Grausammlerin


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Es ist unnötig, Fragen zu stellen, wie, wann begann die Faszination dieser Leidenschaft, oder zeugen ihre Arbeiten nicht von Melancholie, oder sehen Sie in ihrer Sammlung nicht eine Flucht aus der realen Umgebung? Sie werden keine Antworten bekommen, sie wird entweder mit Gegenfragen, sind Sie von der Leidenschaft nicht fasziniert, können Sie keine Gefühle zulassen, stehen Sie wirklich gerne im Regen, reagieren oder als ein Zeichen von höchster Mißbilligung beginnen, unzusammenhängende Textpassagen aus Büchern, Gedichten vor sich hin zu murmeln.

Zugegebenermaßen kann ich mich nicht entschließen, ob ihre Tätigkeit oder sie selbst tiefere Eindrücke bei mir hinterlassen hat. „Steine haben mir den Weg geebnet, was wäre da näherliegend, als ihnen Raum zu geben, um in ihrer Ausstrahlung zu leben. Grau ist nicht grausam, grau ist samt. Für mich natürlich auch samtig, aber ich meine das samt, das zusammen bedeutet. Die gesammelte Stärke von Materialien.“ Betritt man ihr Haus, führt ein langer dunkelgrauer Gang bemalt mit einer riesigen Schlange, die sich in dem Raum mehrmals auf der Wand über den Boden, entlang der Decke schlängelt und deren geöffnetes Maul die Türe bildet, durch die man in ein hellgraues Zimmer geführt wird. Auf dem farbigen Schlangenmuster glänzen silberne Plättchen, hinter denen kleine Lichtquellen versteckt sind.

Wie ein Höhleneingang, sagte ich, weil ich das Gefühl hatte, leicht zu schwanken. Sie nahm keine Notiz davon, überhaupt schien sie, mich nicht richtig wahrzunehmen, vielleicht bin ich nicht grau genug? Diesen großen Raum kannte ich schon, schon viele Male gesehen, auf großformatigen Photos in Ausstellungen, aber auch als Kulisse, maßstabsgetreu. Hellgrau, unförmig, schwer zu erkennen, ob quadratisch oder rechteckig, vielleicht oval. Überall stehen Möbel, graue Möbel, verschiedene Grautöne, mal matt, mal glänzend, mal aus Holz vielleicht, mal aus Plastik, Metall, was weiß ich. Wie fühlen Sie sich in einem Stein? Wow! Kann man mehr sagen als wow? Überall glitzernde Farbflecken, Gold, Messing, Silber, Kupfer, Weiß. Nicht zu erkennen, wo der Boden aufhört, die Wand anfängt, selbst wenn man sich an den Möbelstücken versucht zu orientieren, ist es schwierig, nachzuvollziehen, denn kein Möbel steht direkt an einer Wand, alles ist versetzt. Auch hier wird mir leicht schwindelig, habe etwa zu wenig gefrühstückt? Ich kenne doch diesen Raum.

Schwebt Sie! „Kommen Sie, Sie sehen plötzlich blaß aus, ist Ihnen nicht gut?“ Nein, nein, ich bin, ich bin überwältigt. Ganz in grau gekleidet mit einer Art Hosenanzug, der aber auch ein Kleid sein könnte, knöchellang, in grau, vermutlich Leinen, feines Leinen, fast zartfließend wie Seide tänzelt sie, ja, sie tänzelte, durch einen grauen Schrank. Es war ein Schrank, bis ich erkannte, daß es nur eine in den Raum eingebaute Flügeltüre war. Ihre dunklen lockigen Haare flatterten, wehten fast davon, hätte nicht das orangene Haarband, welches fast ihre gesamte Stirn bedeckte, dafür gesorgt, daß sie nur um ihren Kopf wirbelten. „Zugig hier, nicht wahr?“

Lichtdurchflutend, stürmisch, an einen Wintergarten erinnernd, präsentierte sich der nächste Raum, auch wieder ohne erkennbaren Übergang von Boden, Wand, Decke, mit vielen Fenstern. Überall standen diesmal aber Regale, Regalschränke, hingen von der Decke strickleiterähnliche Bretter, teils bis auf den Boden herunter. Verstreut, fast eher wahllos abgelegt wirkend, standen, lagen Kästchen, kann man Kästchen sagen, weil es waren eher Formen, offene Formen, grau und doch so angefüllt mit Farben, Abbilder miniaturgetreu ihrer Raumgestaltungen. „Hier ist der beste Platz zum Gedeihen, finden Sie nicht auch?“ Hell flutet die Sonne durch leicht aufgestellte Jalousien in die teils funkelnden Modelle herein, nicht erkennbar, woher und wodurch dieser Windzug entsteht, Windzüge, denn es ist ein wirbelnder Wind, kein Luftzug, warm, kalt, heiß.

„Was denken Sie, ich vergaß, Ihnen etwas zu trinken anzubieten!“ Wir betraten eine Küche, nein, wir betraten einen grauen Raum. Eine Höhle beleuchtet mit blauen und grünen, gelben, lila Lichtern, Polarlicht, ich faß es nicht, Polarlicht, ich steh im Polarlicht. Krisselig, schummrig, Tausend, Millionen Staubkörnchen scheinen mich zu umfangen. Sie öffnet eine graue Truhe, es gibt hier keinen Schrank, Sie trinken doch sicher eine Tasse Kaffee mit mir, und schon gießt sie aus einer Kanne heiß dampfenden Kaffee in eine, na, graue Tasse!

Wissen Sie was? Ich habe in grau geheiratet, ja, ehrlich, mein Brautkleid war grau, funkelnd grau mit Glasperlen und Silberplättchen geschmückt. Elmar trug einen grauen Anzug, mein Brautstrauß bestand aus Silberdisteln. Welchen Grund auch immer Grausammlerin, übrigens bin ich die einzige Person auf dieser Welt, die sie so nennen darf, hatte, alles was sie formt, gestaltet, entwirft den Hauch von warmen Stein, luftigen Felsen zu geben, sich einzufühlen in Gesteinswesen, sie lebendig werden zu lassen, veranlaßt hat, ich jedenfalls habe das Grauen verloren und gefunden. Ein Stein, der sich nicht bewegt, setzt grün an.

Ich werde kein grün mehr ansetzen, nicht vermodern, (in)grūēn ist das alte Wort für grauen. Seit ich das weiß, grause ich mich nicht mehr und wenn ich millionenfach einen Stein wie Sisyphos den Berg heraufrolle. Schließlich kann ich auch wie Naranath Bhranthan empfinden, der den Stein aus purer Lust den Berg hinaufschleppte, damit er sich am Herunterrollen des Steines erfreuen konnte.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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