Schlicht ist einfach schlecht


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flickr.com/ koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

Durch gleißende Sonne nicht blenden lassen

Bei Streitigkeiten die hitzige Debatte zu schlichten, indem man mit den Kontrahenten nach Kompromissen sucht, hat sicher jeder einmal in seinem Leben versucht. Ob dies immer glückt, ist nicht vorhersehbar. Sind Sie inzwischen des Konsums überdrüssig und bevorzugen ein schlichteres Leben, Ambiente, um zufriedener zu sein, glücklicher? Nun, bei beiden Wörtern, die etwas über schlichten oder schlicht aussagen, ist die zu erwartende Hoffnung auf Glück eher schlecht oder wenn doch, dann kommt das Glück möglicherweise schleichend.

Wie tief im Unterbewußtsein Zusammenhänge abgespeichert sind, kann anhand des Beispiels an der Wortherkunft von schlichten und schlicht gut ersehen werden. In diesen Kontext sei auch an „banal“ und „zollen“ erinnert.

Schlichten, althochdeutsch slihten, zu schlecht in der alten Bedeutung, eben, glatt, eigentlich, ebnen, glätten. Synonyme sind, vermitteln, verhandeln, einrenken, ausgleichen, dazwischentreten, glätten, intervenieren, bereinigen.

Schlicht, mittelniederdeutsch slicht, Nebenform von schlecht. Andere Wörter sind, ärmlich, bescheiden, asketisch, dürftig, einfach, elend, karg, gering, spärlich, blank, ungebildet, engstirnig, unbedarft, primitiv.

Schlecht, althochdeutsch sleht, ursprünglich, glatt; eben, zu schleichen in der Bedeutung leise gleitend gehen. Bedeutungswandel über die spätmittelhochdeutsche Bedeutung einfach, schlicht. (Duden) Andere Begriffe sind, fehlerhaft, desaströs, notdürftig, minderwertig, mangelhaft, stümperhaft, armselig, bösartig, schäbig, prekär.

Schleichen, mittelhochdeutsch slīchen, althochdeutsch slīhhan, eigentlich, gleiten. Ersetzbar durch, stiften gehen, verschwinden, huschen, weggehen, abhauen.

Nun kann man sich streiten, ob schleichen oder schlecht zuerst in den Wortbegriffen unserer Vorfahren Einzug fanden, nicht jedoch übersehen werden kann, daß schlichten und schlicht sich aus diesen Wörtern gebildet haben. Schlicht ist also schlecht, möglicherweise weil es abhaut. Das Wild zum Beispiel, das gejagt werden will. Die Schleicher, heuchlerische, diebische Menschen, weil sie nicht aufrichtig sind.

Wer schlichte Ansprüche stellt, kann nichts Gutes im Sinn haben? Schlichtes Leben ein Zeugnis von Ärmlichkeit, Engstirnigkeit? Eventuell ist schlichtes Handeln nur der Beweis für primitive, ungebildete, geringe Kompetenz, sich die Umwelt schön zu gestalten? Wer etwas ebnen, glätten will, hat der vielleicht etwas zu verbergen? Durch Vermitteln kann etwas bereinigt werden, was ansonsten zu sehen wäre, einen Pfusch zu übertünchen, die Wahrheit zu verdrehen?

Fragen über Fragen. Die Antwort, meinetwegen die Antworten, ist/sind in der Tatsache begründet, daß schlechtes nicht bekömmlich ist zur Nahrung, als Platz zum Verweilen, schleichen, sich wegschleichen aus einer Verantwortung nicht zu einem harmonischen Zusammenleben beiträgt.

Demzufolge wäre es aus Sicht der Sprachentwicklung eher als Warnung zu verstehen, sich vor Schlechtem zu schützen, ein Hinweis schlichtes nochmal einer Prüfung zu unterziehen, Schlichtungen zu hinterfragen, damit ein Kompromiß sich nicht als einseitiges Zugeständnis entpuppt.

In den Köpfen ist das „schlechte“ als bestimmende Tatsache hinterlegt, sonst könnte nicht so oft das „Schlichte“ als ein Wegschleichen aus der Gesellschaft gesehen werden, oder Schlichtungen von vornherein oft als faule Lösungen gelten.

Schlecht als Ableitung von schleichen birgt dennoch eine kleine Glückseinheit, denn das Wort schleichen ist von gleiten abgeleitet.

Gleiten, althochdeutsch glītan, wahrscheinlich eigentlich, blank, glatt sein und dann vielleicht verwandt mit gleißen, glimmen (Duden). Gleiten bedeutet fliegen, schweben, segeln. Gleißen, glimmen ist der Ausdruck für blinken, flimmern, funkeln, leuchten und sprachverwandt mit gelb.

Der Ursprung ist schlicht versteckt unter dem gleißenden Licht der Sonne. Vielleicht ist es nur dem Neid zuzuschreiben, um zu verhindern, daß man durchs Leben schweben kann ohne Hindernisse, weil man die Fähigkeit besitzt, ausgleichend, harmonisch sich zurechtzufinden. Man muß ja nicht gleich wie Dädalus auf die Idee kommen, mit Wachs zusammengehaltenen Federn seinen Traum vom Fliegen in die Tat umzusetzen. Wäre das nicht schlicht gesagt schlecht?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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