Wie spät ist es?


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Sagen Sie mir nicht, wie spät es ist, auch wenn Sie es von meinen Augen ablesen können, erst recht nicht wenn ich Sie danach frage. Seien Sie einfach still. Denken Sie, Sie hätten sich verdacht, Sie würden nur irrsinnigerweise denken, was andere wissen wollen. Sie haben sich verhört. Geben Sie keine Auskunft. Verdammt nochmal, es wird Ihnen doch nicht schwer fallen, sich stur zu stellen. Verstecken Sie Ihre Armbanduhr, Ihr Smartphone. Und nein, wenden Sie nicht unnütz den Kopf auf der Suche nach einer Kirchturmuhr. Sie wissen einfach nicht, wie spät es ist. Ist das so schwierig zu verstehen?

Vergessen Sie´s einfach. Es interessiert mich überhaupt nicht, ob es nach Stand der Sonne, weil Sie gerade vom Bäcker kommen, weil Ihr Bus in, sagen Sie bloß nicht diesen Zeitbegriff, abfährt, eventuell kurz vor irgendetwas ist. Das weiß ich selbst. Bin schließlich nicht auf dem Mond aufgewachsen. Ihre Bemühungen in Ehren, mir helfen zu wollen, indem Sie mit Eventualitäten, kleinen Andeutungen mir zu verstehen geben wollen, welche Uhrzeit wir momentan haben, behalten Sie es für sich. Ich komme total damit klar. Sie sind ein guter Mensch, ein hilfsbereiter, ein mitfühlender. Das kann ich beurteilen. Unterlassen Sie Ihr Lächeln, ich nehme das Wort zurück, einschätzen, ich kann das einschätzen. Nicht beurteilen. Jetzt habe ich mich von Ihnen verleiten lassen, sogar gegen ein Wort auf Distanz zu gehen. Reicht es Ihnen nicht, wenn ich die Zeit von mir entfernt halte? Was wollen Sie damit bezwecken? Macht es Ihnen vielleicht Spaß, mich auf den Arm zu nehmen?

Aha, Sie stehen zufällig hier rum, setzen sich wieder auf die Bank, gehen ein paar Schritte, beobachten die Straße, einfach nur so, Sie haben kein Interesse an einer Konversation, die Sie auf andere Gedanken bringen könnte. Sie wollen keine anderen Gedanken zulassen, außer Ihre altbekannten. Wenn das so ist, bitteschön, kein Problem, gar keins. Mich interessieren Ihre Gedanken auch nicht. Jeder darf denken, was er will, das gibt Ihnen aber keinen Grund, mich dauernd vehement daran erinnern zu wollen, wie spät es ist. Ich nötige Sie schließlich auch nicht, daran zu denken, wann Sie das letzte Mal Hühnerbrühe gegessen haben. War es eine kleine Vorspeise zum nachfolgenden Menü, war es in Kindertagen, als sie krank und fiebrig im Bett lagen, war es in der Junggesellenbude schnell aus der Tüte ins kochende Wasser geschüttet? Sie sind nicht der Einzige, der Hühnersuppe ißt, ohne zu wissen, wie man sie zubereitet. Hühner und Suppe. Tolle Antwort.

Ich habe mich in Ihnen getäuscht, Sie scheinen ein Meister der Täuschung zu sein. Es liegt ihnen dauernd auf der Zunge, mir endlich zu sagen, wie spät es ist und das nur, weil Sie nicht an die Hühnersuppen denken wollen, die Sie immer gerne gegessen haben. Sie brauchen sich nicht umzudrehen, ich kann Ihre Gedanken auch am Hinterkopf ablesen. Was meinen Sie zu sehen, Sie haben doch eine Meinung? Da fahren bloß Autos vorbei, die haben Sie schon dauernd im Blickfeld. Gegenüber ist die Parkanlage, ein Bushaltestellenhäuschen, rechts fährt man in die Stadt, links fährt man aus der Stadt heraus. Beide Richtungen führen nach Rom. Wußten Sie schon. Na, dann.

Es ist doch völlig gleich, ob Sie nicht an Ihre Hühnersuppe erinnert werden wollen, oder ob ich nicht wissen will, wie spät es ist. Beides führt an dasselbe Ziel. Nach Rom. Natürlich nach Rom, oder favorisieren Sie Paris? Das hätte ich mir denken können. Paris, die Stadt der Liebenden, Venedig, die Stadt der Liebenden. Beides Städte der Liebe. Mon amour! Tesoro mio! Mein Liebling! Mein Schatz!

Verstehe ich vollkommen, wer will schon in die ewige Stadt, in die alle Wege führen, Endlosschleife. Endlosschleife für alle Ankommenden und Weggehenden. Immer die gleiche Tour, ewig nach Rom, ewig weg von Rom. Ewig hin zur Liebe, ewig weg von der Liebe. Ewig die Zeit, ewig die Hühnersuppe. Wenigstens haben Sie den Vorteil genossen, daß Ihr Magen angenehm gefüllt wurde mit dieser warmen Mahlzeit. Sie sind ein Glückskind. Meine Zeit hat mir noch niemals den Magen gefüllt. Im Gegenteil. Ich könnte gleich.

„Hallo, Schatz, hoffe, du hast nicht zu lange warten müssen? Ich weiß, ich habe mich etwas verspätet.“

Ehe Yasmin antworten konnte, trat der junge Mann, der ständig nervös hin- und hergelaufen, die Straße mit seinen Augen abgesucht hatte an Justin und Yasmin heran. „Mein Akku ist alle, ich weiß nicht, wie spät es ist! Wieviel Uhr haben wir jetzt?“

Yasmin griff an Justins Jacke und zerrte ihn die Straße lang Richtung Stadt. „Wenn du nur einen Ton von dir gibst, wie spät es ist, dann hat unser letztes Stündlein geschlagen!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Wie spät ist es?

  1. Ralle schreibt:

    Isch sach´s trotzdem: 7 1/2 “ nach zwölf!
    Die Idioten dieser Welt haben das Kommando übernommen und steurn auf den Abgrund zu! ;-(((
    Liebe >Rosalie< Es ist leider unser Zutun geschehen – die dunklen Mächte haben sich des Lebens bemächtigt und drücken die Menschheit in den Abgrund!
    Entschuldige – das habe ich anders gewollt, als ich Deine Mutter gezeugt, großgezogen und erzogen habe!

    Schade, diese Erde sollte ein friedlicher <ort sein, wenn Du auf sie kommst!
    Schade, Schade, Schade – das Pack macht nur Schaden für alle!
    Viele Grüße, Dein Großvater Ralf

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