Helena von gegenüber


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Hans-Peter entschloß sich, spontan seine Patentante Annelie zu besuchen. Ein bißchen gelogen ist an dem Wort spontan die Tatsache, dieser Besuch ist nach Aussagen seiner Mutter längst überfällig, sie wäre es leid, ihn ständig daran erinnern zu müssen, er sei gewiß inzwischen alt genug, um zu wissen, wie wichtig für Tante Annelie der Kontakt sei und wie sehnsüchtig sie darauf warte, ihn persönlich in die Arme zu nehmen, und sie verstehe überhaupt nicht, warum er, obwohl er inzwischen schon mehrere Wochen in Berlin leben würde, nicht einmal Annelie besucht hätte. Du mußt ja nicht gleich den ganzen Tag bei ihr verbringen, hast du völlig vergessen, wie sehr du ihr am Herzen liegst, Hans-Peter?

Er war mit der U-Bahn unterwegs, ihm war die Decke in seiner kleinen 2-Zimmer-Wohnung auf den Kopf gefallen, nachdem er den morgendlichen Aufstehrhythmus, um zur Uni zu fahren, so lange hinaus gezögert hatte, bis er dem Wunsch verfiel, eine Katastrophe möge ihn aus dem Bett katapultieren. Erst als er registrierte, welch Unsinn da soeben durch seinen Kopf flatterte, weil er tatsächlich begann, die unterschiedlichsten Katastrophen bildlich vor sich zu sehen, Meteoriteneinschlag, Fliegergeschwader, die nur sein Haus zum Ziel hatten, Wassermassen, die bis zum zweiten Stockwerk alles umfluteten, Erdbeben, das zielstrebig ein Hochhaus nach dem anderen einstürzen ließ, wälzte er sich tastend ins Bad. Es schien, als ob selbst das kalte Wasser keinen besonderen umwerfenden Aufwacheindruck auf seinem Gesicht hinterließ und schon gar nicht seine fiktiven Vorstellungen wegwischen konnte. Starker Kaffee sollte sein Gemüt wieder zum Vorschein bringen, denn er selbst, Freunde, Bekannte, eher fremde Personen, die ihn nicht gut genug kannten, um sonderlich viel über ihn zu wissen, attestierten ihm eine Seelenruhe, die kein Sturm umwerfen könnte.

Tante Annelie, bei der er über Jahre ein und aus ging, weil sie nebenan wohnte und die Schwester seiner Mutter war, begann irgendwann nach jeder noch so kleinen Aufforderung, etwas zu tun, daran zu denken, immer ein „hurry up“ zuzusetzen. „Hurry up“ fanden dann seine Familie, Freunde so unsäglich witzig, daß nur noch in seltenen Fällen sein richtiger Name genannt wurde. Nicht daß sie ihn Hurry up riefen, so weit ging ihre Hänselei nicht, auch das „up“ verschwand, etwas später, das eine Weile als „ab“ verwandt wurde, zurück blieb der Name Harry. Aus Hans-Peter wurde Harry, und Harry blieb ihm durch die gesamte Kinder- und Jugendzeit, so daß er manchmal glaubte zu meinen, seinen wirklichen Taufnamen nicht mehr zu kennen. Seine Unterschrift hat er mit vielen Übungen so ausgefeilt, daß wer wollte, Hans-Peter las, wer nicht, Harry entzifferte. Das war unwahrscheinlich praktisch bei behördlichen Angelegenheiten.

Die Flucht aus seiner Wohnung führte ihn in den Botanischen Garten, dort erhoffte er sich Ablenkung zu Genüge, würden die Pflanzen nicht helfen, so würde er sich den Zoo einverleiben. Den Botanischen Garten hat er im Stechschritt durchmarschiert, selbst die mit Wärme ihn umfangenden Gewächshäuser konnten ihn nicht bewegen, langsamer zu werden. Der Zoo sollte nun also dafür sorgen, wieder in seine alte Gangart zu treten, auch seine wirren Gedanken zu klären, die in Spuren immer noch damit beschäftigt waren, die Verwüstungen aufzuräumen. Die U-Bahn war nur mäßig besetzt, trotzdem blieb er direkt hinter den Eingangstüren stehen, möglicherweise erhoffte er sich dadurch einen klareren Überblick. Als die Durchsage der nächsten Station mitgeteilt wurde und kaum die Öffnung der Schiebetüren breit genug durchzugehen, stieg er aus, sein Ziel Tante Annelie.

Im ersten Moment war es ihm, als erkenne sie ihn nicht, fürchtete, seine wirren Gedankenwelten wären auf seiner Stirn deutlich abzulesen, als sie ihn herzlich an sich drückte. Sie war nicht mehr gut zu Fuß, nach dem Unfall, bei dem ihr Mann starb und sie selbst schwer verletzt wochenlang in Klinken und Rehabilitationscentren aufgepäppelt wurde. Ihre Kinder erledigten für sie sämtliche kleinere und größeren Besorgungen, in der Wohnung bewerkstelligte sie mit einem Krückstock, an schlimmen Tagen mit einer Art Rollator den Haushalt, außerhalb war sie mit ihrem Rollstuhl unterwegs, den sie „hurry up“ nannte, wie sie ihrem Neffen erklärte, nachdem sie ihn durch den für sie befremdlich wirkenden Bart, oha, ein Hipster in der Familie, erkannt hatte.

Das großzügig geschnittene Wohnzimmer hatte einen offenen Erker, mit umlaufenden Sitzmöbeln, die geradezu einluden, sich an den runden Tisch zu setzen. Ihre vielen Fragen, das stetige amüsierte Lächeln, wenn er antwortete, ließen ihn immer tiefer in die Polster rutschen, er empfand dieses vermeintliche Einsinken als den Rettungsring für seinen Tiefgang der Gefühle und Gedanken. Dies selige Empfinden geriet ab und an in Bedrängnis, weil er aus dem gegenüberliegenden Haus, genauer hinter dem Dachfenster eine junge Frau stehen sah, die ihren Kopf, nach rechts, nach links, hinunter in den Vorgarten, hoch in den Himmel streckte, aber immer nur dann, wenn er nicht hinübersah. Er wußte, sie war da, er wußte, sie vollführte ständig die gleichen Bewegungen und er wußte, dies obere Dachfenster kann keine Wohnung sein, dies war lediglich ein Fenster eines Dachbodens.

„Du siehst sie auch? Das ist Helena, war sie nicht wunderschön! Als wir damals hier einzogen, konnte ich mir nicht erklären, warum ich ständig das Gefühl hatte, in dem Haus gegenüber würde jemand auf dem Dachboden leben. Helena lebte mit ihren Eltern und Geschwistern im oberen Stockwerk, sie war wohl ein Papakind und stand oben am Fenster, um auf ihren Vater zu warten, der endlich aus der Kanzlei nach Hause kommen sollte, damit noch genügend Zeit vorhanden wäre, um sie mit seinen Kindern zu verbringen, bis es Schlafenszeit war. Irgendwann kam der Vater nicht mehr nachhause, er wurde ohne Benennung einer Anklage verhaftet. Alle Bemühungen der Familie und ihr wohlgesinnten Freunden, ihn aus der Haft freizubekommen, scheiterten. Helena muß Stunden dort hinter dem Dachbodenfenster verbracht haben, um Ausschau zu halten, wenn diese Blicke immer noch die Kraft haben, andere Menschen zu erreichen, nur ihren innig geliebten Vater nicht. Die Familie floh, zuerst nach Amerika, später nach Israel. Das Schicksal des Vaters ist bis heute nicht geklärt, vermutlich haben sie ihn zu Tode gefoltert, das Ganze vertuscht. Es gibt keinen Nachweis, daß er in einem Konzentrationslager umgekommen ist, nirgends taucht sein Name auf. Helena hieß in Wirklichkeit Rena, sie kam in den 60iger Jahren in ihre Geburtsstadt zurück, kaufte ihr Elternhaus, zog aber niemals mehr ein. Sie überschrieb das Haus einer Erbengemeinschaft und einer Stiftung zu gleichen Teilen, die es in ihrem Sinne weiterführen. Es dient Familien als Zufluchtsort, wenn sie sich in Zeugenschutzprogrammen befinden oder auf Grund was auch immer, Schutz benötigen. Guck nicht so, das ist wahr. Nur der Name Helena ist von mir ausgedacht.“

„Warum nennst du sie Helena?“

„Harry, lange dachte ich, dies ist alles nur Einbildung, nach Günthers Tod war ich trotz der Fürsorge von Ulrike und Max so oft und viel alleine, der Blick von Helena half mir, mich zu erinnern, Günther kommt nicht wieder, niemals mehr. Ich wollte nicht Helena sein, die nur noch Ausschau hielt nach einem Stück Leben, das für immer verloren war. Helena nannte ich sie, weil mir dieses Gefühl der Wehmut, der Trauer, der Hoffnung, der Liebe passend schien, meinen Gram etwas Gutes Schönes abzuringen. Helena half mir, mich zu retten, noch bevor ich wußte, wer sie war. Oh, das ist sicher Walter, er wohnt seit einigen Wochen gegenüber, machst du ihm bitte auf, Harry? Und was hältst du davon, mit uns gemeinsam eine Runde spazieren zu gehen, auf dem Uferweg entlang des Wannsees kann man nicht nur das Wasser an das Ufer plätschern hören, er eignet sich auch bestens dafür, wirre Gedanken aus dem Kopf zu spülen. Na los, mach schon, hurry up!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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