Ich bin anders


https://pixabay.com/de/black-and-wite-menschen-wandern-2602986/

pixabay.com

Natürlich bin ich anders. Ich bin gerne allein. Zugegebenermaßen trifft dies auch auf viele andere zu, dennoch mein Alleinseingefühl unterscheidet sich doch wesentlich von dem der anderen. Zu den Einsiedlern zähle ich mich nicht, auch nicht zu den Alleinseinfetischisten, die ihre Therapieaufgabe erfüllen, indem sie sich zeitweilig fern aller Hektik in eine stille Oase zurückziehen. Die Rolle der Einsam-Alleinsam-Verehrer, die sich nie so richtig entscheiden können, ob ihr Alleinsein schon den Anspruch auf Einsamkeit erfüllt, oder eventuell die Einsamkeit die Bedingung für das Alleinsein darstellt, ist mir auch nicht auf den Leib geschrieben. Die in sich gekehrten Einsamen, die das Alleinsein als oberflächliche Geisteshaltung herabwürdigen, weil die Alleinsein-Seienden für sie vergleichbar sind, mit dem elitären Gehabe einen Porsche fahren zu wollen, in Wirklichkeit Fahrradfahrer sind, davon bin ich meilenweit entfernt.

Mein Alleinsein ist durch nichts beschränkt, ich lebe es ganz offen. Dafür brauche ich keinen bestimmten Ort, keinen anstoßenden Anlaß. Meine Alleinsamkeit lebe ich auch in Geselligkeit aus, warum sollen andere nicht mein Alleinsein bemerken oder nicht daran teilhaben? Störend sind allenthalben die Fragen, geht es dir gut, ist dir langweilig? Hey, wenn mir langweilig wäre, wäre ich schon längst gegangen, okay!

Ich gehe immer, wenn mir langweilig ist. Nicht umsonst habe ich fünf Mal geheiratet. Mich fünf Mal scheiden lassen. Ehe Nummer sechs steht an mit Hanjo. Demnächst, sobald meine Scheidung rechtkräftig ist, immer dieser ganze Zinnober. Das werde ich nie verstehen. Bei Bruno hat sich mein Gehen über ein Jahr hingezogen, er wollte unbedingt seine Liebe retten, und was war mit meiner? Nun ja, die Therapiestunden habe ich gegen Schluß richtig genossen. Eigentlich war mir nach der Scheidung nicht wirklich klar, wer mehr erleichtert war, die Therapeutin oder Bruno, als er endlich bereit war einzusehen, daß man Gehende nicht aufhalten kann.

Mit Bruno habe ich keinen Kontakt mehr, er muß sich wohl erholen, jedenfalls hat mir das Beate erzählt, mit meinen anderen Exmännern pflege ich losen Kontakt, ein Telefonat da, eine kleine Nachricht hier. Nicht alle wissen von meinen Treffen mit ihren jetzigen Frauen oder Freundinnen, es gibt Tage, da sind sie mir die besten Freundinnen. Auch wenn ich weiß, hinter meinem Rücken wird über mich gesprochen, aber dies geschieht nun mal, wenn man anders ist!

Es ging bei meinen Ehen nie um Geld oder Sex, bei der Scheidung schon gar nicht. Es ist eher der Umstand, der mein alleiniges ich ständig umtreibt, daß ich kein wir leiden mag. Ja, jetzt ist es raus. Ich hasse wir. Nicht das wir von, wir waren zusammen im Restaurant, Kino, Urlaub, bei den Eltern, beim Schwimmen. Die sind okay, jedenfalls, nun, damit kann man umgehen. Aber das wir, wie wir gehen zusammen spazieren, wir gehen einkaufen, wir suchen uns ein lauschiges Plätzchen, da wird es unerträglich. Diese Vorwegnahme von, wir tun. Gar nichts tun wir. Ich alleine tue etwas, hinterher taten wir es gemeinsam. Was ist daran falsch?

Frauen lieben Handtaschen und Schuhe. Geht’s noch? Nehmt mich sofort heraus aus diesem wir. Diese Verallgemeinerung ist nicht zum Aushalten. Nicht jeder Schuhkauf, den ich je getätigt habe, ist ein Beweis dafür, daß ich Schuhe liebe. Ich gehe liebend gerne barfuß. Über die Blondinenwitze möchte ich hier gar nicht reden, nein, ich bin nicht blond. Mein rosa Sommerkleidchen habe ich mir nicht ausgesucht, weil ich auf rosa stehe, sondern weil ich die Therapeutin, die von damals mit Bruno, ärgern wollte. Schön kurz, zu kurz und auch zu eng. Bruno half mir mit seiner Jacke aus, als wir zum Auto gingen. Da haben sie es gehört, ich sagte wir gingen. Vergangenheit. Bruno fand es amüsant als die Nähte platzten, und wir haben glückliche Tage danach verbracht, wie im siebten Himmel.

Und diese Krakeeler, die dauernd schreien, wir sind das Volk, okay, gut für euch, da weiß ich wenigstens, wer ihr seid. Aber ich gehöre nicht zu eurem Wir-Volk. Ich nicht. Unterlaßt diese Unterstellung, mich zu vereinnahmen, ihr kennt mich nicht mal. Brüllt was immer ihr nicht lassen könnt, aber brüllt nicht wir.

Ich bin anders. Ich bin gerne allein. Ich bin fünf Mal geschieden. Ich war noch nie einsam. Wenn ihr es seid, ist das euer Problem, das berechtigt euch aber nicht dazu, durch ein Wir so zu tun, als sei ich ein Teil von euch. Mitnichten. Wer mit mir rechnen will, der muß schon…

„Hallo Hanjo!“

„Hey, Susi, du hör mal, ich gehe heute Abend zum Schorsch essen!“

„Zum Schorsch? Da war ich schon länger nicht mehr.“

„So gegen acht, bin ich da!“

„So gegen acht, okay. Klingt gut! Bis dann!“

So geht moderne Kommunikation. Kein einziges wir, oder hat er etwa gesagt, wollen wir uns heute Abend bei Schorsch zum Abendessen treffen? Hat er nicht. Keine Vereinnahmung und ich weiß heute Abend sitzen zwei Alleineliebhaber bei Schorsch. So geht das mit der Gemeinsamkeit. Schließlich bin ich nicht alleine auf der Welt, aber alleine anders. Außer ich bin mit Hanjo.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s