Die Fotografie der Paddler – Teil 1


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Morgens in aller Herrgottsfrühe, am Samstag. Alle waren sich einig, genauso machen wir das. Keiner widersprach. Als John zu sprechen anhob, trafen ihn verständnislose Blicke. Blue John, obwohl eher roter John zu ihm gepaßt hätte, waren doch seine Haare ein feuerrotes Gekräusel, sein Gesicht mit Sommersprossen übersät, das zudem eine starke Neigung aufwies, seinen hellen Teint in Sekundenbruchteilen in kräftiges Zartrosa zu verfärben. Jonas Plaue war sein richtiger Name. Der englisch-amerikanische Einfluß hatte Zugang nicht nur durch das Erlernen der Fremdsprache gefunden, sondern auch im Übernehmen von einem Lebensstil, der als revolutionär und somit gegen die herkömmlichen Konventionen des kleinen Dorfes sprach, somit ihnen den unschätzbaren Dienst erwies, sie als nicht bezähmbare Jugendliche zu registrieren.

„Meine Kamera, könnte Photos machen.“, murmelte er, wobei er mit seinen Schuhen versuchte, den Boden unter seinen Füßen wegzuwischen. Ohne viel Worte und Mimiken untereinander, stimmten John (Johann), Will (Willi), Tom (Thomas), Rocco (Robert), Sid (Simon), Jake (Karl-Heinz), Ed (Eugen), George (Günther) zu. Nichts dagegen, mach mal, woher hast du denn eine Kamera, ich will auch einen Abzug. Auch diese Sache war geklärt. Sie standen noch eine Weile am Landungssteg, der groß genug war, daß Motorboote hier vor Anker gehen konnten, aber hauptsächlich für Segelboote gebaut worden war und an die dreißig Meter weit ins Wasser führte.

Samstag. Die ersten waren bereits um drei Uhr morgens eingetroffen, die letzten bis auf Blue John so gegen halb fünf. Das Zweier-Paddelboot und das Ruderboot hatten sie akurat neben den Landungssteg platziert. John und Ed stiegen über das Paddelboot hinweg in das Ruderboot, Jake und Rocco nahmen im Paddelboot Platz. Der morgendliche Dunst, der ansonsten über dem See schwebte, war eine milchige Nebelsuppe. Die letzten beiden Tage hatte es geregnet, der dichte Nebel ließ erahnen, daß sich das Wetter änderte und Aussicht bestand auf schöne warme Herbsttage.

Blue John kam angerannt. „Sind sie schon weg?“, schrie er, dabei war er schon auf Höhe der beiden Boote. Jake frotzelte, „wenn du uns nicht siehst, wäre es dann nicht besser gewesen, du hättest ein Fernrohr mitgenommen, anstatt die Kamera?“ Über Blue John glühendes Gesicht zogen sich tiefrote nachdenkliche Falten.

„Also, Tom, du gibst den Start frei.“ Jake setzte sich noch aufrechter und stupste den vor ihm sitzenden Rocco mit einem Siegeslächeln an.

„Meinst du nicht, wir sollten alles abblasen, die Boje ist überhaupt nicht zu sehen!“, flüsterte Sid nach hinten.

„Bis wir bei der Boje sind, ist der Nebel verschwunden, sowieso, ich habe Adleraugen, schon vergessen!“

„Alle Augen auf mich!“, kommandierte Tom, der sichtlich stolz war, die Rolle des Startrufers zugeteilt bekommen zu haben.

Sein „Bereit, drei, zwei, eins, los!“ war lange Zeit hallend in der Luft, untermalt mit den Platschen der kräftigen Ruderschläge, die die Boote schnell vom Landungssteg entfernten. Die Konturen der Boote vermischten sich zunehmend mit dem grau milchigen Nebel, als Blue John die Kamera aus der Tasche herausholte. Das klick, ritsch, klick, ritsch übertönte die kaum noch Erkennbaren Paddelbewegungen und deren Geräusche, die weiterhin mit der scheinbar gleichen Kraft ins Wasser tauchten.

„Mensch, laß mal gut sein, man hört ja fast gar nichts mehr. Spar dir das Klicken, bis sie wieder auf der Rücktour sind!“, wurde Blue John von Will angefahren. „Sag mal, kann es sein, daß du den Blendenschutz nicht abgenommen hast?“

Bevor Blue John die Frage verstanden hatte, umfing ihn schallendes Gelächter, und er fühlte die Blicke von Will, Tom, Sid und Georg wie glühende Kohlen auf seinem Gesicht. Vom See her war trotz des Gelächters jetzt Gejohle zu hören, und Blue John war froh, daß sich die anderen wieder dem Geschehen auf See zuwandten. Er schaute durch die Linse, weil er es nicht fassen konnte, trotz Blendschutz eindeutig die Szene durch das Fenster gesehen zu haben. Er klickte und zog das Bild weiter, in dem Moment wissend, da draußen im Nebel sind gerade die beiden Boote aufeinandergestoßen.

Ed blieb verschwunden, die Suche wurde in den späten Nachmittagstunden abgebrochen. Jake, Rocco und John wurden entkräftet, sich an dem Ruderboot klammernd von den alarmierten Rettungskräften geborgen. Ihre Hoffnung Ed könnte zum gegenüberliegenden Ufer geschwommen sein, wollten sie selbst Tage nach dem Unfall nicht aufgeben. Das Photo, das einzige, das auf dem Film zu sehen war, zeigt Ed mit hoch gestreckten Armen, wie er seitlich ins Wasser kippt, John vornübergebeugt, Jake wie er sich am Ruderboot festhält und Rocco direkt hinter ihm.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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