Sanft sammeln


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Nicht immer der Nabel der Welt sein

Sanft gleiten seine Hände über ihren nackten Rücken. Der Wind strich sanft über die Weizenfelder. Seine sanfte Stimme überraschte sie. Sanfte Hügel sind das Merkmal dieser Landschaft. Der Stoff hat einen sanften weichen Fall. Die sanfte Tour bedeutete für sie nicht Stubenarrest, sondern ein ellenlanger Monolog über das richtige Verhalten. Besonders sanft fühlt sich Samt und Seide an. Sanft berührte sie das weinende Kind. Mit dem sanften Blick der Güte.

Oftmals, so scheint es, wird das Wort „sanft“ verwendet, wenn das Geschehen mit einem kleinen Spritzer Romantik unterstrichen werden soll. Oder benützen Sie das Wort öfters? Etwa ständig? Jeden Tag? Schätzungsweise nicht, außer Sie neigen generell zu ein wenig Überschwänglichkeit. Nicht, daß das verwerflich oder etwa zu belächeln wäre, vielleicht ist es eher außergewöhnlich zu nennen.

Sanft, mittelhochdeutsch senfte, althochdeutsch semfti (Adverb mittelhochdeutsch sanfte, althochdeutsch samfto), eigentlich, gut zusammenpassend, zu sammeln. (Duden) Andere Umschreibungen sind, freundlich, behutsam, delikat, sorgfältig, unauffällig, weich, zart, angenehm, geduldig, friedlich, schonend, gelinde, mild, zurückhaltend, unmerklich, gütig, still, dezent, unaufdringlich, harmlos, achtsam.

Wer gerne selbst Beeren sammelt oder Früchte erntet, weiß, daß es keine schlechte Idee ist, die Früchte sanft anzufassen, bevor sie weiterverarbeitet werden. Schließlich wird nicht aus jeder Frucht ein Obstwässerchen. Auch sollte bekannt sein, daß nicht alle Sorten von Früchten oder Gemüse zusammen harmonisieren, schließlich sind nicht alle Menschen Liebhaber von Essiggurken mit Erdbeerstückchen garniert.

Sammeln, mittelhochdeutsch samelen, dissimiliert aus älter: samenen, althochdeutsch samanōn, mittelhochdeutsch samen, althochdeutsch saman, zusammen. (Duden) Synonyme sind, auflesen, ernten, pflücken, einladen, vereinigen, meditieren, einigen, aufheben, horten, zusammenraffen.

Zusammen, mittelhochdeutsch zesamen(e), althochdeutsch zasamane, aus zu und mittelhochdeutsch samen, althochdeutsch saman , gesamt, zusammen, ursprünglich eins, in eins zusammen, einheitlich, samt; vgl. sammeln, -sam. (Duden)

Möglicherweise haben wir es hier mit drei Wortbegriffen zu tun, die schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte eine Rolle gespielt haben dürften. Abgesehen davon, daß bei Affen, aber auch bei anderen Tieren, das gemeinsame Futtersuchen und das gemeinsame Fressen zusammen ein Bestandteil des „Zusammengehörigkeitsgefühls“ bedeutet. Dies ist über all die Zeit, außer vielleicht bei den Menschen, je nach Sicht auf die zwischenmenschliche Lebensweise, gleichgeblieben. Herauszulesen ist allerdings im Gebrauch der Sprache, daß die drei Wörter nicht umsonst eine sprachliche Verwandtschaft besitzen.

Sanft miteinander umzugehen, ist ein Zeichen von Respekt, Liebe, Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist bei Mensch und Tier zu beobachten. Dies ist sprachlich in den Wörtern sänftigen (sanft machen), besänftigen (beruhigen, trösten) zu erkennen. Zusammen, sammeln, sänftigen.

Nun wurde am Anfang des Textes geschrieben, Menschen, die das Wort „sanft“ bei vielen Gelegenheiten in der Sprache gebrauchen, seien ein wenig, oder darf es etwas mehr sein, romantisch sanft angehaucht. Oder sind diese Menschen, nachdem Sie jetzt die Ursprungswörter kennen, bloß diejenigen, die „sanft“ als Umschreibung benützen, als etwas Selbstverständliches sehen, also nicht der Rede wert, damit etwas herauszustreichen, weil es eigentlich zum täglichen Umgang gehört, sanft zu sein, zusammen zu sammeln?

Im Umkehrschluß bedeutet dies, sanfte Wörter, sanfte Redensarten, sanfte Stimmen, hier sei an den Kreide fressenden Wolf erinnert, aus „Der Wolf und die sieben Geißlein“, verleiten Menschen sich in Sicherheit zu wiegen. In einer Sänfte getragen zu werden, die Ruhe, Annehmlichkeit, Gemächlichkeit, Zufriedenheit, Behutsamkeit, Harmlosigkeit ausstrahlt. Eben alles das, wonach man sich sehnt, Frieden, Zusammengehörigkeitsgefühl, Liebe, Anerkennung.

Und genau deshalb ist es besonders angebracht, hellhörig zu werden, wenn jemand auf leisen sanften Pfoten mit einer angenehmen weichen sanften Stimme Argumente, Meinungen, Ansichten vertritt, die ein Sammelsurium von Zusammenhalt faseln, das bei der kleinsten Zwischenfrage sich als zusammengedrückter Brei aus unterschiedlichen Themen herausstellt, und nur funktioniert, wenn man sich nicht mal dezent, an einengende Regeln hält. Sanft geht anders. Sanft heißt nämlich auch zurückhaltend, geduldig, rücksichtsvoll, sich selbst nicht immer als den Nabel der Welt zu sehen. Sanft, eben.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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