Selbsternannte Saubermänner verdrecken Sitte und Moral


Besonders gern in Zeiten politischer Umbrüche

Forscht man nach dem Begriff Saubermann, folgt die Erklärung, jemand, der ordentlich und anständig ist, wie man es sich wünscht, jemand, der darauf achtet, dass die Moral gewahrt wird. (Duden) Das klingt etwas komisch in den Ohren, zumal der Begriff sehr gerne als Bezeichnung einer Person gilt, die alles andere ist, nur nicht „sauber“, das heißt, ihr Charakter ist nur vordergründig „rein“, in Wirklichkeit hat er es faustdick hinter den Ohren.

Die Annahme, eine Person, die sich mittels Kleidung oder permanenter Verweise auf moralisch, sittliche Lebensweise beruft, ist gleichzeitig die Reinkarnation eines unfehlbaren Menschen, trügt, vielleicht ist er bloß mit allen Wassern gewaschen.

In Zeiten politischer, wirtschaftlicher, sozialer Umbrüche, Differenzen, Mißstände tauchen diese Art der unfehlbaren Saubermänner wie Fliegen auf, die verfaultes Obst riechen. An und für sich nichts Schlimmes, denn um in der Vergleichssprache der Fliegen und des Obstes zu bleiben, zeigen sie doch vorzeitig an, daß alles Obst in der Obstschale zu verderben droht, wenn das faulende Obst nicht entfernt wird. Folgerichtig kann man den Fliegen dankbar sein für diese Warnung.

Aber wie sieht es aus, wenn die menschlichen Saubermänner warnen? Kann man dann immer noch davon ausgehen, daß sie sich nur auf die schädigenden Personen und Dinge stürzen? Bei weitem nicht, eher das Gegenteil ist der Fall. Oftmals ist das Zeigen auf die Mißstände, Verfehlungen anderer nur ein Vorwand, um seine eigenen negativen Beweggründe, Gedanken zu vertuschen.

Wenn einerseits von diesen Saubermännern verlangt wird, daß Respekt, Ordentlichkeit, Moral, Sitte, Werte, ja sogar Kultur gewahrt werden soll, sie dies aber stetig selbst absichtlich mißachten, um Aufmerksamkeit zu erlangen, wo bitte ist da nur ein Fünkchen an Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit erkennbar?

Sauber, mittelhochdeutsch sūber, althochdeutsch sūbar, über das Vulgärlateinische sobrius, nüchtern, mäßig, enthaltsam; besonnen, ursprünglich, sittlich rein. (Duden)

Die Sitte, mittelhochdeutsch site, althochdeutsch situ, ursprünglich, Gewohnheit, Brauch, Art und Weise des Lebens, wahrscheinlich verwandt mit Seil und eigentlich, Bindung. (Duden)

Das Seil, althochdeutsch seil, Verbindendes.

Geht man davon aus, daß für das Wort Sitte als kognitive verstandesgemäße Erklärung das Wort Seil als „Vorbild“ diente und Moral von mores, Denkart, Charakter hergeleitet wurde, so ist es doch zu verwunderlich, daß Personen, die Werte erhalten und fördern möchten, die verbindende Denkart durchschneiden, indem sie keinerlei Respekt vor Andersdenkenden, vor dem Nächsten wahren.

Im Gegenteil, es werden Begriffe, Wörter, Redensarten benützt, die jegliche Toleranz im zwischenmenschlichen Miteinander nicht nur vermissen lassen, sondern darauf abzielen, absichtliche verletzende Äußerungen als gerechtfertigt darzustellen. Inzwischen ist auffällig, daß sich dieser Personenkreis erlaubt, seine abfälligen Statements als die richtige Art und Weise zu verkaufen, indem er seine beleidigenden, diffamierenden, faschistoiden, rassistischen Ansichten den anderen in die Schuhe schiebt. Und warum kann er dies so einfach?

Er kann es deshalb, weil permanent Toleranzgrenzen strapaziert werden und sämtliche Formen einer Argumentation als Widerspruch, Gegenwehr abgetan werden. Im Prinzip würde hier nur eine totale Mißachtung seiner Aussagen helfen. Leider ist es nur zu menschlich, sich nicht alles gefallen zu lassen. Und genau hier bekommt dieser Personenkreis die Chance auf komplette Verdrehung der tatsächlichen Situationen, ähnlich einer nicht endenwollenden Diskussion mit einem Teenager, der es fertigbringt, alles Gesagte ins Gegenteil zu verdrehen.

Da nicht nur Verhalten, sondern auch die Sprachwahl einen Menschen prägt, stellt sich die Frage, wie können solche verbalen Ausfälligkeiten, gar körperliche Bedrohungen der jüngeren Generation erklärt werden?

Wie erklärt ein nach einer verantwortlichen Position Strebender seinen Kindern die grobe Verletzung des Respekts, der Nächstenliebe? Mit Sitte und Moral? So sieht Sitte und Moral aus, die die Saubermänner anstreben?

Das Seil als Begriffsgeber für Sitte stellt eine Linie dar, an der man sich orientieren kann. Die Denkart, der Charakter als Begriffsstütze für Moral, kann man vereinfacht in gut und böse einteilen. Saubermänner sollten die Fähigkeit besitzen, sich an bestehenden zwischenmenschlichen Verhaltenskodex, der auf Vermeidung von böswilligen Konfrontationen verzichtet, leiten lassen können. Ebenso sollten Saubermänner den Unterschied zwischen böswilligen Unterstellungen und guten Argumentationen kennen.

Können sie das nicht, dann sind sie nicht jemand, der ordentlich und anständig ist, wie man es sich wünscht, jemand, der darauf achtet, daß die Moral gewahrt wird.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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