Willibald König


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„Bigotterie! Diese Bigotterie! Haben alle den Verstand verloren! Nie einen besessen, obwohl die Welt erstickt, an den Milliarden, Billiarden, Milliarden Billiarden Papiertonnen, die in den Bibliotheken und sonstwo verstaubt herumstehen, verbraucht werden, um Wissen, pah, Wissen, in die Köpfe zu quetschen. Erfolglos, erfolglos! Pragmatische Egoisten, Narzißten, allesamt, allesamt! Ohne Ausnahme! Lügner, Ausbeuter, Intriganten, Moralisten, Arschkriecher, und wenn in den eigenen Arsch, dann auch dahin! Kein Arsch in der Hose, keine Widerrede!“

Willibald stößt mit seinem Knie gegen die Tischkante der neuen Eßzimmermöbel.

„Dies ist kein Zeichen, kleinbeizugeben!“

Er marschiert, fast stechschrittartig im Zimmer auf und ab. Während seines Redeflußes fixiert er einzelne Möbelstücke oder die großformatigen Bilder an den Wänden mit unruhigen Augen, so als ob diese in Sprungbereitschaft wären, ihn anzufallen.

„Schwafeln von moralischen Grundsätzen, von sozialen Schwächen der Wirtschaft. Empathielosigkeit gegenüber dem eigenen Volk, Nation als geltende Norm. Uniform, wäre das richtige Wort.“

Willibald reißt die Balkontür auf, atmet tief durch, lehnt sich mit den Ellbogen über die Brüstung.

„Ah, der Herr Chauffeur hat mal wieder nicht zugehört! Wir fahren heute mit dem Bugatti! Verstehen, Bugatti!“

Und leise murmelt er, weil Gattilein es so will, damit Willi bei Gatti einsteigen darf.

„Hören Sie auf, den Porsche zu polieren. Die Zeit ist knapp! Jetzt holen Sie doch den verdammten Bugatti, oder wissen Sie nicht, wie ein Bugatti aussieht! Das ist der einzige weiße Wagen, nun machen Sie schon.“

Es klopft an der Tür. Bevor Willibald herein rufen kann, tritt der Sekretär ein.

„Herr König, die Bestände der bibliothèque Lenian können nun doch zu Ihren Bedingungen übernommen werden! Alle Vertragspunkte wurden akzeptiert, soeben kam die Email.“

Der Sekretär bleibt etwas breitbeinig an der geöffneten Türe stehen.

„Prima, prima! Dann sorgen Sie dafür, daß der Kram schnellstmöglichst hertransportiert wird. Sonst noch was?“

„Ich, nein.“ Mit einem leichten gesenkten Kopf verläßt der Sekretär den Raum, die Tür bleibt offen.

„Lügen, wohin man sieht, Lügen! Sollte der Pöbel anrauschen, dann gibt’s genügend Brennmaterial. Das wollen die doch, alles brennen sehen! Auflodernd, Neues erschaffen. Lügen, überall Lügen, pragmatische Lügen. Ha, die findet ihr dann in den Büchern, eure Wahrheiten, mit denen ihr dann die Luft verpestet! Bei Gott, wie kann man nur auf die Idee verfallen, es gäbe keine Lügen, wenn die moralischen Werte durch Gehorsam, Leute, ihr meint Gewalt, eingetrichtert werden. Habt ihr noch alle Tassen im Schrank, oder glaubt ihr wirklich, eine Mutter würde euch verraten wo ihre Kinder versteckt sind, damit Ihr… Sie wird lügen, moralische Verpflichtung zur Wahrheit, nie und nimmer.“

Aus der Anrichte holt er ein Glas, schaut zur Tür, öffnet die unteren Schiebetüren, greift sich eine Flasche, aus der er das Glas bis zum Rand füllt.

„So funktioniert das nicht, strammstehen! Nur Intriganten vermittelt Freiheit mittels Sicherheit! Freiheit bedeutet aber Angst! Kapitalistenschleimer, ihr könnt keine Wahrheit verkaufen, ihr verkauft Seelenfraß!“

Willibald trinkt das Glas in einem Zug leer und prostet mit dem leeren Glas einem Bild zu. Es ist das einzige Wandbild, das eindeutig eine Kopie des Originals darstellt. Picassos Guernica. Neben der Kopie, die fast den Originalmaßen entspricht, hängt eine Schrifttafel.

„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“ 12/1937

Lisa spricht den Text, scheinbar kann sie ihn auswendig, laut und mit sehr viel Empathie in der Stimme.

„Geliebte, wie lange hältst du dich schon hinter meinem Rücken versteckt?“

„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, daß ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, daß ein Mensch, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konfliktes, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht in seinem Anwesen lautstark äußern sollte, sodaß das Personal sich in die hintersten Ecken verzieht, sondern sich öffentlich positioniert, damit die Gleichgültigen gegenüber jeglicher Individualität, also die Engstirnigen, sich wieder in ihre Höhlen verziehen.“, konterte Lisa.

„Ach Lisa, geliebte Gemahlin, Weib der Worte! Ist es schon so spät? Wo habe ich bloß meinen Text hingelegt?“

„Willi, du hattest ihn mir zu lesen gegeben, gefällt mir ausgesprochen gut, die spiegelverkehrte Borniertheit einer moralisierenden Herrschaftsgesellschaft, Zwielichtigkeit als Ausrede zur Harmonisierung eventueller sozialer Unruhen, Gemeinschaftssinn einer Nationalität kann sich nicht auf ein Unisono reduzieren, sondern muß sich auf die Universalität jeglicher Existenz beziehen…“, sie übergibt Willibald einen Umschlag.

Das Zimmermädchen betritt mit leisen, vorsichtigen Bewegungen das Zimmer, sie hüstelt. „Der Bugatti steht bereit zur Abfahrt!“

„Bugatti?“

Lisa blickt irritiert zu Willi.

„War das nicht dein Wunsch? Sagtest du nicht, der Porsche wäre heute unangebracht!“

„Ja, aber, ich hatte dabei nicht den Bugatti im Sinn.“

Willi schmunzelt. „Ich weiß. Denkst du nicht auch, es ist effektiver den Jammerlappen, die nur dreckige Wäsche aus jedem Korb herausfischen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.“

Willi und Lisa verlassen den Raum.

Frenetischer Applaus ist zu hören. Minutenlange Standing Ovations hallen durch den Raum, Stimmen, Rufe übertönen den Beifall, Raketen erleuchten den Himmel. Das Zimmermädchen löst sich aus ihrer starren Haltung. Schüttelt den Kopf, rennt zur Balkontüre, der Gewittersturm hat bereits Regen und Hagelkörner auf dem Parkett verteilt. Auf der Auffahrt steigt Willibald gerade in den Bugatti, der völlig durchnäßte Chauffeur klappt einen zerfetzten Schirm zusammen, verstaut ihn, wohl wegen der Eile im Kofferraum. Willi kurbelt das Beifahrerfenster herunter. Das Zimmermädchen zieht die Vorhänge zu.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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