Wenn Geräte zwischen Rat und Reden geraten


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Sprache ein markantes Indiz der Zeit

Haben Sie sich schon einmal die Mühe genommen und Ihre Geräte, die Sie im Haushalt zum Werken, fürs Auto, für die Gartenpflege, ja sogar zur Schönheitspflege benützen, aufgezählt? Gelistet, eine Tabelle erstellt? Mit Motor, ohne Antrieb, eigentlich unnütz, hat man halt, dringend erforderlich, kein Leben ohne dies Gerät möglich, vielleicht fallen Ihnen noch andere Differenzierungen ein.

Die Anzahl dieser Kategorien kann je nach Charakter in unterschiedlichen und vielen Prioritäten gegliedert sein. Was aber die Gesamtanzahl Ihrer Geräte angeht, so wird Ihnen nicht wirklich bis zu dieser Aufzählung bewußt gewesen sein, was Sie da täglich oder öfters an Geräten, um sich das Leben zu erleichtern oder weil es modern ist, sich mit diesem Gerät zu umgeben, an Material in die Finger, in die Hand nehmen.

Sie gebrauchen diese Instrumente, Werkzeuge, ohne nachzudenken, ähnlich wie Sie es mit Ihrer Sprache halten. Sie werden sich nicht bei jedem Wort, das Sie sprechen, schreiben, überlegen müssen, habe ich es richtig ausgesprochen, wie schreibt sich das Wort, ist es an dieser Stelle angebracht, was drückt das Wort aus, sondern es als selbstverständlicher Begriff verwenden, oder?

Nein, ja. Einfache Wörter wie Haus, Maus, gehen, laufen, haben Sie so verinnerlicht, daß Sie keinerlei Gedanken mehr daran verschwenden, wie zum Beispiel das Benützen von Messer und Gabel, das Auf- und Abschließen mittels eines Schlüssels, die Handhabung der Fernbedienung. Etwas anders sieht es aus, wenn Sie Wörter schon eine etwas längere Zeit nicht mehr geschrieben haben, dabei muß es sich nicht unbedingt um ein Fremdwort handeln, selbst sogenannte deutsche Wörter können es in sich haben, da kann es an der richtigen Aussprache oder der korrekten Schreibart mangeln. Hanebüchen, Lappalie, Elektrizität, nichtsdestotrotz.

Wenn man dies alles gemeistert hat, gesellen sich Wörter und Begriffe hinzu, die man vielleicht so frei Schnauze sprechen, einem Freund schriftlich mitteilen kann, die aber in einem Geschäftsbrief oder auch gegenüber Fremden, bei einer Ansprache nicht als empfehlenswert genannt werden können. Vergleichbar wenn Sie mit dem Messer Fleisch-Käsestückchen in den Mund führen, oder den Föhn in der Badewanne benützen. Wörter können zu Katastrophen führen wie die unsachgemäße Handhabung von Geräten.

Das Gerät, mittelhochdeutsch geræte, althochdeutsch girāti, Kollektivbildung zu Rat, Ausrüstung; Vorrat; Hausrat, Werkzeuge; Rat, Beratung. (Duden) Synonyme sind, Instrument, Rüstzeug, Maschine.

Der Rat, mittelhochdeutsch, althochdeutsch rāt, zu raten; ursprünglich, (Besorgung der) Mittel, die zum Lebensunterhalt notwendig sind; vgl. Hausrat; verwandt mit raten. (Duden) Andere Begriffe, Anregung, Hinweis, Lösungsweg, Vorschlag.

Es ist jetzt bereits zu erkennen, wohin eine falsche oder böswillig eingesetzte Sprache genauso wie falsch bediente Geräte führen und bezwecken können, oder?

Raten, mittelhochdeutsch rāten, althochdeutsch rātan, ursprünglich, (sich etwas) zurechtlegen, (aus)sinnen; Vorsorge treffen; verwandt mit Rede. (Duden) andere Wörter lauten, beraten, ermuntern, empfehlen, einschärfen, zureden, enträtseln, entschleiern, dahinterkommen.

Die Rede, mittelhochdeutsch rede, althochdeutsch red[i]a, radia, Rede (und Antwort); Sprache; Vernunft; Rechenschaft; ursprünglich, das Gefügte; zum Teil vielleicht Lehnbedeutung aus lateinisch ratio, Ratio. (Duden) Andere Wörter hierfür sind, Darlegung, Erörterung, Predigt, Vortrag, Gespräch, Kommunikation, Gerede, Diskurs.

Kurz auch Ratio erklärt, Ratio bedeutet Denkvermögen, Intellekt, Intelligenz, Vernunft, Verstand, Berechnung, Rechenschaft.

Die Sprache, Wörter, Begriffe, Laute wurden schon immer als Gerät, als Waffe benützt, denken wir an die Reden von Cato, die immer mit dem Satz geendet haben sollen, im Übrigen bin ich dafür, daß Karthago zerstört wird. Denken wir an Schlachtrufe, an Imitationen von Tiergeräuschen, um Gegner zu irritieren, um sich mit Gleichgesinnten zu verständigen oder um Tiere anzulocken. Schimpfwörter, Redewendungen, als ordinäre Gassensprache titulierte Begriffe. Sprache ist ein Gerät, um zu beruhigen oder aufzuhetzen.

Kann man davon sprechen, daß nicht jeder die Fähigkeit besitzt, sich sachgemäß in einer Sprache auszudrücken? Genauso wie man so gemeinhin sagt, jemand hat zwei linke Hände, dieser jemand kann nicht mal einen Nagel, ohne ihn zu krümmen in die Wand schlagen. Dann kann es andererseits auch möglich sein, daß jemand die Sprache und deren Wirkung gezielt einsetzen kann, wie jemand, dem alles gelingt, was er anpackt.

Die Bemühungen von Erziehungsberechtigten ihren Kindern nicht nur das Essen mit Messer und Gabel, sondern auch die Sprache zu lehren, geschehen so ziemlich überall auf der Welt. Dabei bedienen sich die Erwachsenen in der Regel anhand der Sitten und Gebräuche ihres Landes. Unübersehbar und überall gleich weltweit, möglicherweise gibt es doch ein paar Ausnahmen, beachten und sorgen die Lehrenden, Verantwortlichen, daß Kinder dabei nicht in einer unhöflichen, derben, beleidigenden Vulgärsprache sprechen und denken lernen.

Sprache ist einer Entwicklung unterstellt wie die Geräte. Sie formt und verändert sich. Manchmal sehr rasant, manchmal sehr träge und langsam, aber sie ist stets im Veränderungsmodus. Das Gleiche gilt für die Geräte, die Axt hat kaum an Aussehen eingebüßt im Laufe von Jahrhunderten, anders allerdings die Schlüssel. Da hat sich nicht nur die Form an den jetzigen Gebrauch verändert, sondern auch die Technik. Türen können mit Codes, Karten, Stimme, Handabdruck geöffnet werden.

Zurzeit erleben wir einen Wechsel in der Sprache, der initiiert von Menschen, die von sich behaupten, Wert auf Vernunft, Sitte, Anstand zu legen, verwandelt wird in eine Umkehrung zur Vulgär- Slang-, Gassenhauersprache. Begriffe wie Populismus, Patriotismus, Heimat, identitär, libertär, Humanismus, Faschismus werden mit neuen Bestandteilen versehen, bekommen neue Inhalte, damit eine Rechtfertigung besteht, selbst bösartige Sprachverdrehungen als normale Sprechkommunikation zu belegen.

Entsorgt wird jegliche Anstandsform in den Sprachinhalten, und schlimmer noch in die Sprache mischt sich unaufhörlich, unüberhörbar eine Attacke, ein Aufruf zum Angriff auf zwischenmenschliche Normen. Sprache als Gerät der Waffe, um andere zu verletzen, zu hetzen, zu diskriminieren, wird salonfähig gemacht. Wer bösartiger, aufrührerischer, hämischer, sarkastischer die Sprache benützt, wird bejubelt! Wer sich dagegen nicht wehrt, wenn dies nicht auch mit einer gewissen Strafe belegt wird, wie etwa Beleidigungen, dem ist zu unterstellen, daß er kein Interesse hat, sich für eine Sprachkultur einzusetzen.

Die Rede und das Gerät sind sprachlich miteinander verwandt, beide sind hilfreiche Mittel, um das Leben leichter zu gestalten. Es liegt an jedem, wie er diese beiden Hilfsmittel benützt. Aber genauso liegt es an jedem, sich dagegen zu wehren, wenn die Rede oder das Gerät dafür verwendet wird, anderen zu schaden. Bedenken wir, wie es in den Wald hinein gerufen wird, so schallt es zurück. Und dieser Schall wird Sie möglicherweise nicht mehr treffen, aber Ihre Nachkommen. Sie entscheiden schlußendlich, ob die Kinder mit Messer (Vulgärsprache, einschärfen, einheizen, aufhetzen) oder mit Löffeln (mit der Sprache schöpferisch umgehen) essen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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