Jammern befreit und grenzt aus


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Auf Dauer sich blenden lassen?

Natürlich darf man jammern! Warum auch nicht? Schließlich zählt jammern genauso zu einer Gefühlsregung wie weinen, und Gefühle zu zeigen ist besser, als sie zu unterdrücken. Ebenso wie beim ständigen Lachen oder sich fröhlich zeigen, besteht beim Jammern die Gefahr, diese Emotion zu benützen, um andere Menschen dazu zu verleiten, sich dem Jammernden zuzuwenden, ihm Beiseite zu stehen, ihn zu trösten, auch wenn kein wirklicher Grund vorliegt, sondern aus Bequemlichkeit, aus Berechnung, sich in den Mittelpunkt zu stellen, sich als Opfer zu präsentieren.

Wer über „wie beim ständigen Lachen oder sich fröhlich zeigen“ gestolpert ist beim vorangegangenen Satz, so ist dieses Phänomen, alles möglichst positiv zu sehen, selbst persönliche Angriffe wegzulächeln, zu jedem Thema ein Witz auf den Lippen zu haben, genauso in Frage zu stellen wie das ständige Jammern, denn das Weggrinsen bezweckt auch eine Art des Aufmerksamkeitserhaschens.

Ein quengelndes Baby hat vermutlich Hunger, Bauchschmerzen, die Hose voll oder einfach nur Unruhe und wird deshalb, da der Sprache noch nicht mächtig, jammern. Aufmerksamkeit, liebevolle Zuwendung und gegebenenfalls schnelle Abhilfe für das Unwohlsein sind die Trostfaktoren. Kaum ein Baby wird bewußt Jammern einsetzen, bewußte Handlungen dieser Art kommen im Kleinkindalter auf, die Gründe hierfür sind zu mannigfaltig, um dieser Thematik wirklich einigermaßen gerecht zu werden. Diese Erwähnung sollte nur dafür dienlich sein, daß Jammern ein Bestandteil von Gefühlsregungen ist, übrigens nicht nur beim Menschen, sondern auch bei den Tieren. Erinnert sei hier an fiepende und jaulende Tierkinder.

Jammern ist ein bewährtes Mittel, um auf Mißstände hinzuweisen. Und Jammern kann den gleichen Effekt erzeugen wie das Gähnen. Man sagt, wer durch ein Gegenüber „angesteckt“ wurde, ebenfalls zu gähnen, findet dieses Gegenüber sympathisch. Demnach hätte jammern zwei Effekte, einmal die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit andere ebenfalls in Jammerstimmung zu bringen.

Jammern, mittelhochdeutsch (j)āmern, althochdeutsch āmarōn, zu Jammer. (Duden)

Jammer, mittelhochdeutsch jāmer, althochdeutsch jāmar, Traurigkeit, Herzeleid, schmerzliches Verlangen, Substantivierung von althochdeutsch jāmar, traurig, betrübt, ursprünglich ein Schmerzensruf und wahrscheinlich lautmalend. (Duden)

Es scheint verwunderlich, daß es ein Schmerzensruf geben soll, der sich nach „jamar“ anhört, oder?

Laut Gebrüder Grimm ist „die begriffliche Ebene des Jammers mit Geschehnissen wie Bruch oder Schaden“ (Wikipedia) in Verbindung zu bringen.

Vertrauensbruch oder Warnsignal zur Schadensabwendung könnte demzufolge der Grund für jammern bedeuten. In Bezug auf das Verhalten von Babys durchaus nachvollziehbar.

Auch bei erwachsenen Personen wäre dies eine einleuchtende Erklärung für das Jammern. Selbst das „ansteckende Mitjammern“ könnte damit in Zusammenhang stehen. Jammern als Befreiung aus einer mißlichen Lage zum Schutz vor Unbill wäre demnach eine wichtige Gefühlsregung zum Überleben.

Wer Jammern als brauchbares Mittel, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, anwendet, dies als probates Mittel benützt, möglichst viele in Aufruhr zu versetzen, obwohl dafür kein Anlaß mehr oder nie bestanden hat, der darf sich nicht wundern, wenn irgendwann der Bumerangeffekt einsetzt, sprich keiner mehr auf seine Belange reagiert. Denn auf Dauer werden Lügen, Fehlinformationen als das erkannt werden, das sie sind. Kein Mensch läßt sich auf Dauer blenden, oder doch?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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