Die Fotografie der Paddler – Teil 2


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Die Lokalzeitung berichtete ausführlich über den tragischen Unfall.

Eine Wette bezahlte ein junger Mann mit seinem Leben. Eugen F. wollte gemeinsam mit seinem Freund beweisen, sein Ruderboot könnte schnittiger übers Wasser gleiten als ein Zweier-Paddelboot. Siegessicher war er nach Aussagen seiner Freunde auch deshalb, weil er als Lehrling bei einem Schmied arbeitete. Er deshalb der Kräftigste unter ihnen war. Sein Freund Johann B., der mit ihm im Ruderboot saß, erklärte, Eugen war überzeugt, wir wären deshalb schneller, weil ich im Gegensatz zu ihm kleiner wäre und weniger wiegen würde. Karl-Heinz und Robert dagegen seien beide zwar größer und stärker, aber gerade deshalb kämen sie auf dem Wasser nicht so schnell voran, selbst wenn sie in einem Paddelboot säßen.

Es sei eine spontane Idee gewesen, als sie alle zusammen nach dem Fußballspiel in der kleinen Hütte saßen, die neben dem Fußballplatz gebaut worden war aus dem Erlös eines Festes zum Bestehen des Vereins seit 25 Jahren. Trotz schnell herbeigerufenen Rettungskräften blieb die Suche nach Eugen F. erfolglos. Das ganze Dorf trauert mit seiner Familie.

„Mensch, der Ed wäre noch am Leben, hätte er nicht das Boot so schnell herumgerissen!“ „Versteh das immer noch nicht, Jake, du sagtest doch, Ed und John wären eine halbe Bootslänge voraus gewesen.“ „Wir dachten ihr johlt, weil ihr bereits auf der Rückfahrt wärt!“ „Ed stand plötzlich im Boot und riß die Arme nach oben, wir siegen!“ „Ich versuchte das Boot vor dem Kentern zu bewahren!“ „Wahrscheinlich hat er sich am Boot den Kopf gestoßen, wurde ohnmächtig!“ „Rocco, bist du wirklich sicher, daß du Ed auftauchen gesehen hast?“

In den nächsten Wochen danach tauchten im Dorf immer wieder Gerüchte auf, Eugen F. wäre gesehen worden. Aber sämtliche Nachforschungen entpuppten sich im Nachhinein als Irrtümer und Verwechslungen. Die Lokalzeitung erinnerte mit einem Artikel und dem Photo, das Blue John aufgenommen hatte, nochmals an den Unfall, an dem Tag, als Eugen F. offiziell für Tod erklärt wurde.

Gina hielt den Klingelknopf gefühlte fünf Minuten lang.

„Mensch, Erik, so tief schläft doch nicht mal ein Murmeltier!“

Noch nie dauerte es lange, bis Erik aus seiner kleinen Kammer kam, um ihr die Türe zu öffnen, damit sie durch die Hintertreppe des Hotels unbemerkt in ihr Zimmer schleichen konnte. Seit Erik vor etlichen Jahren den Job als Nachtportier im Hotel ihrer Eltern angenommen hatte, fand sie in ihm einen Seelentröster, wenn es zuhause Knatsch gab oder Liebeskummer sie plagte und seit sie sechszehn geworden war, einen Mitverschwörer, der ihre kleinen Eskapaden deckte, wenn sie sich nachts nochmal fort schlich, um sich mit ihren Freunden zu treffen.

Wie es aussah, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Eltern anzuklingeln, schließlich konnte sie die restliche Nacht nicht hier am Hintereingang des Hotels verbringen. Während sie noch mit ihrer Mutter telefonierte, überfiel sie eine ungewisse Angst um Erik, die sie mehr erzittern ließ als das Donnerwetter, das sie von ihrem Vater erwartete.

Die Todesursache von Erik Paulsen lautete Herzversagen. In seinem kleinen Zimmer, das er oben unter dem Dach des Hotels bewohnte, fand Justin Plaue einen an ihn gerichteten Brief, darin befand sich eingewickelt in Papier ein Schlüssel zu einem Bankfach.

Justin Plaue, Sohn von Blue John, fand in dem Bankschließfach den Zeitungsauschnitt anläßlich der Mitteilung über die Bekanntgabe des offiziellen Todes von Eugen F. Eugen F. war auf dem Photo eingekreist, daneben stand: Ich bin nicht gefallen, ich bin aufgeflogen! An dem Zeitungsausschnitt war eine Notiz angeheftet.

Es war nur eine kleine Idee, ein kurzer Gedanke! Immer wieder hat es mich umgetrieben, eine Erklärung zu finden, ein Lebenzeichen zu geben. Unzählige Briefe blieben ungeschrieben. Ich habe für niemanden eine Antwort auf die vielen Fragen, nicht mal für mich. Kein Wort kann dich mehr zum Fürchten bringen als die Reaktion deiner Gefühle.

Doris Mock-Kamm

Die Fotografie der Paddler – Teil 1

Kategorie: Kurzgeschichten

 

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