Hunger aufessen


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Frühling, herbeigesehnt, erwartungsvoll die Tage erwartet, den blauen Himmel, das saftige Grün, den durch Wärme geöffneten Knospen ganze Unmengen von Augenblicken zugeworfen, und doch fühlte sich der Hunger nach dem Erwachen der Natur nicht gestillt an.

„Du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt.“ Großmutter Isenke, Adele Isenke. Manche nannten sie auch Tante Adele, von einigen Dorfbewohnern Ellie gerufen, man hörte auch den Ausdruck, die Alte. Die alte Großmutter Isenke, sie war weit über neunzig, als ich das erste Mal mitgeschleppt von anderen Kindern und meinem Bruder in ihrer Küche stand. Gruselig war mir zumute, nachdem sie uns durch das Küchenfenster zurief, doch einmal schnell zu ihr hereinzukommen. Nicht sie hatte mir Angst eingeflößt, vielmehr die Stimmung, die sich unter den anderen Kindern verbreitete, mit denen wir auf Abenteuersuche durchs Dorf liefen. Die teils unsicheren, teils belustigten, teils mürrischen Blicke, die sich die Älteren zuwarfen, die Unschlüssigkeit der Aufforderung nachzukommen und das Spüren des sich doch einen Ruck geben, was soll uns schon passieren, sie ist doch alt, wir werden uns schon wehren können.

Wir bekamen keine Aufforderung, uns zu setzen, noch bot sie uns selbstgebackene Kekse, Bonbons an, wie dies andere Frauen des Dorfes taten, um sich bei uns einzuschmeicheln, damit wir ihnen keinen Streich spielen, so der Ulli, damit wir die alten Reste aufessen, bevor sie gänzlich verdorben, verschimmelt sind, immer noch besser wir essen sie als wegwerfen, so die Annegret, damit wir zuhause erzählen, daß sie eine ganz patente Person ist, die keinen Unterschied zwischen niemand macht, obwohl doch jeder weiß, daß sie eine der größten Tratschtanten ist, so die Sonja, damit wir bei der nächsten Ernte mithelfen, ohne zu murren, und nicht auf die Idee kommen, etwas mitzunehmen, zu klauen, damit sie uns dabei nicht ständig unter Obacht halten muß, so der Hannes. Sie hielt ihren Kopf kurz ganz nach oben, das schien ihr Mühe zu machen und fragte, ohne uns nochmal anzusehen, ob wir auf dem Weg zum Stuberbrunnen seien.

Der Stuberbrunnen war einer der vielen Brunnen des Dorfes, aus denen aber nur Wasser für die Gärten geschöpft wurde, er war ein Stück hinter dem letzten Haus, direkt am Waldrand. Dort stand ein Holzkreuz, das größer und mächtiger war als die Kreuze in und um die Kirche herum. Vom Stuberbrunnen aus konnte man durch den Wald nach Bosheim oder den Weg am Waldrand entlang nach Kirchach gehen. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt nur einmal dort gewesen mit meiner Mutter, weil an dem Kreuz gebetet und Blumen hingebracht wurden.

Mit Anschubsen, Schulterzucken und Blickkontakten gewappnet, das Richtige im Sinne aller zu sagen, antwortete Hannes, nein. Und als Großmutter Isenke ihm flüchtig mit einem Blick schweifte, setzte er sofort dazu: „Aber wir kennen den Stuberbrunnen, sind öfters dort.“

Sie holte aus dem Küchenschrank zwei Milchkannen, drückte diese Hannes und meinem Bruder in die Hand: „Na, dann wißt ihr sicher, daß dort schon die ersten Kamillen blühen. Aber reißt nicht die ganze Kamille raus, nur die Köpfchen einsammeln, wenn die Blätter weit geöffnet sind!“

Hannes nickte ständig, so als ob er etwas hörte, das ihm schon längst bekannt war. Wir sind dann auch alle gehorsam hinter ihm hergelaufen, er hatte es plötzlich eilig, und am Stuberbrunnen war es wie abgesprochen, daß er allen genaue Anweisungen gab zum Pflücken. In die Kannen durften nur diejenigen Kamillenblüten, die er vorher begutachtet hatte.

Meine dargereichten Blüten nickte er zwar mit einem Lächeln ab, aber ich habe gesehen, wie er die ein oder andere Blüte wieder herausnahm und in den Stuberbach warf. Ich protestierte nicht, befürchtete ich doch ansonsten, nicht mehr dabei sein zu dürfen, wenn mein Bruder mit Hannes und den anderen die Umgebung des Dorfes durchstreiften. Zudem war ich müde und hungrig, dieser lange Ausflug war nicht geplant und hätte Mutter gewußt, daß mein Bruder mit mir bis zum Stuberbrunnen unterwegs ist, hätte sie es niemals erlaubt. Mein Bruder mußte mich nicht daran erinnern, darüber Stillschweigen zu wahren, dies war ein unausgesprochenes Wissen, und schließlich wollte ich nichts sehnlicher, als in Zukunft mit dazugehören zu den Großen.

Auf dem Rückweg konnte ich mir dennoch nicht verkneifen, meinem Bruder mehr als einmal mitzuteilen, daß ich hungrig bin. Und durstig und müde. Je mehr er versuchte, mich abzulenken, mir erklärte, wir seien bald zu Hause, mir sogar versprach, beim Bäcker Bonbons zu kaufen, er hätte noch zwei Pfennige in der Tasche, desto unerträglicher wurden mein Hungergefühl und meine Litaneien, die selbst ein mißbilligender Blick von Hannes und nette Zusprache von Annegret und Silke nicht stoppen konnten, nicht weniger.

Großmutter Isenke nahm die beiden Milchkannen, ohne sich zu vergewissern, ob sie überhaupt gefüllt und ob die Blüten wirklich pfleglich gepflückt worden waren entgegen. „Na, das ist aber eine Freude. Vielleicht könnt ihr nächste Woche nochmal sammeln gehen!“ Es gab kein Dankeschön, noch Bonbons oder Kekse, aber an mich gewandt fragte sie: „Haben dich die Großen geärgert, Kleine? Du bist doch der Alma Jüngste?“

„Ich habe Hunger!“

„Ja, weißt du denn nicht, du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt!“

Du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt. War dieser Satz der Grund, warum ich damals keinen Hunger mehr verspürte, als wir beim Abendbrottisch saßen und Mama sich sorgte, weil ich entgegen meinem sonstigen Heißhunger nur ihr und Papa zuliebe ein Häppchen für Papa, ein Häppchen für Oma aß?

Den Hunger aufessen, den Frühling aufessen? Bin mal gespannt mit wieviel Heißhunger die Analyse dieses Satzes von den Studenten verschlungen wird? Mein Frühling ist jedenfalls voll in Blüte.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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