Ich bin nicht dicht


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flickr.com/ neckebrock/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Ich lebe mit meinem Mann seit einigen Monaten, oh, sind es wirklich schon Monate? Draußen auf den Straßen und Dächern liegt Schnee, es ist kalt, der kleine Ofen in der Küche wärmt seit einigen Tagen nicht mehr die Wohnung. Unser Vorrat an Holz und Kohle ist inzwischen so gering, daß ich ihn nur noch einmal am Tag befeuere, damit Vincent etwas Warmes zu Essen bekommt, wenn er durchgekühlt und durchnäßt nach seiner Arbeit in einem der Lagerschuppen an der Seine beendet hat. Meistens Kartoffeln mit Kohl. Das allerdings liegt nicht nur an unserer finanziellen Knappheit, sondern weil ich mich als Köchin nicht eigne.

Ich bin durchgebrannt mit Vincent. Er war mit seinen Freunden auf Radtour von Straßburg aus, kurz für einen Abstecher in den Schwarzwald gefahren. Es war Frühjahr, und ich machte Besorgungen für meine Herrschaft. Als Tochter eines armen Bauern war diese Anstellung als Dienstmädchen so etwas wie das große Glück. Das sich allerdings schnell als Traumblase herausgestellt hat. Schweres Arbeiten auf dem Hof war ich gewohnt, aber hier in der Villa ist das Arbeiten eine Tortur. Kaum ist mir eine Pause gegönnt gewesen, selbst nachts wurde ich des Öfteren geweckt, wenn Madame, so hatte ich sie anzusprechen nach mir verlangte. Ich mußte mich selbst zu dieser Tageszeit ordentlich kleiden, Frisur mußte sitzen, kein unabsichtliches Fältchen durfte meinen Rock, die Schürze und die Bluse zieren. Ich sehnte mich zurück zu meinen Eltern und Geschwistern, dachte mir Pläne aus, wie ich diesem Haus entkommen könnte, ohne meiner Familie zu schaden.

Vincent hat mich angefahren, von hinten. Von seinem Redeschwall verstand ich kein Wort. Traumhaft hörte ich auf seine Sprache, traumhaft genoß ich die folgenden Stunden. Traumhaft folgte ich ihm in der Nacht über die Grenze.

„Oh, Suzanne, oh, Suzanne! Meine Liebe.“

Kein Tag vergeht ohne stürmische Begrüßung, morgens beim Aufwachen, beim Nachhause kommen. Vincent erklärt mir aufgeregt, Monsieur Bertrand, der einen Laden für Spitze, Seide, Hüte und edles Leinen führen würde, suche dringend jemanden als Aushilfe. Er zieht mich hinter sich her durch Straßen und Gassen, die ich noch nie gesehen habe, mein Orientierungssinn ist bereits längst verloren, als wir durchgekühlt und durchnäßt in einen kleinen Laden treten. Monsieur Bertrand schien gewartet zu haben, er lief auf und ab, gestikulierend. Zwei Frauen stehen hinter der Ladentheke und ein junger Mann lehnt an der Türe, die wohl in die hinteren Räume führt.

„Ah, da sind Sie ja endlich!“

Er nimmt mich an die Hand, zeigt mir die Waren, in den Regalen, in Schaukästen, hinter der Theke, öffnet Schubladen, bleibt schlagartig stehen.

„Meine Frau Arlette, mein Sohn Philippe, meine Tochter Suzette!“ mit einer weitschweifenden Handbewegung stellt er mir seine Familie vor.

„Verzeihen Sie mir, ich bin ansonsten nicht so unhöflich, aber wenn ich nicht sofort Ersatz für Fräulein Marie finde, geschieht eine Katastrophe, wenn ich den Auftrag nicht pünktlich abliefern kann. Sie ist einfach abgehauen, auf und davon, hat sich einem Kerl an den Hals geschmissen und weg. Zwölf Tischdecken müssen bis Donnerstag noch bestickt werden. Zwölf! Und die ganze Arbeit umsonst! Nie mehr wird mir jemand so einen Auftrag für eine Hochzeit geben. Ich bin ruiniert! Wegen zwölf Tischdecken!“

„Papa, wir haben doch die Servietten, die Bettwäsche, die Kissenbezüge!“

„Suzette, keiner kauft uns die Ware mehr ab, sie tragen alle die Initialen Z.v.V., Zacharias van Verbeek. Wer hat denn schon solche Initialen?“

Inzwischen sind auf dem Holzboden durch die nasse Kleidung, die verschmutzten Schuhe von Vincent und mir kleine Wasserlachen unübersehbar verteilt. Soweit ich es abschätzen kann, wäre es überhaupt nicht schwierig, die Tischdecken bis zum verlangten Termin zu besticken. Die Muster, die mir Frau Bertrand gerade eben zeigt, sind einfach und mit ein bißchen Geduld und Spucke, wie meine Tante immer gesagt hat, kann ich mir vorstellen, sie mit Leichtigkeit auf die Tischdecken zu sticken. Trotzdem komme ich mir ziemlich peinlich vor, erstens empfinde ich Herrn Bertrand und seine Familie als sehr nett, sympathisch, keineswegs Menschen, die mich abfällig beäugen, weil ich ehrlich gesagt, schrecklich in meinen zu großen, abgetragenen Kleidungsstücken aussehe. Zweitens beginnen unsere Kleidungsstücke einen müffelnden Geruch von sich zu geben, je länger wir hier in dem gewärmten Laden stehen. Und drittens fängt meine Nase an zu laufen, ich habe kein Taschentuch bei mir. Viertens mühe ich mich, meine Tränen zurückzuhalten, aus Freude über die Arbeitsmöglichkeit, wie ein Geschenk des Himmels.

„Ich bin nicht dicht, wie Sie sehen, aber ich werde dafür sorgen, daß Ihr Laden nicht dicht ist“, schluchze ich.

Alle sehen mich an, und ein schallendes Gelächter erfüllt den Raum.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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