Schilfmatten


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„Wer nicht siegen kann, kann auch nicht gewinnen! So ein Quatsch, die glaubt wohl, nur weil ich ein Jahr jünger bin, würd ich ihr alles abnehmen, was die so verzapft. Blöde Kuh!“

Natalie stapft heftiger mit den Füßen durch den trockenen Morast im Schilfgelände.

„Blöde Kuh! Zicke! Weiß eh, daß sie sich immer schlauer fühlt, sieht ständig nach den Jungs! Und wenn der Klaus in Sichtweite ist, macht sie sich richtig groß. Affig sieht das aus, wie eine Gans, die ihren Hals streckt, genauso, schnatter, schnatter, schnatter, blöd bist du, blöd!“

Der Weg durch das große Schilfgelände ist eine Abkürzung zum nächsten Dorf, es stehen mehrere Schilder entlang des Weges, die davor warnen, sich im Schilf aufzuhalten. Zwar ist das Gebiet die meiste Zeit des Jahres ohne größere Gefahr begehbar, dennoch gibt es hie und da Stellen, die selbst im heißesten Hochsommer nicht komplett abtrocknen und nur scheinbar festen Boden ausweisen. Natalie und die Kinder aus den Dörfern rund um Moorsee kennen natürlich die Gefahren, nicht weil überall diese Warnschilder stehen, auch nicht von den gruseligen Erzählungen, die jedes Dorf in abgewandelter Form zu erzählen wissen, sondern weil sie bei ihren Streifzügen das ein oder andere Mal selbst in den morastigen Sumpf getreten sind, und mancher von Glück sagen konnte, daß er nicht alleine dort war, Freunde ihm halfen, seinen bis zu den Knien eingesunkenen Fuß wieder aus dem Schlick zu ziehen. Genau diese Erinnerung, Frank aus der sechsten lebt deshalb noch, weil Klaus und Björn ihn mit all ihrer Kraft aus so einem Schlickloch herausgezogen haben, dafür haben alle drei Prügel bezogen, nicht weil nichts passiert war, sondern weil sie im verbotenen Gelände gespielt haben, die Rettungsmaßnahmen als heldenhaftes Erlebnis allen Schulkameraden erzählten, die mit gespannten Gesichtern ihnen zuhörten und deshalb zuerst Lehrer, besonders Fräulein Krämer in Schockstarre versetzte, danach den Eltern zu Ohren kam, die angestachelt von der zu untersagenden Heldengeschichte, zum Stock griffen, genau daran dachte Natalie gerade.

Eigentlich dachte sie an Klaus, wegen der Sabine, dann an Frank, der immer mit Klaus rumhängt, der Björn auch. Sie sieht den Frank, wie er am nächsten Tag, nach der Tracht Prügel, umringt von einer ganzen Traube lauschender Kinder auf dem Schulhof behauptet, er würde eine ganze Menge mehr Prügel einstecken, aber mit Klaus und Björn ins Schiff gehen, das könnte niemand aus ihm herausprügeln, und er beschrieb nochmal in aller Ausführlichkeit den letzten Streifzug, den sie durch das Schilf nahmen. Sabine stand neben Klaus, den Hals gereckt, da war sie fast so groß wie er.

Er hätte immer wieder zu ihr gesehen, sogar zugezwinkert. Doch das ist Lüge, Lüge, Sabine du Lügnerin, hab nämlich hinter dem Tobias gestanden und dich und Klaus sehen können.

Natalie stampft auf und nochmal, der Boden wippt leicht mit, so daß ihr Stampfen abgefedert wird. Der leicht ausgetretene Weg ist hier nur ein enger Durchlaß und hat die Breite von einem Schulheft, einem kleinen Schulheft. Natalie ahnt, hier ist der Untergrund nicht fest genug, sie geht ein Stück zurück und nimmt Anlauf, um über die nässende Stelle zu springen. Durch die Wucht des Sprungs versinkt der rechte Fuß bis über die Schuhe im Sumpf, der linke Fuß bleibt mit der Schuhspitze im Morast hängen, Natalie liegt bäuchlings auf Schlick. Durch den Sturz hat sie einige der seitlich stehenden Schilfstängel niedergedrückt, das Gesicht und ihre Hände sind durch etliche größere und kleinere Risse mit Blut verschmiert, wahrscheinlich stammen die Schnitte durch das beim Fallen niedergedrückte Schilfgras.

„Blöde Kuh! Wegen dir hab ich mich mit Conny verabredet!“

Es dauerte eine Weile, bis sie auf den Knien abgestützt ihren Fuß aus dem schleimigen Untergrund herausziehen konnte.

„Zu Conny kann ich so nicht gehen, nachhause auch nicht! Wenn Mama mir keine Ohrfeige verpasst und nichts weitererzählt, werd ich keine Schläge von Papa bekommen. Daran brauch ich gar nicht glauben!“

Ganz in der Nähe fliegen ein paar Möwen in die Lüfte.

„Die haben es gut, die können über alles drüberfliegen, machen sich nie die Füße schmutzig!“

Mit lautem Gekreische läßt sich die Schar auf das Wasser nieder. Natalie hört trotz ihrer Schreie Wasser spritzen.

„Kind, wie siehst du denn aus?“

Natalies Mutter stürmt direkt auf sie zu, knöpft die noch triefende Jacke auf, streichelt über ihr Gesicht, streift einige Haarsträhnen aus der Stirn, alles gleichzeitig, und mit der gleichen Geschwindigkeit erfährt sie von ihrer Tochter den Grund, warum sie bis auf die Haut naß ist.

„Hab unten am See gesessen, da stehen doch so viele Schilfstängel, da kam ich auf die Idee, Matten zu machen, wie die Deckchen, die du neulich gekauft hast. Ist richtig groß geworden. Als die Möwen kamen, fand ich es lustig, daß sie sich auf die Matte gesetzt haben, doch dann haben sie ihr Geschäft darauf gemacht. Am Steg wollte ich die Matte auswaschen, die ist mir aus der Hand gerutscht, als ich nachgreifen wollte, lag ich im Wasser!“

Warm zugedeckt, den restlichen Nachmittag fürsorglich von der Mutter umsorgt, vom Vater nach der Arbeit liebevoll umarmt, „Da hat mein Mädchen Glück gehabt, was hätte alles passieren können!“, liegt Natalie mit einem Siegeslächeln im Bett. Kurz vorm Einschlafen fällt ihr Sabines Satz wieder ein, wer nicht siegen kann, kann auch nicht gewinnen.

„Eine blöde Kuh bist du trotzdem, schnatter, schnatter, langer Hals. Vielleicht kann ich sie überreden, mit mir morgen Schilf zu schneiden und Matten daraus zu basteln.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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