoclips zu sehen, Menschen mit verbunden Augen bitten auf einem Schild nach einer Umarmung. Dies ist nur möglich, wenn sie ihre Reichweite minimieren, sich dieser Person nähern und sie mit ihren Armen seinen Körper erreichen können.

Niemals kann etwas erreicht werden, wenn es nicht in greifbarer Nähe ist, oder? Herrschaft, Gewalt kann nur ausgeübt werden, wenn genügend „Arme“ dieses schützen, in der Hoffnung auf eine „Umarmung“.

Würden wir darüber hinaus, das finnische “arm“ als unsere Vorstellung von „arm“ annehmen, also mitleidig, so wäre der Arme derjenige, der andere bemitleidet.

Wenn also Arme Reiche (Herrschaft, Gewalt) bemitleiden, anstatt von ihnen Mitleid zu erwarten, wenn umarmen nicht gleichbedeutend ist mit Reichweite verkürzen, sondern mit ausweiten des Reichtums, hätten diese Gegensätze eine Chance, sich anzunähern.

Denken Sie darüber nach, wenn Sie das nächste Mal einen Werbespot sehen, der Sie dazu auffordert, Ihr Reich reicher zu machen, möglicherweise haben Sie bloß den Wunsch bemitleidet, umarmt zu werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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