Erinnerungen an längst vergangene Zeiten


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Nur simple Botschaften für die Nachwelt?

Auffällig bedächtig durchschritt er den herbstlichen Park, die Blätter raschelten ungemein vertraut, während der erdige Geruch ihn an den erneuten Zerfall der Natur erinnerte, selbst zurückversetzt seinen Kindertagen gedachte.

Eine Ahnung von Dämmerung breitete sich zwischen den mächtigen Kastanien aus, und eine aufregend zwitschernde Spatzenschar flog schlagartig davon, weil zwei Skateboardfahrer plötzlich die stille Herbstidylle beendeten, den alten Mann dabei wohl übersahen und ihn heftig anrempelten, sodaß er unweigerlich aus dem Gleichgewicht geriet und niederstürzte. Im gleichen Moment verlor er das Bewußtsein und fand sich nunmehr in der Vergangenheit wieder.

„Arthur, schnell aufstehen, es wird Zeit, alle sind schon längst zu Tisch“, befahl ihm lautstark schreiend Mary, seine große, kräftige Nanny ihn dabei heftig schüttelte, „und trödle nicht lange herum beim Anziehen, okay?“ Was hatte er da nur geträumt, überlegte Arthur sich krampfhaft, aber beim besten Willen konnte er sich nicht erinnern. In gewohnter Routine zog der Dreizehnjährige sich an, schnürte sorgfältig seine neuen braunen Lederhalbschuhe und wollte gerade das Zimmer verlassen, als die Sirene losheulte. Lärmend stürzten die anderen Jugendlichen und Kinder aus ihren Räumen, polterten panikartig durchs Treppenhaus in Richtung Keller.

Das war jetzt schon der dritte Fliegeralarm in den vergangenen letzten Stunden. Sie hörten bereits die schweren viermotorigen Bomber, ganz in der Nähe erschütterten die Explosionen die Nachbarhäuser, dazwischen gellende Schreie von den Schwerverletzten, denen jetzt hier niemand zur Hilfe eilen konnte. Jeder war sich selbst der Nächste, wenn es ums Überleben ging, menschliche Solidarität verlor in den Augenblicken der Todesnähe jedwede Bedeutung.

Endlich schloß sich mit dumpfen Knall die schwere Tür zum Keller, der vor Monaten zu einer Art Zufluchtsbunker notdürftig umgebaut worden war. Das laute Zischen kündigte eine herannahende Bombe an, die im nächsten Moment das Berliner Mietshaus erschüttern ließ, dann stürzten die ersten Stockwerke ineinander, alles brach laut tosend zusammen, was den Gesetzen der Statik nicht mehr standhalten konnte. Entsetzt, allesamt vor Schreck erstarrt, schauten die wenigen Zurückgebliebenen im fahlen Dunkel des tiefen Kellers sich schweigend an und wußten zugleich, daß von dem Gemäuer über ihnen nichts mehr wie vorher war, viele Freunde und Angehörige ihr Leben verloren hatten.

Dieser nicht endenwollende Krieg nahm den Überlebenden jeden Mut, um auch nur ansatzweise Hoffnung auf Frieden hegen zu können, weil keinerlei Anzeichen erkennbar waren. Auch Arthur hatte längst sich damit abgefunden, irgendwann sterben zu müssen, manchmal fühlte er sich wie ein Mitspieler bei „der Reise nach Jerusalem“, dann wäre halt er derjenige, der keinen Platz mehr bekam, das Gleichnis des Todes vor Augen. Da lag er nun in diesem eingeschlossenen Keller, weil die Trümmer des Hauses den Eingang zunächst versperrten und dämmerte in einen unruhigen Schlaf hinein.

„Hey, Alter, aufwachen, war doch nicht unsere Absicht, mußtest du auch da lang schlurfen? Wir hatten dich nicht rechtzeitig gesehen, tut uns verdammt Leid“, raunte ihm eine junge Stimme zu. Arthur kam nur sehr langsam wieder zu sich, hatte noch für wenige Augenblicke seinen Traum in Erinnerung, die Bombennacht in der Charlottenburger Fasanenstraße. Jetzt befand er sich wieder in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Und die beiden Jugendlichen erinnerten ihn an seine eigene traurige Vergangenheit, wo es eben nicht diese unbeschwerte Zeit gab. Gleichzeitig freute er sich, daß sie sich wenigstens um ihn kümmerten. Zu oft schon hatte er in der Zeitung lesen dürfen, wie brutal und rücksichtslos junge Leute besonders mit älteren Menschen umgingen.

„Oh, vielen Dank, geht schon irgendwie“, antworte er, während die beiden ihm aufhalfen, den Dreck und die Herbstblätter von seinen Klamotten klopften, „wißt ihr, ich hatte einen Traum, wurde für kurze Zeit in meine Jugend versetzt.“ Und Arthur erzählte ihnen davon. Alle begaben sich zur nächsten Parkbank und hörten ihm staunend zu, weil er das große Bedürfnis hatte, noch viel mehr ihnen aus dieser schrecklichen Zeit zu berichten. Die wenigen Passanten, die vorbeigingen, staunten nicht schlecht, mit welcher Aufmerksamkeit da zwei junge Leute und ein alter Mann sich angeregt unterhielten.

Natürlich leben wir alle unser Leben, die Zeit verstreicht unaufhörlich im gnadenlos rhythmischen Sekundentakt, während unsere Vergangenheit unwiederbringlich jede für sich eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat. Wer sich in der Lage befindet, seinen Mitmenschen, seinen Angehörigen und Freunden daran teilhaben zu lassen, wenn diese denn überhaupt zuhören wollen, sollte nicht zögern, sondern jede Möglichkeit nutzen.

Sie werden sich vielleicht fragen, warum. Nun, was kann authentischer ankommen bei uns, als die lebhaft geschilderten Zeugnisse aus alten Tagen, die allesamt nicht zufällig gelebt wurden, sondern auch als „Botschaften“ für die Nachwelt zu verstehen sind. Müssen folgende Generationen dieselben Fehler begehen wie ihre zurückliegenden? Mitnichten. Erinnern wir uns ihrer Geschichten und lernen daraus.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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