Beginnt oder endet Rigorismus im Graben?


https://www.flickr.com/photos/holgers-bilderwelt/36993621631/sizes/z/

flickr.com/ holgersbilderwelt.de/ (CC BY-NC-ND 2.0) https://www.flickr.com/photos/holgers-bilderwelt/36993621631/sizes/z/

Fallgruben und Intrigen verhindern Besserung

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Wirklich? Das Bibelzitat aus dem Buch Kohelet 10,8: wer eine Grube gräbt, kann hinein fallen, scheint gerade in der jetzigen Zeit bei vielen Menschen nicht mehr im Bewußtsein zu sein, oder doch zumindest fühlen sie sich sicher, ihnen passiert so etwas nicht. Wie sonst ist zu erklären, daß rigoros Ansichten als Tatsachen verkauft werden, daß Lügen, Fakenews als die verschwiegenen Wahrheiten publiziert werden, daß Meinungsfreiheit nur für hetzerische, hämische Äußerungen gelten, aber Satire als Angriff auf die Persönlichkeit.

Rigorosität ist ein Bestandteil des täglichen Lebens, des Umgangs miteinander geworden. Brutalität, Grausamkeit, Härte, Rücksichtslosigkeit, Schärfe, Strenge, Unbarmherzigkeit, Unerbittlichkeit (alternativ Vorschläge Duden) begegnet man häufiger als noch vor ein paar Jahren, Beispiele: in den sozialen Medien (Drohungen, Häme, Hetze), bei Unfällen (Gaffer, keine Hilfe leisten, Hilfe behindern), im Straßenverkehr (rücksichtlose Überholmanöver, Bedrängung durch dichtes Auffahren), beim Einkaufen ( Vorgedränge, Handgreiflichkeiten um Schnäppchen bis hin zu Körperverletzung), beim Reisen, auf dem Weg zur Arbeit, Spazieren gehen (Berauben, Anpöbeleien bis hin zu Totschlag).

Natürlich schwanken immer wieder im Zeitenablauf gewisse Vorkommnisse und Begebenheiten, so soll nicht der Eindruck entstehen, das hätte es früher nicht gegeben. Vielleicht nicht in der direkten vergleichbaren Form, aber Intrigen in und um ein Staatswesen gab es schon immer (Drohungen, Häme, Hetze), Hilfe verweigern, um eigenes Weiterkommen zu fördern (Gaffer, keine Hilfe leisten, Hilfe behindern), auf Pferden oder mit Kutschen seinen „Stand ausnützen“ (rücksichtsloses Hineinreiten in Personen, Bedrängung), Gedränge beim Verteilen von Essen oder Gerätschaften, (Handgreiflichkeiten bis hin zu Körperverletzung), Räuberische Überfälle, Pöbel auf den Straßen.

Erklärungen für die übrigens nicht vollständige Aufzählung gab und gibt es zuhauf. Geändert haben sich lediglich Zeit, Ort und Auslöser.

Interessanterweise waren und sind solche Vorkommnisse gerade durch ein rigoroses Handeln in sozialer, wirtschaftlicher, moralischer Hinsicht die Auslöser für rigoroses Verhalten. Ob heutzutage auf allen Kanälen, in den Medien oder früher auf den Marktplätzen, in solchen Zeiten sind Rigoristen überall präsent.

rigoros, (französisch rigoureux), mittellateinisch rigorosus, streng, hart, zu lateinisch rigor, Härte, zu: rigere, starr, steif sein. (Duden) Andere Begriffe sind drastisch, energisch, hart, unerbittlich, rabiat, rücksichtslos.

Der Rigorismus, wohl französisch rigorisme, zu lateinisch rigor, Steifheit, Härte, Unbeugsamkeit. (Duden) Synonyme sind Starrheit, Sturheit.

Allgemein: eine überstrenge, starre Denk- und Handlungsweise, die an Grundsätzen und Prinzipien festhält, ohne Rücksicht auf die konkreten Bedingungen und Situationen. Im engeren Sinne: ein ethischer Standpunkt, nach welchem die Moralgesetze unter allen Umständen einen verpflichtenden Charakter besitzen. (Wikipedia)

Oder anders formuliert, der versucht, mittels Halsstarrigkeit, Starrköpfigkeit, Verstocktheit, Rechthaberei, Borniertheit, Trotz, Dickköpfigkeit, Verbissenheit seine Ansichten, Meinungen, Gefühle durchzusetzen.

Wo ist nun ein Zusammenhang zwischen dem eingangs erwähntem Zitat und den Moralaposteln, den Wahrheitsflüsterern, den Rufern nach Zucht und Ordnung?

Als Rigole bezeichnet man einen Graben, eine Furche, eine Vertiefung, eine Rinne. Je nach Tiefe eines Grabens ist die Sicht auf das Umfeld eingeschränkt und nur eine beengte Sichtweise möglich. Kommt hierzu noch, möglicherweise durch den Aushub ein starrer, steifer Hals hinzu, ist die Sicht quasi gleich null, oder zumindest sind die Perspektiven minimal.

Wer „Wahrheit“ ans Licht bringen will, buddelt in sämtlichen „Böden“, die „Werkzeuge“, die benützt werden, sind je nach Bodenbeschaffenheit, Intrigen, Lügen, Ängste, Drohungen, womit die gleichen Werkzeuge benützt werden, die als Gründe angegeben werden, diese „Wahrheitsgruben“ auszuheben, und folglich demselben Effekt seine eigenes Sichtfeld zu begrenzen.

Wer eine Grube gräbt, kann hineinfallen. Wirklich!

Veränderungen erreicht man nicht dadurch, Gruben auszuheben, sondern Gräben zu schließen, Brücken zu bauen, Vertiefungen an die bestehende Fläche anzugleichen, Wasser in Rinnsalen wieder zum Fließen zu bringen, kurzum, seine Sichtweise zu vergrößern. Dazu gehört allerdings, die Fähigkeit der Kommunikation, seine Prinzipien einer ständigen Hinterfragung auszusetzen, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, ein hohes Maß an sozialer Verantwortung.

Solange Halsstarrigkeit, Rechthaberei, Borniertheit, Rücksichtslosigkeit als Stärke und Beweis für energisches Handeln angesehen, solange werden Fallgruben gebaut, Intrigen geschürt werden. Solange gräbt die Menschheit ihre eigenen Fallen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s