Als das Wasser überlief


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Ihr Temperament ging wieder einmal mit ihr durch, ihre Stimme überschlug sich, wurde schrill, unverständlich, die Wörter purzelten in kleinen Silbenstückchen aus ihr heraus. Das Gesicht verzerrt und mühsam atmend, so als ob sie sich gerade an einem trockenen Gugelhupfstück verschluckt und die winzigen Kuchenbrösel aus der Luftröhre sich durch Mund und Nase befreit hätten, sie selbst aber zu einer Kuchenwortbrockenmaschine geworden, deren Ausschalter sich nicht finden läßt, das alles kannte sie nur zu gut, deshalb war es jedesmal ein innerer Kampf zwischen reiß dich zusammen, laß dich nicht so gehen und die Wut, der Frust muß raus, sonst ersticke ich.

Bilder, Gerüche, Stimmen, Gelächter, Schreie, Wasser, warmes Wasser, Dreckbrühe, jemand flüstert, halt bloß deinen Kopf unten. Wer legt mir Tücher über den Kopf? Versteckspiel. Luise, Matthias und sie haben Versteck gespielt. Papa war zuhause, ohne wirklich krank zu sein. Mama weinte viel. Luise und Matthias durften nicht zu Schule.

„Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muß versteckt sein. Ich komme“, Mathias Stimme hallte durch den Flur.

„Mich findest du nicht! Mich nicht“, Melli zog einen Zipfel der Bettwäsche über ihr Gesicht. Sie hat sich in der Badewanne unter die Wäschestücke verkrochen. Mutter war den gesamten Tag schon mit der Wäsche beschäftigt und in der ganzen Wohnung roch es nach Kernseife und frischer Wäsche. Melli wußte, wenn Matthias sie nicht fand, würde Mutter sie finden, denn das Wasser im Badeofen strömte eine angenehme Wärme aus, sodaß Mutter die nächste Ladung Schmutzwäsche sicher bald einweichen würde.

Melli hörte die Wohnungsklingel und Klopfen an der Türe. Laute Stimmen, ein Schrei von Mama, nein! Luise schrie. „Vielleicht ist Matthias aus dem Fenster gefallen, weil er nach mir gesucht hat“, dachte Melli, als jemand einen ganzen Haufen Wäsche, frisch riechende Wäsche aus dem Schrank, die roch nämlich immer nach Lavendel, über ihr Wäscheversteck warf. „Wage nicht, dich zu zeigen, bis, bis der Kessel kalt, bleib still, sonst holt dich der Wolf aus dem Wald.“ Und sehr leise: „Halt bloß deinen Kopf unten!“ Melli duckte sich tiefer in die Wäsche, hielt den Atem an, die Stimme war ihr fremd, sie hatte plötzlich furchtbare Angst. Matthias schaffte es immer wieder, sie mit seinen Schauermärchen zum Fürchten zu bringen. „Das sage ich Mama!“, schluchzte sie leise vor sich hin.

Das war doch Matthias Stimme, die sie hörte: „So glaubt mir doch, Melli ist nach draußen, sie hat sich sicher im Keller versteckt, damit ich sie nicht finden kann! Wirklich, das ist wahr, Mama!“

„Versteckspiel, aha, na, die Kleine finden wir schon!“

Melli drehte den Wasserhahn auf, um sich zu vergewissern, ob das Wasser im Kessel inzwischen kalt war, schon lange hatte sie kein Geräusch mehr gehört. Sie zitterte vor Angst, was passieren würde, wenn das Wasser noch heiß sein sollte, aber lieber wollte sie sterben, als keine Luft mehr bekommen. Das Wasser fühlte sich warm an. Melli wollte den Hahn schnell wieder zudrehen, aber vor lauter Tränen, die ihr über das Gesicht rannen und dem Zittern, das ihren Körper befiel, gelang ihr dies nicht. Sie hockte, die Knie ganz dicht an sich gezogen, auf der Wäsche und starrte dem Wasser zu, das unaufhörlich floß.

Erst als das Wasser überlief, traute sie sich, aus der Wanne zu steigen. Klatschnaß stiefelte sie mit Laken über dem Kopf auf die Straße. Wütend war sie da, wütend. Und sie brüllte und schrie, selbst noch als sie warm gebettet bei ihrer Tante Barbara im Bett lag, wohin sie von aufmerksamen Nachbarn hingebracht wurde.

Es ist nicht mein Temperament, das ich nicht beherrschen kann, es ist mein Gewissen. Ich hätte Matthias widersprechen sollen.

Melli atmete tief durch. Im Saal herrschte angespannte Stille, als sie nach ihren Ausführungen über den Grund, warum sie sich gegen fremdenfeindliche Tendenzen selbst der kleinsten Art, dazu veranlaßt fühlt, diese aufzuzeigen und ja, auch anzuprangern.

Mellis Vater wurde in den letzten Kriegswochen angeklagt, Zwangsarbeitern bei ihrer Flucht geholfen zu haben. Selbst nach Kriegsende galt er für viele als Vaterlandsverräter. Mellis Mutter durfte nach einer Nacht im Gefängnis am nächsten Tag wieder nach Hause. Luise durfte nach Drängen der Familie und dem Dafürsprechen ihres Lehrers aus dem Kinderheim, mit Auflagen an die Mutter, nach wochenlangem Hin und Her, wieder heim.

Auf Matthias wurde geschossen, er versuchte, aus dem Polizeigelände zu fliehen, er verstarb noch am selben Abend. Der Schütze wurde nie angeklagt.

Matthias war vierzehn, als das Wasser überlief.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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2 Antworten zu Als das Wasser überlief

  1. gkazakou schreibt:

    ich habe die Geschichte mit angehaltenem Atem gelesen.

    Gefällt 2 Personen

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